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Gegenwartskunst : „Eigentlich suche ich noch ein ausgestopftes Krokodil“: Die Sammlung Olbricht im Leverkusener Museum Morsbroich

  • -Aktualisiert am

Thomas Olbricht besitzt eine der größten Sammlungen zeitgenössischer Kunst - mit scharfem Profil. Nach der Vernissage zu der Ausstellung „Yes Yes Yes Yes. Differenz und Wiederholung in Bildern der Sammlung Olbricht“ erzählte er von seinen klaren Vorstellungen über den Umgang mit den Werken.

          Auf diese Ausstellung muß das zum Museum modernisierte Schloß gewartet haben: zeitgenössische Kunst, die sich in den Gängen, Fluren und Sälen ausbreitet wie eine klassische Ahnengalerie.

          Ein Kabinett verdienstvoller Nobelpreisträger aus der Dunkelkammer des Fotografen Otto Steinert folgt auf einen Saal mit den klassischen Porträts von August Sander - die Maler, Bankiers, Studenten, Bauern, Journalisten, all die Typen, deren Abbilder der Fotopionier Anfang der zwanziger Jahre zum Panorama der deutschen Gesellschaft zusammensetzen wollte. „Die Jungen“ schließen sich an, Leinwände in konzeptuellem Schwarzweiß, die Künstler als junge Männer zeigen, manche unverkennbar (Picasso, Kippenberger), andere identifiziert allein der Name (Richter, Pollock, Van Gogh): Der Pole Marcin Maciejowski malte sie kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag.

          In der Beletage folgen Aufnahmen der „Brown Sisters“, vier amerikanische Schwestern, die Nicholas Nixon seit mehr als drei Dekaden alljährlich zum Fototermin bittet - in der Abfolge der Gruppen-Porträts sind die Lebensalter aufgehoben wie in einem Schauglas, und diese angehaltene Zeit kontrastiert wirkungsvoll mit den anachronistischen „Film-Stills“, für die Cindy Sherman während der achtziger Jahre im Gewand einer Nachkriegs-Kinoästhetik posierte.

          Das Ja-Wort eines halbnackten Teenagers

          Die Ausstellung „Yes Yes Yes Yes“ gilt dem Thema „Differenz und Wiederholung in Bildern der Sammlung Olbricht“. Das Einladungsplakat deutet als Collage die Spannbreite und das Niveau einer der international wichtigsten Kollektionen zeitgenössischer Kunst an: Die titelgebende Gouache von Louise Bourgeois - sie malte das Wort „Yes“ zwölfmal in hell-gebrochenen Rosa- und Blautönen - verschmilzt mit einem halbnackten Teenager, den Larry Clark mit einem Revolver auf dem Bettlaken posieren ließ. Der Essener Thomas Olbricht hat die Ausstellung auf Einladung des Museumsdirektors Gerhard Finckh gemeinsam mit seinem Kurator Wolfgang Schoppmann entwickelt - nach der Vernissage steht er inmitten der Ikonen, die seine Sammelleidenschaft ihm beschert hat, und ist überrascht, was alles sichtbar wird.

          Der Sammler Olbricht, der sich verpflichtet fühlt, seine Kunst der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, zeigt in seiner Auswahl (wie auch im Katalogbuch „Most Wanted“, erschienen im Verlag Walther König) viel vom eigenen Profil. Es ist offensichtlich, daß er eine drastische Farbigkeit schätzt und Kompositionen, die dicht und erfüllt sind, ob sie von Menschen und Historie erzählen wie die rehabilitierten Todeskandidaten einer Taryn Simon, ob sie erotisch-satt überkodiert sind wie die Malerei eines Richard Phillips oder als klirrend versplitterte Farbmosaike von Thomas Scheibitz Bildwelten entlang der Realität fügen.

          Ausnahmen, wie die brauntonigen und schlichten Leinwände eines Norbert Schwontkowski, setzen da nur einen Akzent. Die Freude am Experiment, mit der Thomas Olbricht im Katalogbuch „some recent acquisitions“ miteinander in Reibung bringt, statt paßgenaue Bildstrecken zu entwerfen, belegt seine mutige Neugier - im Gegenüber erscheinen die Werke nicht als museal-argumentierende Abfolge, sondern als kaleidoskopische Gesamtheit, getragen von einem äußerst individuellen Begehren.

          Zu Tisch mit Gerhard Richter

          Die Kunstwelt ist ihrerseits neugierig auf diesen Sammler, der erst seit fünfzehn Jahren sein Interesse an Zeitgenössischem pflegt, inzwischen aber Ausstellungen bestückt, als sei sein Depot unerschöpflich. Ob es um das druckgraphische Werk von Gerhard Richter im Kunstmuseum Bonn geht oder ein finnisches Ausstellungshaus aktuelle japanische Malerei vorstellen möchte - aus der Kollektion läßt sich sowohl die jüngere Kunstgeschichte wie auch die internationale aktuelle Szene in seltener Dichte und Qualität abbilden.

          Zwei Hängeregister in seinem Büro können die Anfragen nach Ausleihen kaum fassen; Thomas Olbricht liest sie auch als Bestätigung einer Auswahl, die sich ganz auf das Objekt konzentriert. Denn während seine Kollegen mit der Kunst auch die Nähe zur Szene einkaufen, vermeidet Olbricht eine zu enge Bekanntschaft lieber; sie könnte den Blick trüben. Einen ganzen Winterurlaub lang teilte er den Speisesaal mit Gerhard Richter - doch er wollte sich in dieser intimen Feriensituation dem Maler nicht als Sammler vorstellen.

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