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Giambolognas Bronzefigur : Ein göttliches Abbild von Souveränität

  • -Aktualisiert am

Gehört nach Dresden: Giambolognas Kriegsgott „Mars“ Bild: Arrigo Coppitz

Ein Sonderfall der Kunst: Warum Giambolognas Bronzefigur des „Mars“ auf keinen Fall versteigert werden sollte. Ein Gastbeitrag.

          Zeitgenossen berichteten von Michelangelo, dass er in einer Verwahrlosung lebe, wie es einem Ehrenmann nicht gezieme. Durchweg verkehrte sich diese Feststellung jedoch in den Beweis einer Unbedingtheit, die jenseits aller Bequemlichkeit und Äußerlichkeit allein auf das schöpferische Ingenium gerichtet sei. Diese Umdeutung war symptomatisch. Künstler von außerordentlichem Rang wurden als Wesen einer Sondergattung gewertet, die den Kategorien des Gewöhnlichen und der sozialen Normbildung nicht zugänglich seien. Rhetorisch als „zweite Götter“ herausgehoben, wurden zahlreiche Künstler in den Adelsstand erhoben. Ihnen, und ihnen allein, begegneten Herrscher auf derselben Ebene als gleichberechtigte Freunde oder gar als Diener. Dass Kaiser Karl V. den herabgefallenen Pinsel Tizians vom Boden aufhob, war der Clou dieser auratischen Gleichstellung von Herrscher und Künstler.

          Wie Martin Warnke in seiner Untersuchung zur Hofkunst dargelegt hat, zeugte es im Rahmen dieser Sonderstellung von Kleinlichkeit, wenn Potentaten und Hofkünstler Verträge nach den Kriterien kaufmännischer Ansprüche aushandelten. Werke der höchsten Wertschätzung wurden nicht geliefert und bezahlt, sondern geschenkt und durch Gegengeschenke entlohnt. In der höchsten Sphäre der Kunst war die Mechanik des Geldverkehrs ausgehebelt. Dies bedeutete nicht, dass die Künstler keine Bezahlung erwarteten, aber zum Stil des jeweils übereigneten Werkes gehörte es, mit ihm umzugehen, als sei es dem Krämerischen des Feilschens um den Geldwert enthoben. Dass Kunstwerke von künstlerischen „Göttern“ allein als Geschenke empfangen werden konnten, hatte Benvenuto Cellini mit seinem schier unübertrefflichen Salzstreuer für den französischen König François I. vorgeführt: der Wiener Saliera. Als dieser sie empfing, erklärte er sie für zu kostbar, als dass er sie mit den Händen berühren könne, und gab sie an Cellini zurück. Christusgleich weihte dieser sein Werk daraufhin mit Mitarbeitern und Freunden wie bei einem Abendmahl ein, um es daraufhin dem König erneut zu schenken. Erst jetzt nahm François I. dieses an, um es mit einem entsprechenden Gegengeschenk zu bedenken.

          In diesen Umgangsformen entschied sich eine Kategorie, die heute verlorenzugehen droht: Souveränität. Der von Giambologna geschaffene Mars gehört in diese Kategorie. Ohne dass es einen Auftrag gegeben hätte, erhielt der sächsische Kurfürst Christian I. dieses Meisterwerk der Bronzekunst als unverhofftes Geschenk, und er entlohnte es mit einer wahrhaft fürstlichen Goldkette. Giambologna konnte auf Derartiges hoffen, aber er hätte den Gegenwert unter keinen Umständen einklagen können. Zwei Souveräne begegneten sich.

          Diese Entstehungsbedingung blieb dem Mars auf eindrucksvolle und kaum erklärbare Weise verhaftet. Er wurde nach der 1924 erfolgten Erwerbung durch Griesheim-Elektron vier Jahre später an einen ihrer Repräsentanten um dessen Verdienste willen verschenkt, der sie seinerseits 1972 an seinen Sohn vermachte. Dieser verschenkte sie schließlich im Jahr 1988 an die Bayer AG, um als Beispiel eines Anspruches betrachtet und wahrgenommen zu werden, der jedwede Arbeit als Element einer Kulturleistung begriff (F.A.Z. vom 30. Juni)

          Die unerhörte Spannung von Giambolognas Kriegsgott verdankt sich einer inneren Bewegung, die angedeutet, aber nicht ausgeführt oder realisiert, aber durch ein Gegenmotiv gebunden wird.

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          Die latent bleibende Motorik äußert sich in der weit gespreizten, aber nicht treibenden Fußstellung, dem surreal nach außen rudernden linken Arm, auf dem sich die Adern über dem Unterarm und der Hand wie von innen heraus zu pressen versuchen, dem weniger stark abgewinkelten rechten Arm, dem herrisch zur Seite gewendeten, aber reflexiv bleibenden Kopf und schließlich dem kleinen, aber eregierten Glied.

          Diese Balance von Bewegung und Gebundenheit komprimiert das bipolare Motto augusteischer Herrschaft. In einer von innerer Energie geradezu sprühenden Weise verdeutlicht die Figur des Mars das Leitbild des „Festina lente“: Ruhe und Bewegung, Reflexion und Tat müssen zusammenspielen, um eine weise und damit glückliche Herrschaft zu ermöglichen.

          Die Bayer AG hätte die vielleicht nicht wiederkehrende Gelegenheit, sich dem Anspruch dieser Figur gewachsen zu erweisen und eine Souveränität zu realisieren, aus der heraus mit dem Sonderfall eines herausragenden Werkes der Kunst keine Geschäfte gemacht, sondern Geschenke übergeben werden.

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