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Giacometti bei Sotheby’s : Cherchez la femme!

Kein feiner Zug: Eine Giacometti-Bronze wird erst beworben – und hat dann keinen Preis.

          3 Min.

          Eine seltsame Hybrid-Veranstaltung fand vom 20. bis zum 27. Oktober statt – durchaus als Sensation angekündigt: „Sotheby’s to offer Alberto Giacometti’s famed Grande femmeI, in a sealed private sale“. Unter dem Motto „In Confidence: A Masterpiece by Alberto Giacometti“ handelte es sich um eine silent auction, die, so das Auktionshaus, „die Diskretion eines Privatverkaufs mit der Dynamik einer Auktion verbinden“ solle: Das sei ein Verkauf, „maßgeschneidert“ für diesen historischen Moment. Wieso eigentlich? Müsste das nicht eher heißen: ein anonymes Millionenspiel, zugeschnitten auf eine ganz bestimmte Klientel? Diese Kunden gaben ihre vertraulichen sealed bids ab. Die Schätzung für die Skulptur lag bei neunzig Millionen Dollar. Die Teilnehmer wurden informiert, wenn sie überboten wurden, um womöglich selbst ein neues höheres Gebot einreichen zu können. Dem Höchstgebot bei Ablauf der Zeit sollte das Los, das nach Auskunft der Firma nicht mit einer Garantiesumme abgesichert war, zufallen.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Diese Erwartung von neunzig Millionen Dollar nahm sich, angesichts der Auktionspreise für Giacometti-Skulpturen seit einem Jahrzehnt, beinah moderat aus. Die Liste wird angeführt von „L’homme au droigt“ von 1947, bei Christie’s 2015. Taxiert auf 130 Millionen, erging der Zuschlag für die 177,5 Zentimeter hohe Bronze bei 126 Millionen Dollar. Mit Aufgeld sind das 141,3 Millionen, bis heute der Auktionsrekord für eine Skulptur. Ihr Käufer soll der Hedgefonds-Manager Steve Cohen sein. Einlieferer war der amerikanische Immobilienunternehmer Sheldon Solow, der sich im Januar 2021 – in einer regulären Auktion – von seinem Botticelli-Bildnis trennen will, bei einer Erwartung von achtzig Millionen Dollar. Zu Solows Kunststiftung soll übrigens, laut der Agentur Bloomberg, auch ein weiterer Guss der „Grande femmeI“ gehören.

          Hohe Erwartungen

          Bei Sotheby’s in London brachte zuvor 2010 „L’homme qui marche“, 183 Zentimeter hoch und gegossen 1960, umgerechnet netto 92,5 Millionen Dollar; die Taxe lag damals bei gerade einmal 19,1 bis 28,7 Millionen. Einlieferer war die Commerzbank. Ihr war der „Schreitende Mann“, ein Entwurf Giacomettis für eine – nie realisierte – Installation auf der Chase Manhattan Plaza in New York, bei der Übernahme der Dresdner Bank zugefallen. Die Käuferin, die mit Aufgeld 104,3 Millionen Dollar bezahlte, war die in Monaco lebende Milliardärin Lily Safra. Knapp dahinter – mit dem Hammerpreis von neunzig Millionen Dollar – rangiert „Le Chariot“ von 1950, bei Sotheby’s in New York 2014. Die Erwartung dafür hatte „im Bereich von hundert Millionen Dollar“ gelegen, wohl orientiert am „Schreitenden Mann“ vier Jahre zuvor. Auch diese golden patinierte Bronze-„Kutsche“ soll Steve Cohen gekauft haben.

          Jetzt also die „Grande femme I“, gegossen 1960. Mit gut 270 Zentimetern Höhe überragt sie die genannten Vorgänger bei weitem, ist einigermaßen monumental. Sie gehört zu einer Gruppe von fünf Frauenfiguren, die Giacometti – ebenfalls für New Yorks Chase Manhattan Plaza – entworfen hat. Ihr Einlieferer ist, nach Medienberichten, Ronald Perelman, ein siebenundsiebzigjähriger Milliardär, dem unter anderem der Revlon-Konzern gehört. Er trennt sich zurzeit, im Zeichen der Pandemie, nicht nur im Kunstmarkt von weiten Teilen seines Besitzstands. Perelmans „Große FrauI“, einer von neun zwischen 1960 und 1981 ausgeführten Güssen, kam, laut Bloomberg, zuletzt 1989 bei Christie’s zur Auktion, verkauft damals für brutto 4,95 Millionen Dollar. 1993 soll dann Perelman die Plastik von dem Händler Jeffrey Loria erworben haben, für eine ungenannte Summe.

          Nach dieser Gala der Preis-Superlative – vor allem nach der vollmundigen Ankündigung der silent auction, eines am Kunstmarkt unüblichen Procedere – durfte man wahrhaft gespannt sein auf das Ergebnis für die „Grande femmeI“. Würde sie den bisherigen Giacometti-Lauf fortsetzen, womöglich mit ihrem Gardemaß den Rekord brechen? Aber – Fehlanzeige! Das Werk sei zwar verkauft, der Preis werde aber nicht bekanntgegeben, verlautet auf Anfrage aus dem Auktionshaus. Fast hatte man es befürchtet. Aber es bleibt ein merkwürdiges Gebahren, in mehr als einer Hinsicht. Was soll das?

          Der nächstliegende Gedanke könnte sein, dass es kein ausreichendes Gebot für die Figur gab. Peinlich wäre das, nicht gut natürlich für die Besitzer der anderen Bronzen mit ihren neunstelligen Preisen. Aber die geschickte Verschleierung dieses Malheurs sähe anders aus. Den Endpreis für das Werk zu verschweigen heißt aber zudem, dass Sotheby’s ein Stück Transparenz im Auktionsmarkt konterkariert, die zumal auf diesem Feld Alberto Giacomettis für Orientierung sorgt. Zweifellos wird man sich im Club der potentiellen Erwerber zwischen Amerika und Asien erkannt haben; das kann ja reichen. Der Rest ist das Publikum auf den Rängen. Warum nur wird die Öffentlichkeit erst informiert und damit einbezogen – um dann in ihrem verständlichen Interesse frustriert zu werden? Sollte ernsthaft bloß eine Trophäe vorgezeigt werden? Damit dann diesen mehr oder weniger blinden Poker ein paar Superreiche unter sich austragen? Vertrauen stiften, in diesem historischen Moment, geht anders. Lieber möge ein private sale eben – privat bleiben. Auf Indiskretion ist dann Verlass.

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