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Gallery Weekend : Der Glaube an die Kunst

  • -Aktualisiert am

Galerien machen dicht, Galerien ziehen in Riesenkirchen: Was passiert in Berlins Galerieszene, die sich gerade beim Gallery Weekend präsentiert?

          3 Min.

          Ein Mann steht in einer Kirche. Die Kirche ist leer, der Altar weg, die Orgel und die Gläubigen sind es schon lange, deswegen verfällt die Kirche ein wenig, obwohl sie unter Denkmalschutz steht. Gebaut wurde das Ensemble aus Kirche, Gemeinde- und Pfarrhaus von 1964 bis 1967 nach einem Entwurf des ehemaligen Berliner Senatsbaudirektors Werner Düttmann im nordwestlichen Teil von Kreuzberg, heute gilt es als eines der wichtigsten Beispiele des deutschen Betonbrutalismus - und jetzt, wo alle Einbauten, die Bänke, das Kreuz fehlen, sieht das leere Schiff, ein klassischer, mit Hohlblocksteinen ausgefachter Betonskelettbau, wie eine ideale minimalistische Riesenskulptur aus.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Mann, der in dieser Skulptur steht, ist der Galerist Johann König. Er will seine Galerie in die Kirche verlegen; der Architekt Arno Brandlhuber wird durch einen entschlossenen Querschnitt das Kirchenschiff horizontal teilen, so dass über einem 4,5 Meter hohen Lager der größte private Galerieraum der Stadt entsteht - eine 36 Meter lange, dreizehn Meter breite und mehr als neun Meter hohe Halle. Mit dem Projekt erreicht die Welle der Umnutzung leerstehender Bauten für die Kunst jetzt sogar die Kirchen: Alles kann Kunstort werden in Berlin.

          Gleichzeitig zu solchen spektakulären Projekten wächst aber die Klage, mit Berlin als Kunststandort könne es bald vorbei sein. Zur aktuellen Lage gibt es zwei grundsätzliche Meinungen. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die den Kunststandort Berlin in Gefahr sehen: Niemand ließ am jährlichen Art Forum ein gutes Haar, als es das noch gab. Seit die Herbstmesse abgeschafft ist, wird ihr Ableben umso energischer beklagt. Ihr Wegfall habe „massive Auswirkungen“ gehabt, erklärt Nicole Hackert von der Galerie CFA in einem Streitgespräch der Zeitschrift „Monopol“ mit den Galeristen Alexander Schröder, Rudolf Kicken und Judy Lybke: „Sammler aus dem Ausland zeigten sich über das Ende des Art Forums sehr bestürzt.“

          Die erst parallel zum Art Forum als Gegen-, dann als Nebenschau veranstaltete „abc“ sei kein Ersatz, so die Kritik, und auch nicht das Gallery Weekend, das bis zum kommenden Sonntag bei mittlerweile 51 Kunsthändlern und an zahlreichen Nebenschauplätzen stattfindet und von vielen mittlerweile als die für Berlin angemessenste Form einer - auf zahllose Orte verteilten - Kunstmesse angesehen wird. Aber seit dem Ende des Art Forums gibt es ein diffuses Grollen in den Galerien, das sich noch verstärkte, als die Galeristin Giti Nourbakhsch ein Video auf Youtube stellte, in dem sie, ekstatisch tanzend zu Udo Lindenbergs „Ich mach mein Ding“, neben ihrem verblüfften Hund zu sehen ist - und damit die Schließung ihrer Galerie ankündigte.

          Spätestens seither brodelt es in den äußerst geräumigen Gerüchteküchen der Berliner Kunstwelt: Nourbakhsch war 2010 im Streit aus der Gallery Weekend GmbH ausgetreten, ein Jahr später wurde sie überraschend von der Kunstmesse Art Basel abgelehnt, in deren Zugangskomitee auch ein paar Berliner Kollegen sitzen. Nourbakhsch interpretierte das als Strafe und beschwerte sich in einer offenen E-Mail, in dem sie über Filz im hauptstädtischen Kunstbetrieb klagte. Als auch Judy Lybke in Basel ausgeschlossen wurde, machten allerlei weitreichende Theorien die Runde, und jetzt, da mehr als vierzig Galerien aus Berlin zur Art Cologne gingen (F.A.Z. vom 21. April), wird bereits über einen Money-and-Braindrain ins Rheinland gejammert und ein Schuldiger gesucht - wobei das wirkliche Problem der Kunststadt Berlin aus dem Blick gerät: Dass es für junge Künstler und Galerien immer schwerer wird, Institutionen und Anlässe zu finden, an denen sie sichtbar werden können.

          Wer zum Gallery Weekend in die Stadt reist, wird feststellen, dass die interessantesten Arbeiten junger Künstler teilweise jenseits der Galerien in abseitigen Räumen und kunstfernen Institutionen gezeigt - und auf ganz anderen Wegen vertrieben werden: So plazieren etwa der japanische Künstler Toshihiko Mitsuya und die Architekten Johanna Meyer-Grohbrügge und Sam Chermayeff noch bis zum 2. Mai ihre gemeinsamen Skulpturen im Deutschen Architekturzentrum - phantastische Arbeiten aus 0,02 Zentimeter starker Aluminiumfolie, die nach massiven Plastiken aussehen, tatsächlich aber unglaublich leicht sind; wer näher an sie herantritt, erkennt, dass sie sich im Luftzug bewegen. Die meterhohen Arbeiten, die zu den intelligentesten Reflexionen über Form und Material auf diesem Gallery Weekend gehören, werden nicht verkauft, sondern auf der Website june-14.com versteigert.

          Angesichts solcher Prozesse in der Berliner Kunstwelt wünscht man sich dann doch eine - wie auch immer genannte - Messe, auf der solche Entwicklungen sichtbar gemacht und gefördert werden können.

          Robert Longos „Moby Dick“

          In der Galerie Capitain Petzel: Rund fünfzig junge Leute stehen im Untergeschoss des Pavillons an der Karl-Marx-Allee, auf einem Podest innerhalb einer Umzäunung aus gespannten Seilen. Auf den schrillen Ton einer Trillerpfeife hin beginnen sie, mit sehr lauten Stimmen an der Grenze zum Schreien Kapitel aus „Moby Dick“ zu deklamieren, jeder an einer anderen Stelle des Buchs: eine rebellische Kakophonie, die nach fünf Minuten, auf einen scharfen Pfiff hin, abbricht, um dann nach einer Pause wieder anzuheben, über eine Stunde hin.

          Dass Herman Melvilles Epos der „generische Code“ Amerikas ist, sagt Robert Longo an diesem Abend, und dass die Vereinigten Staaten damals die führende Ölnation waren; denn sie hatten Hunderte von Walfängern wie die „Pequod“ des Kapitäns Ahab auf den Meeren, und von den getöteten Walen wurde das Öl gewonnen. Mit dieser Performance – die gemäß den Regeln nur ein Mal stattfand und nun als Aufzeichnung in der Galerie projiziert wird – hat Longo seine frühesten Anfänge aufgerufen, die in der Auseinandersetzung mit Installation, Fotografie und eben Performance liegen. Dass er in seiner Kunst – diesen nicht selten monumentalen, meistens schwarzweißen Zeichnungen, die nur auf den ersten Blick Wirklichkeit wiedergeben – bis heute einem konzeptuellen Ansatz verpflichtet ist, demonstrieren die neuen Arbeiten, die in der Galerie unter dem Titel „Stand“ versammelt sind. Auf einem ganz kleinen Blatt findet sich dort auch der Rumpf eines Sklavenschiffs samt seiner Insassen: Die Ordnung dieser gepferchten Leiber nahm die Performance wieder auf. (rmg)

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