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Gegenwartskunst : Die wilde Jagd geht weiter

Nirgendwo explodieren die Preise so wie bei den Zeitgenossen. Die bevorstehenden Auktionen in New York verheißen schon wieder neue Höhepunkte.

          3 Min.

          Nach den New Yorker Prestige-Auktionen mit Impressionismus und Moderne, die mit Munchs Pastell „Der Schrei“ bei Sotheby’s ihren - erwartbaren - Meister fanden (unser Nachbericht auf dieser Seite), treten die beiden erzkonkurrierenden Firmen in der kommenden Woche mit der Gegenwartskunst an. Was die ohnehin megalomanischen Umsätze angeht, könnte es dabei sehr eng werden: Christie’s prognostiziert allein für die 61 Lose der Abendauktion einen Umsatz von 252 bis 352 Millionen Dollar, Sotheby’s hält für 59 Lose mit gut 221 bis 312 Millionen Dollar dagegen. Entscheiden wird auch dabei - angesichts eines ultraerhitzten Verkäufermarkts - das Schicksal der Spitzenstücke. Und die haben es in sich.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Höchstdotiertes Los bei Christie’s am 8. Mai ist ein „Orange, Red, Yellow“-Rothko, ausgezeichnet mit 35 bis 45 Millionen Dollar. Das Bild, das seit 1967 nicht mehr auf dem Markt war, stammt aus dem Nachlass des Bekleidungsindustriellen David Pincus. Den knapp vierzig Pincus-Losen, denen ein eigener Katalog gewidmet ist, hat Christie’s auch noch ein „Untitled I“ Willem de Koonings von 1980 zu verdanken (Taxe 8/12 Millionen Dollar), außerdem den knapp 1,4 Meter breiten Pollock „No.28, 1951“, dotiert mit zwanzig bis dreißig Millionen, der einst durch Heinz Berggruens Pariser Galerie ging - charmant hier für die Annalen, zur Ergänzung der Vorgeschichte: „No. 28“ war in der ersten Auktion „Contemporary Art“ 1974, die Jörg-Michael Bertz für Christie’s in London organisierte, vertreten.

          Damals mit einer Erwartung von umgerechnet 400.000 Dollar versehen, blieb das Bild unverkauft. Mit Pincus-Provenienz versehen sind auch ein typisches „OnementV“ in Blautönen von Barnett Newman (10/15 Millionen) oder Anselm Kiefers Großformat „Liliths Töchter“ von 1990, das Pincus noch im selben Jahr in der Marian Goodman Gallery in New York erworben hatte (800.000/1,2 Millionen).

          Das aufregendste Stück bei Christie’s ist freilich ein umwerfendes Großformat von Yves Klein, „FC1 (Fire Color 1)“ aus dem Jahr 1962, dem dreißig bis vierzig Millionen Dollar zugetraut werden. Es ist eine veritable Bild-Orgie in Feuer, Leibern und Blau, und wirklich interessant ist die Herkunft: Aus der Sammlung des Künstlers kam es an Pierre Restany, den entscheidenden, 2003 gestorbenen Förderer und Vordenker der „Nouveaux Réalistes“. Von ihm direkt hat das Werk der jetzige Einlieferer, eine anonyme Schweizer Privatsammlung, erworben.

          Damit nicht genug, führt Christie’s, allein in der Abendveranstaltung, sechs Arbeiten von Gerhard Richter ins Feld, der langsam wohl auch nicht mehr weiß, was seiner Produktivität noch geschehen kann: Spitzenstück ist das 2,4 mal 2,4 Meter messende „Abstrakte Bild (798-3)“ von 1993, das vierzehn bis achtzehn Millionen Dollar aufruft. Neben den günstigsten abstrakten Variationen (2,5/3,5 Millionen) taucht ein großes „Seestück (Leicht bewölkt)“ von 1969 in dieser Suite auf (10/15 Millionen) - ja, doch: Gelegentlich wünscht man den Massen von Kapital, die in New York bewegt werden, dringend auch kunsthistorische Kenntnis.

          Diese fromme Hoffnung gilt auch für Sotheby’s, am Abend des 9. Mai. Dort gibt eine niedliche Comic-Blondine auf weniger als einem Quadratmeter den Ton an, die Roy Lichtenstein 1964 als „Sleeping Girl“ auf Leinwand malte. Sie hat seit ihrem Verkauf im Entstehungsjahr aus der legendären Ferus Gallery in Los Angeles nie mehr das Licht des Kunstmarkts erblickt. Jetzt liefert sie die Sammlung von Phil und Bea Gersh ein; zu erwecken im Bereich von dreißig bis vierzig Millionen Dollar. Ebenfalls der Ferus Gallery entstammt ein „Double Elvis“ von Warhol aus dem Jahr 1963, der seit 35 Jahren nicht mehr unterwegs war und jetzt aus einer amerikanischen Privatkollektion hervortritt: Mit einer Schätzung von dreißig bis fünfzig Millionen liegt er, lebensgroß mit Schießeisen, im ungebrochenen Trend der Warhol-Adoration.

          Weil es ohne Francis Bacon auch in Amerika wohl nicht gehen kann, firmiert bei Sotheby’s eine „Figure Writing Reflected in Mirror“ von 1976 im Katalog (30/40Millionen). Vergleichsweise befriedet - gemessen an den Üblichkeiten des britischen Grenzüberschreiters -, war sie seit 1977 nicht mehr auf dem Markt, weil in einer europäischen Sammlung bewahrt. Ein großer graugrundiger, sehr klassischer Cy Twombly, „Untitled (New York City)“ von 1970, ergänzt das gediegene Programm im Spitzenbereich (15/20 Millionen).

          Mit einer gewissen Gelassenheit kann da die aparte, sehr zeitgenössische Firma Phillips de Pury auf das Kopf-an-Kopf-Rennen der Giganten blicken, außer Konkurrenz, aber mit spannenden 44 Losen. Dort schickt man am 10.Mai als Sahnestück einen de Kooning ins Rennen, „UntitledVI“ von 1975, der allerdings im direkten Vergleich mit dem oben erwähnten Kooning-Bild bei Christie’s steht, versehen mit einer Schätzung von zehn bis fünfzehn Millionen Dollar.

          Weiteres soll dann der gute alte Warhol richten, unter anderem mit einer riesigen tollen „Gun“ von 1981/82 (5/7Millionen) und einem hübschen „Mao“ von 1973 (9/12 Millionen). Auch Phillips de Pury hat einen feinen Twombly aus der „Bolsena“-Reihe von 1969 (6/8Millionen). Und für die Fans des frühen puren Andreas Gursky ist da der leere „PradaII“-Laden von 1997 (Auflage 3/6) im Angebot, ein wirkliches Traumbild (500.000/700.000). Maß und Ziel hat der Auktionsmarkt im Feld der Gegenwartskunst längst verloren. Die Frage ist, angesichts dieses Aufgebots, bloß noch: Wie weit geht die globalisierte Jagd?

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