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Gegenwartskunst : Wer ist eigentlich Lucien Smith?

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Künstler ist erst 24 Jahre alt und erzielt schon Höchstpreise in internationalen Auktionen: Was steckt hinter dieser Spekulationsspirale, und wie kam es dazu?

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          Lucien Smith ist wahrscheinlich gerade damit beschäftigt, sich eine neue Geheimnummer fürs Mobiltelefon zuzulegen. Denn alle wollen jetzt ein Stück vom Kuchen abhaben. Bei Christie’s, S0theby’s und Phillips wurden in der vergangenen Woche in den Abendauktionen drei „Rain Paintings“ von dem Amerikaner, Jahrgang 1989, mit erheblichen Steigerungen vermittelt. Alle drei Gemälde entstanden im Jahr 2012, sie kletterten von rund 40 000 auf 160 000 Pfund für „Feet in the Water“ (Phillips), auf 185 000 Pfund für „Two Sides of the Same Coin“ (Sotheby’s) und 158 000 Pfund für „Secret Lives of Men“ (Christie’s; alle ohne Aufgeld).

          Sechsstellige Zuschläge für einen vierundzwanzig Jahre alten Künstler? Die Einlieferer der jüngsten Auktionen haben die Bilder alle in Lucien Smiths Galerie „Ohwow“ in Los Angeles erworben, in der die Serie erst im Herbst 2012 ausgestellt wurde. Die Mitarbeiter der Auktionshäuser dürften sofort erkannt haben, was die Bilder für ein Potential haben: Der Markt verleibt sich ein, was abstrakt ist, farblich schön und mit einer glatten Oberfläche, eben „smart daherkommt“, wie es die New Yorker Galeristin Fabienne Stephan von „Salon 94“ formuliert, die zuletzt eine große Ausstellung mit Lucien Smith organisiert hat - und noch unentschieden wirkt, ob sie auf Dauer mit dem Künstler arbeiten will. Aber sie ist realistisch: Wer würde schon als Sammler nein sagen, wenn ein Mitarbeiter eines Auktionshauses käme und für ein Bild, für das man 5000 Dollar bezahlt hat, 100 000 verspricht?

          Es gibt viele Künstler, deren Werk in der Vergangenheit in diesen Strudel der Spekulation geriet. Schon Jean-Michel Basquiat litt unter der Schnelligkeit seiner Marktkarriere. Ein jüngstes Beispiel ist Tauba Auerbach, 1981 in San Francisco als Tochter eines Designers geboren: Sie wurde international mit ihren extrem eleganten Trompe-l’OEil-Bildern bekannt; die pastellfarbenen Leinwände sehen aus wie geknittert, sind aber spiegelglatt. In ihrer Galerie von Jeffrey Deitch sollen die Bilder um 8000 Dollar gekostet haben. 2011 kam eines ihrer Gemälde von 2004 bei Phillips de Pury in London zur Auktion, geschätzt auf umgerechnet 17 000 Euro; es brachte 45 856 Euro. Schon diese Preissteigerung löste die bekannte Kettenreaktion aus, wie es nun auch bei Lucien Smith passiert ist: Die Sammler geben ihre Werke ab, und der Markt kommt in Bewegung, wird nicht selten überschwemmt.

          Mittlerweile werden Tauba Auerbachs Gemälde für 300 000 Euro aufwärts versteigert. Das teuerste Bild ist „Untitled (Fold)“ von 2011, das im November 2013 bei Christie’s in New York umgerechnet 833 830 Euro brachte. Gesammelt wird sie unter anderem von Rosa de la Cruz, die 2009 ein 3000 Quadratmeter großes Museum in Miami eröffnet hat, und dem zypriotischen Industriellen Dakis Joannou.Tauba Auerbach lässt sich öffentlich von dem Hype nicht beeindrucken, konterte zuletzt mit einer großen Ausstellung im Wiels Contemporary Art Center in Brüssel.

          Wie aber kam Lucien Smith in die prestigeträchtigen Abendversteigerungen von Gegenwartskunst bei Christie’s und Sotheby’s in London, in die es selbst Tauba Auerbach noch nicht geschafft hat? Sie versammeln im Frühjahr und Herbst die Spitzenlose des Auktionsmarkts in Europa. Sotheby’s hat in der vergangenen Woche mit seinem Londoner Angebot und 47 Werken insgesamt 87,91 Millionen Pfund umgesetzt, Christie’s sogar 124,192 Millionen Pfund mit vierzig Losen. Francis Bacon, Gerhard Richter sind diejenigen, die hier eigentlich reüssieren.

          „Der Evening Sale ist tatsächlich das Flag-Ship unseres Auktionshauses“, sagt auch Arno Verkade, langjähriger Experte für Gegenwartskunst und jetzt Geschäftsführer von Christie’s Deutschland, im Gespräch. „Wir haben Lucien Smith ausgewählt, weil wir glauben, dass er keine Eintagsfliege ist, und wir uns gleichzeitig um die Aufmerksamkeit einer neuen Generation von Sammlern bemühen.“ Ist es möglich, zu so einem frühen Zeitpunkt schon abzusehen, wie sich ein Künstler entwickelt?

          Für Alex Branczik, Geschäftsführer für Gegenwartskunst bei Sotheby’s in London, ist es der ideale Zeitpunkt gewesen, Lucien Smith in die Auktion aufzunehmen. Es bestehe eine ungeheure Nachfrage nach seinen Werken: „Auch wenn er noch relativ jung auf dem Auktionsmarkt ist, erreichte ja bereits sein Werk ,Reality Bites #8‘ ein enormes Ergebnis in unserer Tagesauktion im November 2013 in New York.“ Das Werk brachte 100.000 Dollar und war auf 18 000 bis 25 000 Dollar geschätzt. „Ich denke das enthusiastische Bietergefecht, dass wir dabei verfolgen durften, und zudem das unglaubliche Ergebnis reflektieren die Marktstärke seiner Arbeiten und geben ihm zu Recht auch seinen Platz in der Abendauktion.“

          Lucien Smith ist eine hoch gehandelte Aktie geworden. Arno Verkade hält es nicht für ausgeschlossen, dass Smith bald bei David Zwirner unter Vertrag steht. Der New Yorker Großgalerist hat sich im vergangenen Herbst auch Oscar Murillos angenommen. Der Künstler, Jahrgang 1986, wird auf dem Auktionsmarkt ebenfalls hoch gehandelt. Ein Gemälde von 2012 wurde jetzt bei Sotheby’s für 146 500 Pfund (mit Aufgeld) vermittelt; „Work! #9“ war auf 80.000 Pfund geschätzt. Das höchste Auktionsergebnis erzielte Murillos Mischtechnik „Untitled (Drawings of the Wall)“ von 2011 bei Phillips in New York mit 330.000 Dollar (Taxe 30.000/40.000 Dollar). David Zwirners Aufgabe wird es angesichts der Flut von Werken Murillos auf dem Auktionsmarkt 2013 sein, Werke gezielt in ernsthaften, nachhaltig angelegten Sammlungen unterzubringen.

          Doch Auktionshäuser können auch Karrieren beenden, wenn keine Galerie aushilft. Fabienne Stephan von der New Yorker Galerie „Salon 94“ bringt das Dilemma auf den Punkt: „Es gibt bislang keine kritische Auseinandersetzung mit Lucien Smith, es gibt keine Kuratoren. Es wird ein Kraftakt für ihn, sich von diesem Dekokunst-Ruf wieder zu lösen.“ Doch auf die Frage, wie teuer denn die Werke auf dem Primärmarkt jetzt sind, wirkt sie doch aufgeregt: „Das müssen wir natürlich jetzt neu diskutieren.“

          Wie reagiert Lucien Smith auf die Auktionserfolge? Telefonisch war er tatsächlich nicht zu erreichen. Also müssen wir bei seiner Kunst nach einer Antwort suchen. Im vergangenen Herbst zeigte er im New Yorker „Salon 94“ mit „Nature Is My Church“ eine eigenwillige Schau. Zu sehen waren Listen, die er in großformatige Gemälde übertragen hatte, auf denen alle Fische zu finden sind, die in den vergangenen Jahren ausgestorben sind. Dazu stellte er die Frage: „Who chooses, who stays?“ Wer entscheidet darüber, welche Künstler im Gedächtnis bleiben und welche nicht?

          Vielleicht sollte sich Lucien Smith Rat bei Jacob Kassay holen. Jacob Kassay, Jahrgang 1984, hat den größten Hype schon hinter sich. Er fing 2009 an, als er seine Gemälde in New York ausstellte, die eigentlich aus horizontalen Pinselstrichen bestehen, aber von dem Künstler in Silber galvanisiert werden. Ein gefundenes Fressen für den Auktionsmarkt: abstrakt und dekorativ, eine Mischung aus monochromem Gemälde und metallener Skulptur, unterbrochen von kleinen Hinweisen auf die ursprüngliche Farbe. Mittlerweile sind die Taxen für seine Bilder schon wieder näher an die Zuschläge gerückt. 2011 aber stiegen die Silber-Arbeiten, wie bei Lucien Smith, jedes Mal von umgerechnet 40.000 Euro bis hinauf auf 167.000 Euro, noch ohne Aufgeld.

          Im Jahr 2011 zog Jacob Kassay dann von New York nach Los Angeles und zeigte dort in der Galerie von Hannah Hoffman in einer Gruppenausstellung, wie er sich seinen Ausstieg aus dem Kunst-Aktienmarkt vorstellt. Er bohrte einfach ein kleines Loch in den Boden und beantwortete damit sehr lakonisch die Frage: Wie geht man als Künstler mit den Folgen des Auktionsmarktes um? Der Ausstieg und Wiedereinstieg führt über die Kunst.

          Es gibt auch deutsche Künstler, die diesen kurzen Hype erlebten und sich dann erst langsam wieder zurechtfanden. Dazu gehört der Maler Tim Eitel, der seinen höchsten Zuschlag im Jahr 2006 in New York mit dem für ihn ungewöhnlich menschenleeren Gemälde „Schwarzer Sand“ von 2004 erzielte: Das Bild wurde von umgerechnet 78.000 Euro auf 187.000 Euro gesteigert. Der Künstler ist mittlerweile vom internationalen Auktionsmarkt komplett verschwunden. Ketterer in München hat 2012 sein Gemälde „Nacht“, unter der Taxe von 90.000 Euro, bei 85.000 Euro zugeschlagen. Der Wert seines OEuvres wird heute wieder auf dem Primärmarkt verhandelt.

          Lucien Smith und Oscar Murillo, Jacob Kassay und Tauba Auerbach - sie begeistern zurzeit den Auktionsmarkt. Lucien Smith vielleicht auch, weil er an Pollocks Drip-Paintings erinnert und gut zum „Werk von Christopher Wool“ passt, und Oscar Murillo lässt Erinnerungen an Basquiat aufpoppen. Ein Loch im Boden ist keine Lösung. Aber gute Galeristen sind es, die in Zukunft das OEuvre sorgsam unter den Sammlern und Museen verteilen.

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