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Pariser Auktion : Geist des literarischen Europas

  • -Aktualisiert am

Am 8. und 9. November wird der zweite Teil der legendären Bibliothek von Pierre Bergé bei Drouot in Paris versteigert - darunter Raritäten von Gustave Flaubert.

          Als Pierre Bergé im vergangenen Dezember in einer ersten Auktion mit der Auflösung seiner 1600 Bände umfassenden Bibliothek begann, erklärte er in der Zeitung „Le Figaro“, dass Kunstwerke für ihn und seinen Lebenspartner Yves Saint Laurent immer en transit, im Durchgang begriffen seien. Als Sammler möchte sich Bergé nicht als Besitzer verstehen, sondern als Bewahrer, der die Werke eines Tages an andere Liebhaber weiterreicht. Der Wert der Bibliothek, die der heute fast 86 Jahre alte Bergé im Laufe seines Lebens mit Passion zusammengetragen hat, wird auf mehr als vierzig Millionen Euro geschätzt. In der zweiten von sechs Versteigerungen, die von seinem Auktionshaus Pierre Bergé & Associés zusammen mit Sotheby’s durchgeführt werden, kommen am 8. und 9. November im Pariser Drouot weitere 376 Lose unter den Hammer. Der Katalog, so dick wie ein Backstein, verzeichnet das Beste der europäischen Literatur des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts. Handschriften sind diesmal nur wenige dabei, dafür seltene Originalausgaben und mit Widmungen versehene oder annotierte Exemplare. „L’Europe littéraire au dixneuvième siècle“ lautet der Titel der aktuellen Offerte, die mit Frühromantikern und dem Sturm und Drang beginnt. Eine Rarität ist die Originalausgabe von 1781 von Schillers „Die Räuber“ (Taxe 15 000/ 20 000 Euro). Die erste Aufführung des Dramas 1782 in Mannheim geriet zum Skandal; ein Großteil der 800 Exemplare dieser Erstausgabe wurde eingestampft. Außerdem gibt es Werke der europäischen Romantik und unter dem Kapitel „Moderne“ Handschriften und bibliophile Ausgaben der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: von Charles Baudelaire und Leo Tolstoi über Charles Dickens bis zu Émile Zola und Friedrich Nietzsche.

          Außergewöhnliche Ausgaben von Gustave Flaubert, den Pierre Bergé besonders verehrt, bilden das Herzstück, darunter das Manuskript eines wenig bekannten Frühwerks: „Über Felder und Strände“ ist die zweihändige Reiseerzählung, die der 26 Jahre alte Flaubert mit seinem Freund Maxime du Camp verfasste, nachdem sie gemeinsam drei Monate lang durch die Touraine und die Bretagne bis zu den Stränden der Normandie gewandert waren. Die beiden Freunde hatten die Teile der Erzählung unter sich aufgeteilt und schrieben dann im Sommer 1847 gemeinsam, am selben Tisch sitzend, ihre jeweiligen Kapitel.

          Es ist das erste Werk, das Flaubert mit dem Ziel einer Veröffentlichung verfasste. Zuletzt gaben die beiden angehenden Schriftsteller ihr gemeinsames Projekt jedoch auf; erst 1886 erschien die verkürzte Reiseerzählung im Druck. Das ursprüngliche Manuskript Flauberts – jetzt geschätzt auf 400 000 bis 600 000 Euro – beweist den Ehrgeiz des angehenden Schriftstellers, der seinen Text akribisch bearbeitete: wobei Streichungen und Einfügungen nicht nur für seinen Denk- und Arbeitsprozess interessant sind, sondern auch wie ein graphisches Kunstwerk erscheinen.

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