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Gegenwartskunst : Explosive Pusteblume: Rundgang durch Frankfurter Galerien

  • -Aktualisiert am

Parisa Kind hat dem Künstler Martin Neumaier in diesem Sommer den Schlüssel ihrer Galerie überlassen und auch Eva Winkeler nimmt es dieser Tage nicht so genau mit ihrer Aufgabe als Kunsthändlerin: „Tauschgeschäft“ heißt ihre Ausstellung unverkäuflicher Werke.

          Lech Walesa, Adorno und Kant - drei ganz unterschiedliche historische Größen. Ihre Namen sind mit Graphit und Bleistift auf eine Wand der Galerie Parisa Kind gezeichnet - das heißt, vielmehr hat der Künstler Martin Neumaier sie ineinanderverzwirbelt. „Kant“ ist aus starren, bauklotzartigen Buchstaben zusammengesetzt, „Lech Walesa“ windet sich und zerfließt schließlich, jeder bleibt für sich und verbindet sich gleichzeitig. Dazu gesellt sich die naturalistische Zeichnung eines Federflügels, der erfolglos an diesem Gebilde zerrt. Affenköpfe tauchen auf, Primaten reißen ihre Rachen auf.

          Daneben haucht die berühmte Handschrift von Anne Frank zweimal „okay“: „Oder ihr“ heißt die Wandzeichnung, die mit der Zeit wachsen wird, denn die Galeristin hat in diesem Sommer dem Künstler die Galerie überlassen: Der Künstler hat den Schlüssel und damit die Macht über die Kunst. Das Wandbild ist so angebracht, daß man es vom Gehsteig aus gut sehen kann; von dort lassen sich die Fragmente am ehesten zusammenfügen und beobachten, wie es weitergeht und endet. (Bis 1.September.)

          Tausch unter Künstlern

          Auch Eva Winkeler nimmt es dieser Tage nicht so genau mit ihrer Aufgabe als Kunsthändlerin. „Tauschgeschäft“ heißt ihre Ausstellung. Die gezeigten Werke sind im Besitz von Künstlern und unverkäuflich - sie wurden bereits im Vorfeld getauscht. Ein Geschäft mit Tradition: Schon Albrecht Dürer tauschte mit Lucas van Leyden.

          Wundersame zeitgenössische Konstellationen entstehen so: Martin Hoener zeigt auf seiner Fotografie eine Naturszene, in die ein weißes Laken gespannt ist; Dagmar Heppner, seine Tauschpartnerin, ihrerseits hat aus einem Fundstück, auf dem „New Paintings, 21.October - 26.November“ angekündigt werden, die eigentlich wichtigen Informationen - Name des Künstlers und Ort der Ausstellung - ausgeschnitten.

          Das Weglassen oder Verdecken, die Leerstellen spielen in beiden Arbeiten eine Rolle; in ihrer Kombination verstärkt sich der Ausdruck. Carsten Fock tauschte mit Thomas Bayrle, Jo Dickreiter mit Gert und Uwe Tobias, Oliver Voss mit Gordon Castellane, und Sunah Choi mit Shannon Bool. Eine wahrlich fruchtbare Zusammenschau. (Bis 5.August.)

          Haut wie Porzellan

          In der Frankfurter Fahrgasse regt sich nicht nur die Kunst in den Fenstern der bekannten Galerien. Im Mai kam eine neue hinzu: Die Galerie Maurer ist aus Darmstadt zugewandert. Brigitte Maurer stellt die Leipzigerin Sophie von Stillfried, Jahrgang 1974, aus: Die Arme einer ihrer Figuren sind energisch verschränkt, die Haut trägt die Farbe von dünnem, weißem Porzellan und droht jeden Moment zu zerspringen (4600 Euro).

          Auf dem Oberteil der Figur windet sich Blumendekor, eine Tätowierung ziert den Oberarm. Die Meisterschülerin von Arno Rink malt die Haut durchlässig, die Tätowierung wird dabei als künstlerisches Motiv eingesetzt. (Bis 2.September.)

          Morgen gibt's Schlamm

          Fernab der Fahrgasse, in der Hanauer Landstraße, gehen Michael Neff und Martina Detterer die Kunstbetrachtung farbenfroh und sommerlich an. Neffs Ausstellung „gemütpink schwarz beblümt“ mit Werken von Stefan Wieland zeigt sich spielerisch und mit einer Vorliebe für starke Farben.

          Der Künstler besitzt eine erstaunliche Fähigkeit, Form und Farbe auf der Leinwand in Beziehung zu setzen, die Materialien von Plastik, Öl, Klebeband arbeiten zu lassen. In „Heute Nacht regnet's, morgen gibt's Schlamm“ von 2006 schafft Wieland mit Spraylack und Acrylglas ein grelles Gemenge aus runden Formen. Neun Bilder des Schülers von Thomas Bayrle sind in dem Galerieraum dicht gehängt (je9000 Euro), Spiegelvorhänge als Raumtrenner kippen und schaffen den Raum neu. (Bis 12. August.)

          Taucher aus Wasser

          „Summer in the city“ betitelt Martina Detterer ihre leichtfüßige Ausstellung mit zehn Künstlern. Gezeigt werden Via Lewandowsky, Gabriele Langendorf, Anke Röhrscheid, Cornelius Völker und Doreen McCarthy; den Ton gibt jedoch Jacqueline Jurt an: Von einem Ventilator hat sie die Rotorblätter abgenommen, durch eine Schallplatte mit dem Titel „Summertime“ ersetzt und diese bunt bemalt (1500 Euro).

          Unermüdlich dreht sich die Scheibe dieser eher drolligen Bastel arbeit, ohne jedoch Musik, geschweige denn kühle Luft zu spenden. So herrscht geruhsame Stille, und auf dem Boden wächst heimatlich Peter Rösels „Pusteblume“ (2200 Euro). Judith Ammann macht aus ihrer Fotografie eines Rolladens harmonische abstrakte Malerei (2880 Euro), und Heike Weber zerschneidet - im Zuge einer Auseinandersetzung mit der Linie als Form - Postkarten in dünne Streifen, die als luftige Knäuel vor der Galeriewand schweben (je 680 Euro). Ein „Taucher“ (1200 Euro) Webers - scheinbar selbst aus Wasser gemalt - tropft auf der Leinwand vor sich hin. (Bis 5. August.)

          Verminte Grenzübergänge

          In der Galerie Appel läßt Brigitte Schäfer diese künstlerische Sommermusik verstummen: Sie zeigt die Städelschüler Özlem Günyol und Mustafa Kunt. Günyol hat soeben ihren Abschluß gemacht. Mustafa Kunt besucht die Klasse von Wolfgang Tillmans. Für beide ist es die erste Galerieausstellung, und sie trägt den Titel „gold mine“: Vier Fotos öffnen den Blick auf die Natur (je 800 Euro), doch die Fotografien zeigen verminte Grenzübergänge zwischen dem Kosovo und Montenegro oder Albanien.

          In einem Holzkasten, in Gestalt einer weißen Leinwand, ist in der Mitte ein rechteckiger Miniatur-Monitor eingelassen: Er zeigt, wie die Bomben damals fielen; daneben tanzt eine Mine auf einer Spieluhr, zur Melodie von „Sur le Pont d'Avignon“ (450 Euro). Auf einem Altartisch finden sich Styroporobjekte in schwarzem und grauem Klebeband eingewickelt (1200 Euro) - Tellerminen, AntiPersonen-Minen, und wieder klimpert eine Spieldose, diesmal ein Wiegenlied.

          Auf dem Boden plazierte, überdimensionierte Minen nehmen sich und dem hinteren Raum leider in ihrer Fülle Kraft und Aussage (je 350 Euro). Etwas verloren wirkt auch die Videoarbeit „Borders“ (1500 Euro) von Özlem Günyol; sie zeigt anhand von Karten, wie sich die Ländergrenzen Europas immer wieder verschoben. (Bis 21. Juli.)

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