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Gallery Weekend Berlin : Kunst für alle, die sich nicht fürchten

In Berlin findet an diesem Wochenende zum fünfzehnten Mal das Gallery Weekend statt. Von hechtenden Haien zu östlichen Interieurs: Wie wird sich die Kunstkarawane diesmal durch die Stadt bewegen?

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          Berlin war diesmal gar nicht so überfüllt, kurz bevor das Gallery Weekend beginnt, das lag vor allem an den Osterferien. Inzwischen ist alles wieder sehr lebendig um die Galerien herum, die wie in Clustern in Charlottenburg und Schöneberg und in Mitte bis Kreuzberg angesiedelt sind. Offiziell gehören zum Gallery Weekend fünfundvierzig Teilnehmer, zwei weniger als im vorigen Jahr, von deren Engagement auch bei der aktuellen Ausgabe jede Menge andere Galerien zu profitieren suchen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ein Trend à la „Wohin läuft die Kunst?“ lässt sich einmal mehr nicht ausmachen; erwartungsgemäß bleibt es bei einrichtungstauglichen Arbeiten. Dabei liegt durchaus Spannung auf dem Parcours. Das Feld beginnt etwa bei dem genialisch altmeisterlichen deutschen Surrealisten Richard Oelze, aus dessen schmalem Œuvre Wolfgang Werner in der Fasanenstraße unter dem Titel „Eigene Urbilder“ Werke der fünfziger und sechziger Jahre zeigt (Preise für Gemälde von 85.000 bis 170.000Euro, für Zeichnungen von 22.000 bis 29.000 Euro). Am anderen Ende steht bei Guido Baudach in der Potsdamer Straße unter dem Motto „Club Strangeness (Hubble Ultra Deep Space)“ Björn Dahlems sehr individuell mit dem Gewicht des Weltalls ausgestatteter Elektroroller „Super Vehicle (Alchemia)“ von 2019 (36.000 Euro). Wer sich für inzwischen nachgerade klassische Großfotografien begeistert, der findet bei Daniel Marzona in der Friedrichstraße Axel Hüttes malerischen „Kosmos Tropical“, Bilder aus den Jahren 1998 bis 2017 (Preise von 26.000 bis 40.000 Euro).

          Gemalt wird selbstverständlich weiterhin. Martin Eder, zuständig für die Höllen des Kitschs, tut es bekannt virtuos in Sachen „Dystopia“ bei Eigen+Art in Mitte (Preise von 30.000 bis 110.000 Euro). In der Galerie Neu hängen die genialischen Riesenbilder von Jana Euler, auf denen sie in unterschiedlichen Techniken aus dem Wasser hechtende Haie festgehalten hat: figürlich gelängt, unzweideutig aufgerichtet – und voller Angst, die in den aufgerissenen, fast anthropomorphen Mäulern sichtbar wird. Das hat sprühende Kraft (Preise im hohen fünfstelligen Bereich).

          Anders finden Furcht und Phobien ihren Ausdruck bei BQ, wo Raphaela Vogel ihre so verspielten wie bedrohlichen Installationen aufgebaut hat. Die Künstlerin verbindet dafür skulpturale Elemente mit irritierenden Sound-Momenten zu einem Gesamtwerk, dem man sich schwer entziehen kann (Preise von 8.000 bis 58.000 Euro). Zu den jungen Künstlerinnen gehört auch Henrike Naumann, der KOW in ihrer Dependance in der Brunnenstraße viel Raum geben, den sie – buchstäblich – innenarchitektonisch ausstattet. „Ostalgie (Urgesellschaft)“ heißt im Erdgeschoss eine komplette Zimmereinrichtung samt Tapete und Bodenbelag von exquisiter Scheußlichkeit. Dass das Ganze um neunzig Grad gekippt installiert ist, erzeugt völlige Verwirrung, aber eben auch genaue Betrachtung (Werkgruppen von 10.000 Euro an). Die Künstlerin Asta Gröting ist Jahrgang 1961; sie setzt ihre skulpturalen Untersuchungen zu Körpern und den Distanzen zwischen ihnen, zu Abwesenheiten und Emotionen fort. „Not feeling too cheerful: reclining figures, facades and more“ heißt die One-Woman-Show bei Carlier/Gebauer in der Markgrafenstraße. Für die aktuelle Serie „Berlin Fassaden“ hat Gröting Oberflächen von im Zweiten Weltkrieg beschädigten öffentlichen Gebäuden in Silikon abgeformt, die so – wie Gesichter – Narben, Pocken und Verletzungen aufweisen (Preise von 24.000 bis 120.000 Euro).

          In der Oranienburger Straße haben SprüthMagers ihre ebenerdige weitläufige Fläche ganz dem Werk von Peter Fischli und dem vor sieben Jahren verstorbenen David Weiss gewidmet. In Gummi gegossene oder aus ungebranntem Ton geformte Trompe-l’Œils banaler Gegenstände erlangen auf ihren Sockeln nachgerade erhabene Wirkung (Preise von 30.000 Euro bis an den mittleren sechsstelligen Bereich). Ganz allein für sich steht das 1987 von Fischli/Weiss für die „Skulptur Projekte Münster“ im Maßstab 1:5 geschaffene (Büro-)Haus – ein melancholischer Solitär, zu klein für die Realität, zu groß für ein Modell. Die Galerie zeigt außerdem eine installative Arbeit von Reinhard Mucha und die verstörenden Fotoarbeiten von Andrea Robbins und Max Becher (Auflage je 5; 7500 Euro).
          Bleibt also abzuwarten, wie sich die Kunstkarawane an diesem Wochenende durch Berlin bewegen wird – und mit welchem Erfolg für die Galerien, die ihr Bestes geben.

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