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Gegenwartskunst : Für Brodwolf

  • -Aktualisiert am

Nach den musealen Stationen 2004 und 2005 in Freiburg und Weimar, in Schloss Moyland und Mülheim ist Jürgen Brodwolf jetzt zum fünfundsiebzigsten Geburtstag wieder im Handel zu sehen - in Stuttgart und Hamburg.

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          Nach den musealen Stationen 2004 und 2005 in Freiburg und Weimar, in Schloss Moyland und Mülheim ist Jürgen Brodwolf jetzt zum fünfundsiebzigsten Geburtstag wieder im Handel zu sehen, auch da mit musealen Aspekten. Die Galerie Schlichtenmaier stellt in ihrer Stuttgarter Dependance erstmals seine Bronzen aus jüngerer Zeit ans Licht, nicht ohne den retrospektiven Hintergrund mit Brodwolfs Objekten aus verschiedenen Materialien: der „Figurentpologie“ von 1968 bis 2004, kleinen Bildkästen mit der Tubenfigur aus Zinn oder Zink, dazu Walzblei, Wachs, Gaze, Gewebe, Papier, Asphalttinktur oder Asche (je 2300 Euro).

          Man kennt Brodwolf als den Erfinder der „Tubenfigur“, der spielerisch durch Drücken und Kneten leerer Farbtuben eine Nähe zur Menschengestalt kultivierte. Doch der Titel der Ausstellung nun ist programmatisch: „Bronzezeit“. Das geht tief in menschheitsgeschichtliche Vergangenheit zurück, meint eine Zäsur. Dem in Süddeutschland lebenden Schweizer ist es nicht um einen Kraftakt zu tun, er zeigt aber gern die rauen schartigen Gussnähte, wie beim „Liegenden Paar II“ (20.000 Euro), oder er lässt die kruden Gusskanäle stehen, wie beim „Ikarus der Neuzeit“, dessen Gestalt des Zufalls ihn selbst überraschte, ein erschütterndes Memento mori (13.000 Euro).

          Handliche Bronzen

          Die kleinen Bronzen haben handliche Maße, wie „Paar II“ (3800 Euro), es gibt meist nur drei Exemplare, wenn nicht gar Unikate von verlorener Form, wie das Ensemble „Bildhauer mit seinen Figuren“ (13.000 Euro). Für die Zeit der Ausstellung stehen zwei größere Bronzen auf dem Kleinen Schlossplatz in Stuttgart, zwischen dem Glaskubus des neuen Kunstmuseums und der Galerie.

          Aber auch Erdnähe, ein plastisches Sottobosco hat der Künstler stets gern gesucht, nicht zuletzt mit liegenden Figuren, gleich den schlafenden Jüngern in den Ölbergszenen der alten Kunst. Das edle aufrechte Vollrelief einer Dreiergruppe (16.000 Euro) mit weißer Kreideschlämme ist antik griechisch empfunden, 180 Zentimeter hoch - einer Grabplatte ähnlich. (Bis 28. April.)

          Materialbegeisterter Künstler

          Die Ausstellung bei der Galerie Levy in Hamburg heißt „Das letzte Bildnis der Meret Oppenheim“ und ist eine Hommage an die deutsch-schweizerische Künstlerin, die durch das seltsame Material ihrer „Pelztasse“ des Jahres 1936 berühmte Surrealistin. Das mag den materialbegeisterten Brodwolf angezogen haben, mehr aber der wie ein Feuerstein geformte Schädel, das schattenhafte Profil dieser Frau, die ihrerseits, zwei Jahre vor ihrem Tod, eine Hommage „für Bettina Brentano“ gegeben hatte.

          Ein malerisch gezeichneter Zyklus, sieben „Totenblätter für M.O.“, kostet 15.000 Euro, einzelne Zeichnungen sind ab 1800 Euro zu haben. Das teuerste und aufwendigste Stück ist ein in den Jahren 2000 bis 2005 entstandener „Altar“: 75 Schautafeln und Schüttelbilder, leuchtende Pigmente in Plexiglas und im schwenkbaren Stahlspeicher (60.000 Euro). Brodwolf, der Bibliomane, hat in seinem Leben bislang etwa tausend Buchobjekte geschaffen. Auch liest er „aktiv“, er „übersetzt“ sofort in sein eigenes Medium.

          Die Ausstellungen werden von drei Büchern begleitet. Da ist der bibliophile, von Jürgen Brodwolf typographisch bestimmte Schlichtenmaier-Katalog 2002 mit Texten von Willy Rotzler und anderen, der noch in wenigen Exemplaren verfügbar ist (13 Euro). Daneben gibt es das schöne Querformat „Das letzte Bildnis der Meret Oppenheim“, herausgegeben von Thomas Levy und mit diversen Textbeiträgen (20 Euro), und die große Monographie „Figurenkosmos - 75 Arbeiten aus fünf Jahrzehnten“ mit einem Text von Beat Wyss (38 Euro). (Bis 5. April.)

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