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Historisches Cross-Dressing : So kam Heinrich III. unter die Haube

Ein ungewöhnlich, nämlich nach weiblicher Mode gekröntes Haupt: Das soll Heinrich III.von Frankreich sein. Bild: Philip Mould & Company

Ein Londoner Kunsthändler glaubt, ein außergewöhnliches Porträt des letzten Valois-Königs entdeckt zu haben: Auf der Miniatur aus dem Jahr 1578 trägt Heinrich III. von Frankreich eine Kopfbedeckung, die eigentlich Frauen vorbehalten war.

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          Das ist wirklich nicht alltäglich, ein echter König mit einer Frauenhaube auf dem Kopf, geschmückt mit Juwelen: so zu bestaunen auf einer Miniatur aus dem sechzehnten Jahrhundert, die gerade Furore macht. Sie soll Heinrich III. (1551 bis 1589) darstellen, der von 1574 bis zu seinem Tod König von Frankreich war. Dessen ist sich zumindest der Londoner Kunsthändler Philip Mould sicher, wie die englische Tageszeitung „The Daily Telegraph“ berichtet. Eine Spezialistin des „Institut national d’ histoire de l’art“ in Paris, so ist dort zu lesen, unterstütze ihn dabei; Céline Cachaud spreche von einer „bahnbrechenden Entdeckung“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer war dieser Heinrich III.? Henri de Valois, geboren als Sohn von Heinrich II. von Frankreich und der Katharina von Medici, hat angeblich schon früh nicht unbedingt klassisch männliche Neigungen erkennen lassen, über die auch seine Zeitgenossen dann spekulierten. Er soll gern Frauenkleider bei höfischen Vergnügungen getragen haben, mit Perlenhalsbändern und Halskrausen nach Damenart. Henri veranstaltete Turniere und Ballette, liebte Maskeraden und benahm sich überhaupt reichlich exzentrisch im Kreis attraktiver männlicher Begleiter, der langhaarigen „Mignons“ mit schönen Locken. Das provokante Crossdressing auf dem Bildnis scheint seine Flamboyanz zu unterstreichen; seine Attitüde dauert bis in unsere Gegenwart herüber.

          Dabei war er – als ein Protagonist ohne Fortune – in die blutig wütenden Hugenottenkriege verstrickt. Im Jahr 1589 verletzte ihn der junge Dominikanermönch Jacques Clément, ein Mitglied der Katholischen Liga, mit einem Messer tödlich; Cléments Leichnam wurde in Paris öffentlich gevierteilt und verbrannt. Mit dem kinderlosen Heinrich III. erlosch das katholische Haus Valois. Sein Nachfolger wurde, wie von ihm selbst gewünscht, sein Schwager, der protestantische Heinrich von Navarra, als König von Frankreich Heinrich IV. Dass Heinrich Mann Heinrich III. in seinem zweibändigen Roman über Jugend und Vollendung von „Henri Quatre“ als Homosexuellen schildert, ist gelegentlich als literarischer Brudermord gedeutet worden.

          Auf der Rückseite entdeckt: Die Datierung 1578 und die Signatur von Jean Decourt, der auch Porträts von Königin Elisabeth I. und Maria Stuart gemalt hat.
          Auf der Rückseite entdeckt: Die Datierung 1578 und die Signatur von Jean Decourt, der auch Porträts von Königin Elisabeth I. und Maria Stuart gemalt hat. : Bild: Philip Mould & Company

          Der Kunsthändler hatte das nur 5,7 Zentimeter hohe Miniaturporträt, als eine angebliche Darstellung Sir Walter Raleighs, in einem kleinen britischen Auktionshaus gekauft, ohne es vorher besichtigen zu können. Die Kaufsumme kommentiert Mould nicht; sie könnte bei ein paar hundert Pfund liegen. Das Bildchen fiel ihm, der zum Team der BBC-Show „Fake or Fortune?“ gehört, seiner Kuriosität wegen auf. Als ein Restaurator den Rahmen der Miniatur öffnete, kamen auf der Rückseite die Datierung 1578 und die Signatur von Jean Decourt zutage. Decourt hat während Besuchen in England Porträts von Maria Stuart wie auch Elisabeth I. und deren Günstling, dem Earl of Leicester, gemalt. Maria war mit Franz II. verheiratet, dem ältesten Sohn und Nachfolger von Heinrich II. Decourt war der Hofkünstler von Karl IX., dem Heinrich III. als dritter der Söhne Heinrichs II. 1574 auf den Thron folgte. Berühmt ist Jean Decourt für seine technische Verfeinerung.

          Nun hofft Philip Mould, diese Miniatur an das Louvre vermitteln zu können. Zumal das Porträt möglicherweise dort, in der einstigen Residenz der französischen Könige, entstanden ist. Über den Preis für ein Kunstwerk dieser Art und Bedeutung lässt sich bloß spekulieren, er wird aber eher im höheren sechsstelligen Bereich liegen. Und Heinrich III. – so er es denn ist – lächelt weiter unter seiner Haube und über seinem Spitzenkragen, ein wenig mokant. Nein, glücklich sieht der junge König nicht aus.

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