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Gegenwartskunst : Frivole Amphibien

Tomi Ungerer wird am 28. November fünfundsiebzig Jahre alt, und aus diesem Anlaß gab er der Galerie Hauptmann & Kampa in Zürich seine Einwilligung zu einer Verkaufsausstellung, die erstmals seit vielen Jahren wieder mit Zeichnungen seiner frühen Jahre bestritten wird.

          Als der Trubel gar zu arg wurde, zog sich Tomi Ungerer kurzerhand für zehn Minuten in die Küche der Galerie zurück. Die Menge teilte sich wie vor einem biblischen Patriarchen, und der schillernde Künstler - der silberne Knauf seines Stocks ergänzte aufs schönste den schlohweißen Haarschopf - schöpfte endlich einmal Atem. Zuvor hatte er mehr als eine Stunde lang seine Bücher signiert, und vor dem Schaufenster der Galerie Hauptmann & Kampa in Zürich waren die Trauben der Zuschauer kaum kleiner als in den Ausstellungsräumen selbst.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ungerer wird am kommenden Dienstag fünfundsiebzig Jahre alt, und aus diesem Anlaß gab er Hauptmann & Kampa seine Einwilligung zu einer Verkaufsausstellung, die erstmals seit vielen Jahren wieder mit Zeichnungen seiner frühen und mittleren Jahre bestritten wird. Sie entstammen alle dem Besitz des Künstlers - insgesamt neunzig Blätter, die die kleine Galerie kaum fassen kann.

          Da gibt es drei große farbige Zeichnungen von resoluten Cowgirls aus Ungerers amerikanischer Zeit (9500 bis 12.750 Franken) und ein halbes Dutzend kleinformatiger aus dem Umkreis des berühmten Buchs „Das Kamasutra der Frösche“, auf dem sich die frivolen Amphibien allerlei Lustbarkeiten hingeben (je 2200 Franken). Einen eigenen kleinen Werkblock geben Ungerers Totentanz-Tuschezeichnungen ab, meist Varianten der Motive aus „Rigor Mortis“, die als Liebesspiele zwischen Knochenmännern und nackten Schönen inszeniert sind.

          Geburtstagsausstellung in Basel

          Ungerers besondere Stärke liegt in der Darstellung von Häßlichkeit als Ekstase, dann aber zeigt er sich auch als melancholischer Beobachter, wenn er einen verzweifelten kleinen Mann in einem riesigen grünen Sessel zeichnet, der mit dem Sitzmöbel derart verschmilzt, daß nur noch die gleichfalls giftgrünen Brillengläser daraus hervorstechen (14.000 Franken). Für den kleineren Geldbeutel gibt es in Zürich übrigens Drucke einiger der berühmtesten Motive wie die Katze, die eine Konservendose mit eingelegten Mäusen öffnet (490).

          Selbst wer weiß, daß Ungerer die Zahl seiner in mehr als fünfzig Jahren entstandenen Zeichnungen auf 40.000 bis 50.000 schätzt, staunt doch über die Breite der in Zürich versammelten Auswahl. Zumal angesichts der Tatsache, daß die Galerie noch weitere Blätter von ihm im Angebot hat, die sie ans Cartoonmuseum in Basel ausgeliehen hat, wo sie den Löwenanteil der derzeit gezeigten Geburtstagsausstellung für Ungerer stellen. Dort kann man mehr Raritäten sehen - dabei zwei in den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren entstandene Collagen einer Katze und eines Krokodils (je 18.000 Franken). (Bis 12. Januar 2007.)

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