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Gegenwartskunst : Die Einsamkeit der Tänzerin

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Yinka Shonibare stattet zwei Schaufensterpuppen mit kulturellen Identitäten aus. Carolina Caycedo setzt diesem lyrischen Verfahren ihren fiktiven Realismus entgegen und David Musgrave variiert seinen Bleistiftdruck: Ein Rundgang durch die Galerien in London.

          Unklar ist, ob die beiden Figuren sich schon den Kopf vom Rumpf geschossen haben oder ob sie kopflos dorthin zielen, wo sie die Visage des anderen vermuten. Dabei sollte man von so gut eingekleideten Herren in Edelmännertracht mit verzierten Pistolen doch erwarten, dass sie wüssten, was sie tun. Yinka Shonibare hat für „How to blow up two heads at once (Gentlemen)“ (125.000 Pfund) zwei Schaufensterpuppen mit afrikanisch gemusterten Kleidern aus niederländischen Stoffen ausgestattet. Durch diese Mischung zeigt er einmal mehr die kulturellen Bezüge auf, die das äußere Erscheinungsbild eines Menschen stiftet. In seiner Ausstellung „Flower Time“ bei Stephen Friedman in der Old Burlington Street geht es Shonibare auch um den gegenwärtigen politischen Zustand: Er sehnt blumenkindische Zustände herbei, nennt seine Wandinstallation eines schwarzen Flecks mit darauf platzierten kreisrunden Leinwänden „Black Gold“ (85.000 Pfund) und lässt zur Eröffnung Blüten verteilen.

          Im Video „Odile and Odette“ (50.000 Pfund, Auflage 6) tanzt eine schwarzhäutige Ballerina Tschaikowskys Schwanensee vor einem weißhäutigen Spiegelbild. Sie bewegt sich ohne Musik, aber zum verhalten trippelnden Geräusch ihrer Füße, was den Eindruck ihrer Einsamkeit verstärkt. Es scheint so, als träume das schwarze Mädchen davon, eine andere zu sein. In seinen Werken beschäftigt sich der 1962 in Nigeria geborene Künstler immer wieder mit der Wahrnehmung und dem Umgang mit verschiedenen Ethnien in unserer Gesellschaft. (Bis 13. Januar.)

          „Einwanderer tragen zum Kulturleben bei“

          Dem lyrischen Verfahren Shonibares setzt die 1978 in Großbritannien geborene Carolina Caycedo mit ihrer „Locomotion“ betitelten Ausstellung bei Blow de la Barra in der Heddon Street fiktiven Realismus entgegen. „Union Jacks“ aus verschiedenen Landesfarben hängen von der Decke und nehmen Bezug auf die ethnische Herkunft von Caycedos Eltern: Kolumbien. „Einwanderer tragen zum Kulturleben bei“ steht daneben geschrieben - als Banner an der Wand und auf einem Foto, gehalten von mehreren Menschen bei einer Demonstration 2004 im Londoner East End. Wie als Beweis dieser Behauptung zeigt sie daran anschließend „Local Motion“, eine Jukebox mit lateinamerikanischer Musik. Die Künstlerin, die in ihren Werken Musik und Straßenkultur verbindet, hat diese Titel gesammelt beziehungsweise für andere Projekte produziert und hier als Soundtrack zur Ausstellung installiert. In einem Video von 2003 mit dem Titel „Wie man einen britischen Reisepass erhält“ (bis 10.000 Pfund, Auflage 3) bittet ein Südamerikaner eine Freundin, ihn für 3000 Pfund zu heiraten.

          Vor der Heirat gibt er ihr 500 Pfund, dann monatliche Raten, und in einem Jahr wollen sich beide wieder trennen. Nach dieser Transaktion in einer engen englischen Wohnung werden Hochzeitsvorbereitungen gezeigt, Gäste auf Fluren, die Heirat auf dem Amt, Klatschen, eine Feier im Pub mit Sandwiches und Tanz - gefilmt mit einer am Rand stark verzerrenden Kamera. Alles sei Fiktion, heißt es im Abspann. Doch in dem Video ist die reale Heirat der Künstlerin selbst nachgestellt. Caycedo hat mit ihrem oft in den Alltag eingreifenden Realismus vor drei Jahren an der Biennale in Venedig und 2006 in New York an der Whitney Bienale teilgenommen. (Bis 13. Januar.)

          Linie für Linie, Blatt für Blatt

          Eine Realität ganz anderer Art präsentiert David Musgrave bei Greengrassi im Südlondoner Stadtteil Kennington. In seinen Zeichnungen vollzieht der 1971 geborene Künstler den Bildaufbau eines Röhrenbildschirms nach, zieht Linie für Linie den Bleistift über das Papier. Hin und wieder löst er den Druck der Stifte, bis eine Form auszumachen ist. Andere Blätter sind durch verknotete Bänder oder Papierschnipsel komponiert (je 2000 bis 5000 Pfund). Als Beweismittel, dass diese Bilder keine reine Fiktion sind, fügt Musgrave zwei Wandobjekte hinzu: „Stick Figure (Evening)“ und „Tape Golem No.2“ (Preise nur auf Anfrage). Die dreidimensionalen Bildformen fordern auf, auch in organischen Abstraktionen figürliche Darstellungen zu entdecken: Einfache Figuren, Umrisse, Papierfetzen, Zweige, kleine nutzlose Fragmente tauchen in seinen Bildern auf. (Bis 13. Januar.)

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