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Gallery Weekend in Berlin : Im Bann der Krisen, aber dennoch optimistisch

Auseinandersetzung mit dem Informationskrieg: Egor Krafts Installation „Semi-truth is the Perfect Lie“, 2022, in der Galerie Alexander Levy. Bild: Galerie Alexander Levy / Egor Kraft

Vorwärts in einer aus den Fugen geratenen Welt: Das Gallery Weekend in Berlin steht unter dem Eindruck des Ukrainekriegs und hofft doch auf postpandemischen Aufschwung.

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          Riesige Fenster, gemalt auf Öl, durchziehen die Galerieräume. Mal fällt der Blick durch die Umrahmung auf ein schwarzes Nichts, mal leuchten die Fenster rot, wie von Sonnenlicht durchschienen. Bedrohlich und lieblich zugleich wirken die Großformate. Ihnen gegenüber sind Architekturaufnahmen aus Rom und Tel Aviv platziert, die mit ihrer klaren, rationalen Bildsprache in Antagonismus zu dem Fensterzyklus treten (35.000 bis 1,8 Millionen Euro). Die „Exposition Collective 1974 – 2007“ zum Gesamtwerk von Günther Förg in der Galerie Max Hetzler deutet an, welche Leitthemen das diesjährige Gallery Weekend in Berlin bestimmen: Neuanfang, Melancholie und Krisenangst.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          52 Galerien nehmen an diesem Frühjahrs-Wochenende teil, das sich vor allem etablierten Künstlern widmen soll. Doch gerade 2022 gibt es Innovationen, Newcomer sind dabei, und einige traditionsreiche Häuser haben neue Räumlichkeiten bezogen, etwa Max Hetzler in der Potsdamer Straße oder Neugerriemschneider in Prenzlauer Berg. Die Stimmung ist optimistisch: „Wir erwarten in diesem Jahr mehr Besucher als vor der Pandemie“, sagt Maike Cruse, die Direktorin des Gallery Weekends, und rechnet überdies mit stärkerer internationaler Ausstrahlung. Mehr Sammler aus dem Ausland, insbesondere den Vereinigten Staaten und Asien, hätten sich angekündigt. Wieder werden Werke auch digital gezeigt und gibt es ein Kunstmarktjournal. Eine Neuauflage der Messe Paper Positions bereichert das Programm.

          Wie sind die Aussichten? Fensterbilder von Günther Förg aus den siebziger Jahren in der Galerie Max Hetzler. Bilderstrecke
          Gallery Weekend Berlin 2022 : Gallery Weekend Berlin 2022

          Doch auf die immer noch nicht überstandene Corona- Krise folgt die nächste: Der Schatten des Ukrainekriegs liegt über allen Schauen. Viele Galerien betonen den Aktualitätsbezug ihrer Arbeiten, die oft nachdenklich stimmen. Ukrainische Künstlerinnen und Künstler sind allerdings kaum vertreten. Eine Ausnahme bildet Maria Kulikovska mit ihrer mutigen Performance „254“, die in Kooperation der Berliner Galerien und der Neuen Nationalgalerie nach Berlin geholt wurde, um Spenden für den Verein „Be an Angel“ zu sammeln, der sich für Flüchtlinge einsetzt. Bedeckt von der ukrainischen Flagge liegt Kulikovska wie verwundet auf den Stufen des Museumsgebäudes von Mies van der Rohe.

          Pünktlich zum Gallery Weekend hat Alexander Levy gemeinsam mit der Galerie Levy seines Vaters neue Räume im Stadtteil Moabit bezogen. Während sich Levy junior auf zeitgenössische Konzeptkunst konzentriert, präsentiert Levy senior Surrealismus und Pop-Art, momentan mit einer Ausstellung zu surrealen Objekten von Meret Oppenheim oder Man Ray (900 bis 160.000 Euro). Geprägt von der russischen Invasion in die Ukraine ist dagegen die Ausstellung „Lies, Half-Truths & Propaganda“ des russisch-österreichischen Künstlers Egor Kraft bei Alexander Levy. Kraft setzt sich in seinen generativen Computerinstallationen mit Falschinformationen über den Krieg in der Ukraine auseinander (6000 bis 20.000 Euro).

          Eine Ode an den Frieden ist dagegen Bruce Naumans Videoinstallation „Practise“ bei Konrad Fischer. Sie zeigt die Hände des Künstlers, die etwas unterschreiben und an die Verträge zwischen den Ureinwohnern und der Regierung Kanadas erinnern sollen. Lebensbejahend sind die „Silhouettes Critiques“ des senegalesischen Künstlers El Hadji Sy, der mit seiner mal expressionistischen, mal abstrakten Bildsprache Porträts gestaltet, aber sich auch mit biologischen Phänomenen wie menschlicher DNA auseinandersetzt (30.000 bis 35.000 Euro).

          Aufregende Neuzugänge und Katastrophenszenarien

          Bei der Galerie Crone, die den aus Havanna stammenden Hamlet Lavastida zeigt, wird es politisch subversiv. Der Künstler wird vom kubanischen Geheimdienst als „Unruhestifter“ bezeichnet und verfolgt. Seine mehrfarbigen Scherenschnitte zeigen Artefakte des Sozialismus, aber auch Symbole des Westens. Daneben ist sein Manifest „Penitentiary Republic“ ausgelegt, in dem er sich gegen Diktaturen und Unterdrückung wendet (ab 5000 Euro). Sprüth Magers konzentriert sich auf die monumentalen Stoffwandarbeiten von Sterling Ruby und dessen Keramikskulpturen, die fluoreszierende Blumenmotive

          Ein aufregender Neuzugang ist die Galerie Heidi, die in der Kurfürstenstraße ihre Türen geöffnet hat und die Dracheninstallation „Draw on the Wind“ sowie Insektengemälde „Too busy bees“ der amerikanischen Künstlerin Joan Jonas zeigt (Preise auf Anfrage). Eine Symbiose erleben bei KOW die Pappskulpturen von Anna Boghiguian und die Installationen von Alice Creischer, darunter die Musikinstallation „His Master’s Voice“, die sich auf eine Rede von Joachim Gauck bezieht, in der der frühere Bundespräsident eine Ausweitung deutscher Militäreinsätze im Ausland forderte.

          Dystopisch wirken die Arbeiten von Thomas Bayrle bei Neugerriemschneider. Stehen die Roboterarme, die aus gewölbten Smartphones zusammengesetzt sind (Preis auf Anfrage), für die Angst vor der Digitalisierung? Kritik an der Technik und damit verbundene Katastrophenszenarien haben dieses Mal Hochkonjunktur. Die Galerie Eigen + Art präsentiert psychedelische Kreidearbeiten von Martin Groß, die sich mit der Psychologie des Internets und der Netzkultur auseinandersetzen (4000 bis 12.000 Euro). Auf die Wände hat Groß Textfragmente aus Programmiersprachen aufgetragen. Gezeigt werden auch verpixelte Tunnel, ausgezehrte Landschaften und E-Mail-Texte. Die Zeit, resümiert der Künstler, scheint auch im digitalen Äther aus den Fugen geraten.

          Gallery Weekend , Berlin, bis 1. Mai. Die einzelnen Ausstellungen sind größtenteils sehr viel länger geöffnet.

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