https://www.faz.net/-gqz-ry0n

Gegenwartskunst : Zerrissene Sommerkleider neben Spargel in altmeisterlichem Licht: Eine Initiative von „9“ jungen Düsseldorfer Galeristen

  • -Aktualisiert am

„9“ heißt das schwarze Heftchen, das die Einzelausstellungen in neun Galerien zusammenfaßt. Die konzertierte Aktion zwischen den gemeinsamen Premieren ist programmatischer Anlaß; die Initiative lenkt rechtzeitig vor dem populären Rundgang in der Kunstakademie, der am kommenden Mittwoch offiziell beginnt, die Aufmerksamkeit auf eine neue Generation von Galeristen.

          3 Min.

          Die Australierin Tracey Moffat erzählt einen Albtraum. In den vergilbten Tönen kolonialer Pracht entwickelt sich die Geschichte einer weißen Herrin und ihrer schwarzen Dienerin als Folge von zwanzig Schwarzweißfotografien zu einer Bildergeschichte aus Bedrängnis, Abhängigkeit und Sadismus in den Umrißlinien von Schlüssellochperspektiven. „Laudanum“ ist berühmt, die Künstlerin Daniela Steinfeld hat die Serie vor vielen Jahren in New York gesehen und war fasziniert: „Eine Arbeit, die ich gerne selbst gemacht hätte, das ist selten.“

          Nun inszeniert sie in ihrem Ausstellungsraum „Van Horn“ ein Gegenüber mit Tracey Moffats aktuellem „Love“ aus dem Jahr 2003 und erweitert die Moritat so um ein endloses Beziehungsdrama: Spielfilmklassiker waren der Rohstoff einer Collage, die auf Hunderte von Blickwechseln sofort Dutzende von ersten Küssen folgen läßt und in Ohrfeigen und Waffengewalt endet - der Loop folgt dem ewigen Kreislauf der Liebe (als unlimitierte Edition für 75 Euro; bis 31. März).

          Eine neue Galeristengeneration

          Die Vernissage dieses lange erwarteten Projektes feiert Daniela Steinfeld in Düsseldorf zusammen mit Kollegen. „9“ heißt das schwarze Heftchen, das die Einzelausstellungen in neun Galerien zusammenfaßt. Die konzertierte Aktion zwischen den gemeinsamen Premieren ist programmatischer Anlaß. Denn auch wenn die Stadt das Zeitgenössische und Moderne zwischen Off-Spaces und Großausstellungen einrichtet, kommt doch immer weniger Publikum in die Galerien. Die Initiative der „9“ lenkt nun rechtzeitig vor dem populären Rundgang in der Kunstakademie, der am kommenden Mittwoch offiziell beginnt, die Aufmerksamkeit auf eine neue Generation von Galeristen.

          Thomas Flor, der seine Räume im Zentrum im vergangenen Jahr bezog, präsentiert nun die Welt aus der Perspektive des Dia-Archivs: Knut Klaßen hat ein gutes Dutzend seiner Querformate aus den Straßen von Berlin, Venedig oder Athen abgezogen. Während Knut Klaßen Ende der neunziger Jahre zunächst kleine Halbtotalen bevorzugte, die noch den Straßenverkehr oder die Säulen eines Monumentalgebäudes mit ins Bild nehmen, rückt er inzwischen den Passanten immer näher. Er sucht nach Momenten der Bewegung - eine junge Frau schlingt ihre Haare zum Knoten, jemand berührt seine Schläfe -, bis die Körper in Anschnitte zerfallen und vom Sommerkleid nur Karo und Elle übrigbleiben (Auflage 3, Preis 980 Euro).

          Mit der Videokamera fokussiert Klaßen, wo Menschen ins Bild kommen, gleichfalls auf Fragmente, von seinen Spielszenen bleibt ein Kopfnicken oder ein Schulterzucken, und schon wischt eine Bewegung das Bild fort. Wer weiß, daß Knut Klaßen jahrelang die Performances von John Bock filmte und zu Videobändern zusammenschnitt, erinnert sich an diese ins Überdeutliche entrückte Nähe (die Videofilme in einer Auflage von fünf Stück kosten zwischen 2500 und 2800 Euro; bis 18. März.).

          Nutzgärten und „Drönland“

          Nicht nur zahlreiche Künstler, die gestern ihren Auftritt hatten, entstammen der Akademie: Bea Otto wurde von Bernd Ruzicska, einem ehemaligen Kommilitonen, eingeladen, ihren alufolieverkleideten Raum aufzubauen, Kontrast sind die Fotos von Michael Richter (bis 24. Februar). Mit Simone Nieweg hat Rupert Pfab, der seine Galerie in den ehemaligen Räumen von Gaby Kraushaar im Dezember eröffnete, eine Schülerin der Bechers im Programm, deren Fotografien von Nutzgärten bereits international bekannt sind (bis 18. März).

          Claudia Simon zeigt Miriam Wanja, die in Düsseldorf bei Herold und Immendorff studierte (bis 4. März), Reimann Le Bégue hat die inzwischen nach Berlin abgewanderte Schwegler-Schülerin Olivia Berckemeyer eingeladen, die unter dem Titel „Dröhnland“ mit viel Humor auch Signets und Werbesprüche aus der Bierwerbung auf Nesselstoff überträgt (600 bis 1600 Euro; bis 2. April). Martin Bochynek zeigt buntbestickte Kissenskulpturen von Julia van Koolwijk je nach Format an der Wand wie Malerei oder als Skulptur auf dem Boden (bis 18. März).

          Der Maler vor dem Richter

          Wenn Stefan Höller auf Motivsuche ist, findet er sich nicht selten im Gerichtssaal wieder. Ein Schnappschuß zeigt den Maler mit seiner Palette vor dem Richtertisch: Er hält die Fettecke von Joseph Beuys im Porträt fest, das nach ihrer Zerstörung zum Beweisstück wird. Jörg Immendorff, zusammengesunken im Zeugenstand, zerfällt in ein Hochformat aus flirrenden Farbstrichen - fallweise akkreditiert sich Höller als Gerichtszeichner.

          Doch die Dokumentationen unter dem Titel „Blicke ins Nichts - gegenstandslose Stilleben“ bei Anna Klinkhammer sind malerisch gedacht: Der ehemalige Schüler von Gerhard Richter malt Manets Olympia vor dem Original - wobei er die berühmte Nackte an den Bildrand rückt, als sei sie ein Stück Obst. Das Manet-Sujet Spargel tunkt er als weißes Frischgemüse auf kleinen Leinwänden in altmeisterliches Licht, und wenn Stefan Höller die Serie nach der Saison fortsetzen will, stehen die Stangen aufrecht im Weckglas (die Motive kosten zwischen 1500 und 4000 Euro; bis 18. März).

          Weitere Themen

          Eine Lastenträgerin der Lebenden

          Roman von Emine Sevgi Özdamar : Eine Lastenträgerin der Lebenden

          Der Blick auf Fremdsein und Fremd-gemacht-Werden, auf Sprachverlust und Sprach­ermächtigung, gehört zu den großen Geschenken dieses Buchs an seine Leser: Emine Sevgi Özdamars Roman „Ein von Schatten begrenzter Raum“.

          Topmeldungen

          Angela Merkel auf ihrem wohl letzten EU-Gipfel

          EU-Streit mit Polen : Keine Lösung, aber auch kein Eklat

          Angela Merkel hat in ihren 16 Jahren als Kanzlerin etliche Konflikte auf EU-Gipfeln erlebt. Bei ihrem wohl letzten Auftritt auf europäischem Parkett bringen ihre Vermittlungsversuche im Konflikt mit Polen keine konkreten Fortschritte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.