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Gallery Weekend : Im Zeichen des Bären, jedenfalls

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Das Berliner Gallery Weekend verzagt nicht in schwerer Zeit – und konzentriert sich auf sehr sehenswerte Werke.

          3 Min.

          Galadinner und große Party finden diesmal nicht statt, und wenn der globalen Kunstherde im Zeichen von Reisebeschränkungen und Ökobilanzen eine Regionalisierung prophezeit wird, dann gilt sie jetzt bereits für den Hotspot Berlin. Idealisten mögen darin eine willkommene Reduktion auf das Wesentliche erkennen – auf die Kunst. Aber besteht das Wesentliche bei einem solchen Event nicht im socialising, darin, dass Sammler aus aller Welt sich und den Künstlern begegnen, deren Werke sie soeben erworben haben, um damit in angemessener Gesellschaft zu glänzen? So herrscht in vielen Galerien eine ambivalente Gefühlslage – zwischen Erleichterung, dass es nach einem halben Jahr Flaute wieder losgeht, und Bangigkeit, wie es weitergehen und wo das alles enden soll.

          Einen „langen, trockenen Weg“ sieht Daniel Wichelhaus vor sich. Der Geschäftsführer der Galerie Société malt sich aus, wann das „Sparschwein leer sein dürfte, dann wird es spannend“. Zunächst einmal kontert er alle Skepsis mit dem Umzug nach Charlottenburg in noble Räume, wo er die 1985 in Luzern geborene Tina Braegger in sein Programm aufnimmt. Die in Berlin lebende Malerin hat sich in selbsterklärter Zwangsneurose dem Wappentier der Grateful Dead verschrieben, einem Bären, der 1973 auf einem Plattencover – „Bear’s Choice“ – auftauchte und ein popkulturelles Eigenleben entwickelte: als kultige Handelsware von Fans der Rockband bis hin zu Braeggers großen und riesigen Formaten, die in fröhlicher Manier und vital malerische Stile und Gesten inszeniert, kopiert, sampelt. So bereichert sie die Allgegenwart standardisierter Symbole um ihre zupackende Handschrift in Öl und mit einer Prise Glitzerstaub auf Leinwand (Preise bis 28.000 Euro; bis zum 10. Oktober).

          Wem das zu grell, zu lärmend ausfällt, der besuche die Ausstellung der Amerikanerin Helen Mirra mit gewobenen Texturen aus Leinen, Wolle und Seide in der Galerie Nordenhake. Dort erblickt man beim Eintreten bescheidene Formate in auf den ersten Blick spröden Farben. Dann aber schimmert aus ihnen ein überraschender Reichtum an Licht, Tonigkeit, Kolorit hervor. Diskret und mit Tiefenwirkung pulsieren die kleinen gobelinartigen Werke an den Wänden. Ihre Naturerfahrungen bei regelmäßigen Wanderungen versteht die 1970 geborene Mirra ebenso als Werk wie die Resultate, die sie aus den kleinen Webstühlen hervorgehen lässt. Womit sie der ungegenständlichen Bildkunst eine differenzierte Note hinzufügt (von 17.500 bis 20.000 Euro; bis zum 14. November).

          Mit wenigen Arbeiten ruft die Galerie ChertLüdde das Œuvre der New Yorkerin Rosemary Mayer (1943 bis 2014) in Erinnerung, einer Künstlerin, die – neben anderen mit Nancy Spero – die von Frauen für Frauen betriebene A.I.R. Gallery mitbegründete. Was sie um 1973 an Skulpturen aus Stoffen wie Flanell, Seide, Nylon schuf, empfand sie oft selbst nicht für erhaltenswert, eine grandiose Fehleinschätzung. Vieles ist in Abbildungen erhalten, weniges physisch, wie die großartige „Hroswitha“, in die Einflüsse von Eva Hesse und Robert Morris eingegangen sein dürften: Die transluziden Stoffe fallen der Gravitation entsprechend, formen Raum und Volumen und huldigen mit dem Werktitel der mittelalterlichen Dichterin. Eine Reihe bestechender Zeichnungen ergänzt zwei skulpturale Arbeiten (von 12.000 bis 120.000 Dollar; bis zum 31.Oktober).

          Klein, aber fein ist auch die Werkschau mit Videos, Bildern, Skulpturen und Fotografien der in Los Angeles lebenden D’Ette Nogle bei Sweetwater. Die Künstlerin hatte in den neunziger Jahren an der UCLA School of the Arts and Architecture in Los Angeles einen Kurs bei John Baldessari belegt. Der gab seinen Studierenden einmal auf, irgendetwas im Stil von Bernd und Hilla Becher zu machen. Nogle fotografierte die Vintage-Kleider ihrer Kindheit auf grauem Grund und gruppierte sie seriell in einer Art Becher’scher „Typographie“. Ein Zauber wohnt diesen eigentlich nüchternen Fotos inne, die mit den persönlichen Gegenständen eine prosaische Erinnerung wachrufen (von 6000 bis 10.000 Euro; bis zum 24. Oktober). Eine Schlüsselfigur für experimentellen Film und Queer Cinema zeigt die Galerie KOW in Gestalt von vier Videos von Barbara Hammer (1939 bis 2019) aus den achtziger Jahren. Es flirrt und flimmert über die „feminine Sprache der Liebe“, wie es in einem der Filme, „Synch Touch“ von 1981, heißt. Den weiblichen Körper rückt Hammer auch dann diskret ins filmische Bild, wenn er explizit auftaucht, wenn „touch and sight“, Berührung und Blick visuell fühlbar werden. Früh beschäftigte sie sich dann mit Computeranimationen, um sich mit Stereotypen männlicher Wahrnehmung auseinanderzusetzen (Auflage je 7, je 12.000 Dollar; bis zum 7. November).

          Der kollektive Start in die Herbstsaison in schwieriger Zeit motiviert auch gemeinschaftlichen Geist: Sieben Galerien kooperieren in den Wilhelm Hallen, etwas abseits gelegen in einer ehemaligen Eisengießerei in Reinickendorf. Ein privater Eigentümer stellt das pittoreske Fabrikgebäude zur Verfügung und wertet es mit zeitgenössischer Kunst auf – zur biennaletauglichen Location für Performance, Video, Environment und andere ausladende Formate. Die Bandbreite reicht von autobiographisch motivierten, abstrakten Skulpturen des 1973 geborenen ukrainischen Bildhauers Alexej Meschtschanow (Galerie Klemm’s) bis zu einer raumgreifenden Installation von Ferdinand Kriwets konkreter Poesie (BQ): Der Abstecher in den Berliner Norden lohnt den Besuch (bis zum 20. September) wie viele der Ausstellungen, die jetzt anlaufen.

          Die Galerien sind am 12. und 13. September von 12 bis 19 Uhr geöffnet.

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