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Gegenwartskunst : „Save the weekend“: Vierundzwanzig Berliner Galerien haben ein treffliches Kunstwochenende inszeniert

  • -Aktualisiert am

Zwar sind die Gastgeber - von A wie Arndt & Partner bis W wie Jan Winkelmann - keine unbekannten jungen Leute. Aber die Phalanx der Galeristen hat es mit der Inszenierung wieder verstanden, die Erwartungen an die „Marke“ Berlin aufs schönste zu erfüllen.

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          Der Aufforderung „Save the weekend“ von vierundzwanzig Berliner Galeristen kamen in diesem Jahr neben deutschen Sammlern Kunstliebhaber aus England, Frankreich und der Schweiz nach, um ein Wochenende auf ausgedehnten Kunstspaziergängen zu verbringen. Für die Mühen weiter Wege wurden sie mit Einweihungen frisch bezogener Galerieräume, Eröffnungen und „Special Projects“ belohnt - Kunstaktionen an temporären Schauplätzen, Vorträgen und Performances.

          Zwar sind die Gastgeber - von A wie Arndt & Partner bis W wie Jan Winkelmann - keine unbekannten jungen Leute. Aber die Phalanx der Galeristen hat es mit der Inszenierung wieder verstanden, die Erwartungen an die „Marke“ Berlin aufs schönste zu erfüllen. Welche andere europäische Stadt lebt schließlich so sehr davon, daß sie Kunstsammler an New York erinnert und ein unerschöpfliches Reservoir an Trends und ihren Scouts sowie an malerischen Orten zur Kunstpräsentation bietet? Verwaltungsgebäude der Weimarer Republik etwa, deren Fenster so hoch sitzen, daß man ein Riese sein müßte, um hinausschauen zu können, alte backsteinerne Schulgebäude, S-Bahn-Bögen, unterhalb derer die Spree fließt, Mauerreste vor der Tür - das sind die historischen und architektonischen Kontexte, in denen die Kunst in Berlin auftritt.

          Sonne, Mond und Erde

          Unter den Händlern, die ihre neuen Räume erstmals für ihr Publikum öffneten, nimmt Johann König geradezu exemplarischen Rang ein. In der Dessauer Straße, einen Sprung vom Potsdamer Platz entfernt, hat er eine wunderschöne, 1928 erbaute Industriehalle mit Glasdecke bezogen, die ursprünglich als Druckerei genutzt wurde. Um den zentralen Tageslichtraum herum (gestaltet von den Architekten Wilhelm Goes und Anne König) liegt nun eine Vielzahl kleiner, mit Schiebewänden zu unterteilender Räume, die als Videokabinette und Handlager sowie für separate Installationen genutzt werden können.

          Platz wie in einem Museum nehmen sich in der Mitte Michael Sailstorfer, Jeppe Hein und Andreas Zybach. Sailstorfer, dessen erste Einzelausstellung als nächstes auf Johann Königs Programm steht, zeigt eine schwarze, am Boden liegende Mondlandschaft aus Fiberglas, die von Stativen mit Bühnenscheinwerfern umstanden ist. „Cast of the Surface of the Dark Side of the Moon“ (Auflage 1 von 3, 24000 Euro) erinnert auf eindrücklich materielle Weise an die Unwirklichkeit unserer Vorstellungen von Sonne, Mond und Erde. Das Werk inszeniert die Wiederkehr jener kaum unterzukriegenden These, derzufolge die Mondlandung nicht wirklich stattgefunden habe, sondern nur in riesigen Filmstudios für die Welt inszeniert worden sei.

          Topfpflanzen und Gewalt

          Mit wesentlich weniger Wandfläche müssen sich Thomas Demands fünf großformatige Fotografien seiner selbstgefügten Papp-In- und Exterieurs bei Esther Schipper begnügen. Die Serie „Klause“ (210000 Euro) ist angeregt von Max Beckmanns Zyklus „Apokalypse“ und hängt derzeit im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (“Max Beckmann und Thomas Demand“, bis 27. August). „Klause“ bezieht sich zudem auf die mediale Verarbeitung von Verbrechen. Allein die Vorführung betont glatter Oberflächen erzeugt allerdings noch kein kritisches Bewußtsein. Sterile Modelle vertrockneter Topfpflanzen sind kaum geeignet, die massenkulturelle Sensationslust an Gewalt abzubilden.

          Zur Vorbereitung auf das massenkulturelle Ereignis des Jahres empfiehlt sich ein Besuch bei c/o-Alte Gerhardsen, um sich Shintaro Miyakes Arbeit zum Thema Fußball anzuschauen. Im völligen Erschöpfungszustand nach der Auseinandersetzung mit Strategien zur Eroberung des Weltalls, zur Bewältigung gesellschaftlicher Kriminalität und des drohenden Gesichtsverlusts des deutschen Fußballs soll man sich unverzüglich zu den zweidimensionalen farbigen und feingliedrigen dreidimensionalen Arbeiten von Christine und Irene Hohenbüchler bei Barbara Weiss begeben - zurück zur Kunst!

          Das sollte auch der Zweck des Wochenendes sein. Gezeigt hat Berlin, welche Vorteile solche Präsentationen für die Galeristen haben. Gegenüber Messen, bei denen Kosten, Kojengröße, Standort und Nachbarschaft selten zugleich optimal sein können, fühlt man sich in Berlin vierundzwanzigmal „chez nous“. So lassen sich eingehende Gespräche führen und Künstler genauer vorstellen. Denn daß ein Name schon öfter zu hören war, heißt nicht, daß Sammler, Kuratoren und Museumsdirektoren wissen, welche Arbeitsbiographie und welches Werk sich im einzelnen dahinter verbergen.

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