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Geldwäsche-Skandal : Kunst einkaufen wie Herr Low

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So geht Geldwäsche: Gut eine Milliarde Dollar sollen aus einem Staatsfonds Malaysias abgezweigt und für Kunstwerke und Immobilien ausgegeben worden sein.

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          Es ist eine eindrucksvolle Liste von Kunstwerken, die Eileen M. Decker, Staatsanwältin in Los Angeles, in den vergangenen Monaten zusammengetragen hat. Und noch eindrucksvoller sind die Preise, die dafür ein einzelner Kunde beim Auktionshaus Christie’s bezahlte - innerhalb von gerade einmal sechs Monaten. Lange konnte sich der neue Besitzer an der Sammlung, die wohl von Anfang an allein als Investitionsobjekt zusammengekauft worden war, allerdings nicht erfreuen: Vor einigen Tagen beschlagnahmte die Schweizer Polizei Teile davon im berüchtigten Zollfreilager am Genfer Flughafen Cointrin. In Malaysia haben diese Kunstkäufe inzwischen maßgeblich zu einer Staatskrise beigetragen. In der Schweiz ermittelt die Finanzmarktaufsicht gegen mehrere Banken, eine davon wurde bereits faktisch geschlossen.

          Der anonyme Käufer, von dem nur bekannt wurde, er komme aus Asien, ließ es im Mai 2013 zunächst eher bescheiden angehen, mit vergleichsweise preiswerten Einkäufen auf der Benefizauktion „11th Hour“ zugunsten von Leonardo Di Caprios Umweltstiftung: Für Mark Rydens „Bienenkönigin“ bezahlte er damals 717 000, für das Textbild „Bliss Bucket“ von Ed Ruscha 367 500 Dollar. Zwei Tage später belastete er das Kundenkonto Nr. XXX7644, das er erst wenige Tage zuvor im Namen einer „Tanore Finance Corporation“ bei Christie’s eröffnet hatte, dann so richtig: Bei der New Yorker Auktion mit zeitgenössischer Kunst, die sich am Ende mit dem höchsten Gesamtumsatz einer Einzelauktion, nämlich 495 Millionen Dollar, in die Kunstmarktgeschichte einschreiben sollte, ließ er sich allein zwei Mobiles von Alexander Calder für 5,3 und für drei Millionen Dollar und das Gemälde „Dustheads“ von Jean-Michel Basquiat für den damaligen Rekordpreis von 48,8 Millionen Dollar zuschlagen. Sechs Wochen später folgten dann per Direktkauf bei Christie’s ein „Concetto Spaziale, Attese“ von Lucio Fontana und das Farbfeldbild „Untitled (Yellow and Blue)“ von Mark Rothko, für zusammen 79,5 Millionen Dollar.

          Geld stammt nicht aus Familienvermögen

          Für die New Yorker Impressionisten-Auktion in der ersten Novemberwoche 2013 ließ sich der Topkunde dann rechtzeitig eine diskrete Skybox für zwölf Personen im Rockefeller Center reservieren, zu der ein Christie’s-Mitarbeiter einem Kollegen per E-Mail mitteilte: „Es sollte innen besser aussehen als im (Las-Vegas-Casino) Caesars Palace. Die Box ist für den Kunden mindestens so wichtig wie die Kunst.“ Von der Skybox aus ersteigerte der große Unbekannte Van Goghs Rohrfederzeichnung seines Wohnhauses im südfranzösischen Arles, für 5,5 Millionen Dollar. Mit Monets Venedig-Ansicht „Saint-Georges Majeur“, die er für 35 Millionen Dollar bei SNS Fine Art kaufte, schloss er eine Woche vor Weihnachten die New Yorker Einkaufstour ab. Erst ein halbes Jahr später, im Juni 2014, folgte noch der Kauf eines Seerosenbildes von Monet bei Sotheby’s in London für 33,8 Millionen Pfund, umgerechnet 58 Millionen Dollar. Auf mehr als eine Viertelmilliarde Dollar summierte sich damit der Gesamtwert der Kunstwerke, von denen die meisten bald nach Genf gebracht wurden.

          Inzwischen steht für die Ermittler fest, dass auch hinter der „Tanore Finance Corporation“ wohl der malaysische Investor und angebliche Milliardär Jho Low steckt, der in den vergangenen Jahren durch spektakuläre Kunst- und Immobilienkäufe in Beverly Hills und in New York Aufsehen erregte. Das Geld dafür, so ergaben die Ermittlungen in den Vereinigten Staaten, soll allerdings nicht aus seinem Familienvermögen, sondern aus einem milliardenschweren Staatsfonds mit dem Namen „1 Malaysia Development Bhd.“ (1MDB) stammen, den die malaysische Regierung ursprünglich gegründet hatte, um Entwicklungsprojekte abzusichern. Personen aus dem engsten Umfeld des Premierministers von Malaysia, Najib Razak, so die Staatsanwaltschaft, hätten aus diesem Staatsfonds in den vergangenen Jahren über fingierte Anteilskäufe mehr als eine Milliarde Dollar abgezweigt. Die Immobilien- und die Kunstkäufe hätten der Geldwäsche gedient.

          Tatsächlich verkaufte Low seine gesamte Sammlung laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ im April dieses Jahres wieder, als auch das FBI in Sachen „1MDB“ ermittelte. Den einstigen Rekord-Basquiat soll der Hedgefonds-Manager Daniel Sundheim aus Connecticut für nur 35 Millionen Dollar übernommen haben. Freiwillige Verlustgeschäfte sind bei Geldwäsche-Geschäften durchaus üblich. Auf die beschlagnahmten Kunstwerke erhebt nun der Staat Malaysia Anspruch.

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