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Gemälde von Johannes Grützke : Er ist sich selbst am nächsten

Leidenschaftlich ringt Johannes Grützke mit dem Motiv. Das heißt in seinem Fall oftmals mit sich selbst, denn der Maler taucht gerne in den eigenen Bildern auf. Zu sehen ist er nun bei Schwind in Frankfurt.

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          Mehr als zweihundert Männer in schwarzen Anzügen und mit meist weißem Haar laufen seit einem Vierteljahrhundert im Kreis durch die Wandelhalle der Frankfurter Paulskirche. Johannes Grützke hat sie gemalt. Jeder ein Individuum in Haltung, Mimik, Gesicht. Jeder der Männer ein Volksvertreter. Drei Meter ist das Wandbild hoch und dreiunddreißig Meter lang. Es ist, von ein paar verzierten Fassaden abgesehen, das größte Gemälde in Frankfurt.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Zwei, drei Gehminuten entfernt zeigt nun die Galerie Schwind die jüngsten Arbeiten des Berliner Künstlers, fast fünfzig Bilder insgesamt, manche erst ein paar Wochen alt, die meisten im kleinen Format, viele von ihnen Selbstporträts: Der Künstler als Menschenvertreter? Dass er sich selbst ein Leben lang Modell gestanden hat, dafür hat Grützke eine einleuchtende Erklärung: Er sei sich selbst am nächsten.

          Und wie nah er herangeht! Oft zeigt er engste Ausschnitte des Gesichts, fast so, als versuche er, in sich hineinzutauchen. Dabei formt er den Kopf, als knete er sich die Grimassen ins Gesicht, schaut mal fröhlich, heiter, unbeschwert, mal düster, fragend, voller Zweifel. Das macht es leicht, den Bildern eine Biographie hinzuzudenken. Und jetzt, da er sich mit Glatze präsentiert, macht man sich so seine Gedanken. Aber womöglich geht es Johannes Grützke nur einfach um die Lust am Ausprobieren, die Leidenschaft beim andauernden Ringen mit dem Motiv. Auch handwerklich, wenn er die Farbe so dick aufträgt, dass die Bilder bisweilen weniger gemalt wirken als modelliert. Er wisse im Vorhinein nie, hat Grützke bei Gelegenheit erklärt, wie die Bilder am Ende aussähen. Vielmehr wolle er sich selbst überraschen.

          Gedämpftes Pathos mit Wildschwein

          Gleichsam als ein Programm sind deshalb zwei einander ähnelnde Arbeiten in der Ausstellung zu verstehen: eine Hand, groß im Bild, um einen Klumpen Lehm geschlungen. Die Figur entsteht erst noch zwischen den Fingern - ersteht, könnte man auch sagen. Man glaubt einen Kopf zu erkennen und zwei ausgestreckte Arme: der Künstler als Schöpfer. Auch Adam wurde aus Lehm geschaffen.

          Grützkes Arbeiten sind kopflastig. Es geht um Geschichte, Politik, Gesellschaft. Wie gehen wir mit unseren Kindern um, fragt er in einem gruselig-schönen, siebenteiligen Wandfries, über den Babys in dicken Windeln purzeln. Aber stets vermag er der Welt Skurrilitäten abzugewinnen. Die Grenze zwischen Charakter und Karikatur ist bei ihm durchlässig. Schnell landet er so bei den Ungereimtheiten des Lebens, beim Absurden. Dann ist Grützkes Humor von dem des Slapsticks, der Anarchie also, nicht allzu weit entfernt. Verdrehte Gliedmaßen, ans Akrobatische grenzende Positionen, auch ein Doppelporträt mit Wildschwein dämpfen das Pathos, das seine Themen durchaus rechtfertigten.

          Was ist er: kritischer Realist, Manierist, Naturalist, Idealist? So schwer ist Johannes Grützke einzuordnen, dass er seiner figürlichen Malerei wegen fälschlich oft sogar der Kunst der ehemaligen DDR zugeteilt wird. Er ist ein Einzelgänger, der die eigene Befindlichkeit zur Grundlage einer bundesrepublikanischen Chronik gemacht hat: als riesiges Mosaik, zu dem jedes seiner Bilder ein Steinchen beiträgt.

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