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Gerichtsverfahren : Ist das Recycling von Raubkunst?

Der New Yorker Kunsthändler Richard Feigen klagt gegen das Auktionshaus Lempertz in Köln: Die Entscheidung könnte für den Handel mit restitutionsbehafteten Bildern grundsätzliche Folgen haben.

          Der Fall Gurlitt stellt auch - und umfassender als das bisher erörtert wird - Fragen an den Kunsthandel und an die Auktionshäuser: Wie verfahren sie mit Werken, die sich, womöglich erst nach dem Verkauf, als Restitutionsfälle herausstellen? Inwieweit sind sie verpflichtet und - es geht dabei um juristische, aber auch um moralische Entscheidungen - bereit, ihrer Verantwortung gerecht zu werden? Ein Fall, der gerade vor dem Oberlandesgericht Köln verhandelt wurde, ist dazu aufschlussreich: Er könnte wegweisende Bedeutung haben.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Am 20. Mai 2000 ersteigert der prominente New Yorker Kunsthändler Richard L. Feigen bei Lempertz in Köln das Gemälde „Der Heilige Hieronymus mit dem Löwen und zwei Engeln“ von Lodovico Carracci (1555 bis 1619). Zur Provenienz heißt es im Katalog, den das Kunsthaus im Frühjahr an Feigen gesandt hatte: „Privatsammlung, Berlin (1933); Galerie Stern, Düsseldorf; 392. Lempertz-Auktion Köln, 13. 11. 1937, Lot 185 (Die Bestände der Galerie Stern, Düsseldorf); Rheinische Privatsammlung; Privatsammlung, Zürich.“

          Die Provenienz des Gemäldes ist clean

          Zuvor hatte am 18. Mai ein Mitarbeiter von Lempertz an Feigen ein Fax geschickt, folgenden Inhalts: „Die Provenienz des Gemäldes ist ,clean’. Wir verkauften es 1937 (Die Bestände der Galerie Stern, Düsseldorf) an einen Sammler im Rheinland.“ Am Tag darauf bittet Feigen bei Lempertz um eine Bestätigung, dass das „Art Loss Register“ konsultiert worden ist und dass es kein Problem hinsichtlich Diebstahl, Konfiszierung oder Zwangsverkauf gebe. Daraufhin erhält er ein Fax, dem zufolge das Art Loss Register den Katalog kontrolliere. Feigen erwirbt das Bild für 100 000 Mark nebst 16 000 Mark Aufgeld, und er lässt es am 31. Mai 2000 nach New York bringen.

          Am 22. April 2009 veröffentlicht die „New York Times“ einen Artikel über die Restitution des Gemäldes „Porträt eines Sackpfeifenspielers“ (1632) eines unbekannten niederländischen Meisters, das sich bis 1937 im Besitz der Galerie Stern in Düsseldorf befand und in derselben Auktion bei Lempertz in Köln versteigert wurde. Richard Feigen stellt Nachforschungen an, kontaktiert das Art Loss Register - und sieht, dass das Bild von Carracci dort seit 2004 als vom nationalsozialistischen Regime gestohlen vermerkt ist. Er wird an das „Max Stern Restitution Project“ an der Concordia Universität Montreal verwiesen, das 2002 gegründet wurde und sich seit 2006 um die Wiederbeschaffung der zwangsverkauften Bilder aus dem Eigentum des Kunsthändlers (1904 bis 1987) bemüht, der 1937 über England nach Kanada emigriert ist.

          Lempertz lehnt Entschädigungszahlung ab

          Der Leiter des Projekts, Clarence Epstein, bestätigt, dass der Carracci 1937 bei Lempertz versteigert wurde und informiert das Heimatschutzministerium der Vereinigten Staaten. Daraufhin wendet sich der zustände Bundesstaatsanwalt an Richard Feigen, macht einen Beschlagnahmeanspruch geltend und veranlasst die Herausgabe des Gemäldes. Am 27. April 2009 unterzeichnet Feigen eine „Stipulation“, mit der er der Beschlagnahme zustimmt, und am 6. Mai findet im Leo-Baeck-Institut in New York die Rückgabe-Zeremonie statt.

          Noch im selben Jahr wendet sich Feigen an das Kunsthaus Lempertz, das Entschädigungszahlungen aber ablehnt. Mit anwaltlichem Schreiben vom 15. März 2012 greift er den Sachverhalt wieder auf und bietet Gespräche an, die Lempertz, ebenso wie Zahlungen, zurückweist. Richard Feigen sagt, der Lempertz-Chef Henrik Hanstein persönlich habe ihm in einem Telefonat am 17. Mai 2000 versichert, dass es mit Blick auf die Auktion von 1937 kein Problem gebe und dass es sich bei der Galerie Stern nicht um eine jüdische Galerie gehandelt habe. Lempertz bestreitet dies. Am 2. Juni 2012 reicht Feigen Klage ein und beantragt Schadensersatz in Höhe von 350 000 Dollar, dem aktuellen Wert des Bilds.

          Gutachten soll Klärung bringen

          Das Landgericht Köln lehnt die Klage aufgrund mündlicher Verhandlung am 27. Februar 2013 ab (Az.: 23 O 266/12). In seiner Entscheidung heißt es, dass der Käufer das Bild in jedem Fall gutgläubig, da im Rahmen einer öffentlichen Versteigerung, erworben habe und ein Rechtsmangel weder nach deutschem Recht noch aufgrund der vermeintlichen Beschlagnahme in den Vereinigten Staaten vorliege. Der Kläger habe „nicht dargelegt, ob für diesen angeblichen Beschlagnahmeanspruch eine Entsprechung im deutschen Recht besteht“.

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