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Ost-West-Galeristin : Aus den Akten der Frau für „Kunst von drüben“

Türöffnerin: Hedwig Döbele im Haus ihrer früheren Galerie in Dresden Bild: Robert Gommlich

Schon vor der Wiedervereinigung überwand die Galeristin Hedwig Döbele die Mauer zwischen Ost und West. Ihr Archiv birgt spannende Zeitdokumente. Nun kommt es in die Sächsische Landesbibliothek.

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          Es war 1979, als Hedwig Döbele mit einem Touristenvisum zum ersten Mal nach Dresden kam und eine Ausstellung des Malers Ernst Hassebrauk im Albertinum besuchte. „Ich sah diese Bilder und war total begeistert“, sagt die Kunsthändlerin, die wenige Jahre zuvor mit ihrem Mann eine Galerie in Ravensburg gegründet hatte – zunächst für Künstler aus dem Südwesten wie Max Ackermann, HAP Grieshaber oder Ida Kerkovius, später auch Willi Baumeister, Victor Vasarely und Günther Uecker. In Dresden knüpfte sie schnell Kontakte. „Ich habe Schwäbisch g’schwätzt, das war damals ein Türöffner.“ Vor allem Fritz Löffler, der Kunsthistoriker und Kenner der städtischen Kunstszene sowie Verfasser des Monumentalwerks „Das alte Dresden“, erwies sich ihr als hilfreicher Mittler. Schon bald gab es eine Hassebrauk-Ausstellung in der Ravensburger Galerie, die so erfolgreich war, sodass Döbele fortan Künstler aus der DDR, insbesondere aus Dresden, in ihr Programm aufnahm.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Letzteres war ein Novum im Westen, hatte sich doch der deutsche Kunstbetrieb nach der Teilung Deutschlands auseinandergelebt. Gab es nach Kriegsende noch gemeinsame Ausstellungen, dominierte schon bald die Politik: Während die SED Künstlern verbot, mit dem „Klassenfeind“ zu kooperieren, warnte die Bundesregierung westdeutsche Künstler in Broschüren vor „kommunistischer Unterwanderung“. Erst der Grundlagenvertrag zwischen DDR und BRD brachte Erleichterung; nun waren auch Ausstellungen und Verkäufe von Kunst aus dem Osten im Westen möglich. 1977 beteiligte sich die DDR erstmals an der Kunstmesse documenta: Die Leipziger Maler Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Bernhard Heisig und der aus Halle stammende Willi Sitte stellten ihre Werke aus. Sie prägten fortan das Bild ostdeutscher bildender Künstler im Westen. Ihre Bekanntheit blieb jedoch insgesamt gering.

          Hedwig Döbele hat im Keller des Hauses ihrer ehemaligen „Galerie Döbele“ in Dresden noch immer einen Lagerraum.
          Hedwig Döbele hat im Keller des Hauses ihrer ehemaligen „Galerie Döbele“ in Dresden noch immer einen Lagerraum. : Bild: Robert Gommlich

          Hedwig Döbele arbeitete stetig daran, dass Dresden als traditionsreichstes Zen­trum bildender Kunst in der Bundesrepublik nicht in Vergessenheit geriet. „Die DDR war für mich unwichtig“, sagt sie. „Es ging mir allein um die Bilder, um die Kultur – das hat mich alles sehr fasziniert.“ Der Staatliche Kunsthandel jedoch, der das Monopol für den Export von Kunstwerken ostdeutscher Künstler ins „nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet“ hatte, baute enorme Hürden auf. Döbele überwand auch diese und hatte in der Szene bald den Ruf einer „Partisanin für Dresden“. Bis 1989 zeigte sie in Ravensburg 23 Ausstellungen ostdeutscher Künstler. Darunter waren Altmeister wie Wilhelm Rudolph, Albert Wiegand und Curt Querner, aber auch jüngere Künstler wie Angela Hampel, Herta Günther Hubertus Giebe und Max Uhlig. 1990 zeigte sie eine Ausstellung mit Arbeiten der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, die noch zu DDR-Zeiten geplant worden war und deren Finissage nach der Wiedervereinigung stattfand.

          Kurz darauf zog Hedwig Döbele mit ihrer Galerie ganz in die sächsische Landeshauptstadt. Das sei keine wirtschaftliche, sondern eine Entscheidung aus Liebe gewesen, sagt sie. Doch auf dem Kunstmarkt des wiedervereinigten Landes regierten zunächst Neid und Angst vor ostdeutscher Konkurrenz. Offene Briefe wurden geschrieben, ostdeutsche Maler als „Staatskünstler“ diffamiert. „Es war eine unglaublich aufgeheizte Stimmung“, erzählt Döbele. Auf der Art Cologne, wo sie 1995 „die besten Dresdner Künstler“ ausstellte, drohte ihr der Vorstand schriftlich mit Kündigung, sollte sie weiter diese Bilder ausstellen – weil sie „nicht dem internationalen Standard“ entsprächen. „Das war absurd“, sagt Döbele, zumal sie nie auf Protagonisten des Systems, sondern die eher stillen, aber starken Künstler am Rande gesetzt hatte. „Wir haben dort Bilder nach London, Paris, Brüssel und New York verkauft.“ Ähnliches passierte auch auf der Art Basel.

          Ost? West? Kunst! Hedwig Döbele (Mitte) auf einem Themenabend der SLUB Dresden
          Ost? West? Kunst! Hedwig Döbele (Mitte) auf einem Themenabend der SLUB Dresden : Bild: Robert Gommlich

          Besagter Brief ist in den mehr als zweihundert Aktenordnern enthalten, die Hedwig Döbele der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB) für die Forschung übergeben hat. Darunter sind Verträge des deutsch-deutschen Kunsthandels, Abrechnungen, Kataloge und Fotografien von Messen und Vernissagen. Am schmerzlichsten sei für sie die Trennung von den siebzehn Gästebüchern aus vierzig Jahren mit Widmungen und Zeichnungen von Künstlern und Besuchern, sagt Döbele. „Sie sind wie ein Tagebuch der Galerie.“ Katrin Stump, die neue Generaldirektorin der SLUB, bezeichnete die Übergabe als „Sternstunde für die Bibliothek“. Denn hier trifft Döbeles Vorlass auf die Nachlässe ebenjener Künstler und Szenekenner, mit denen sie einst zu tun hatte. Beinahe drei Jahrzehnte blieb Hedwig Döbele Dresden treu, bevor sie sich 2019 mit ihrem Mann in Mannheim niederließ. Hier ist sie, inzwischen 81 Jahre alt, weiterhin als Galeristin für Klassische Moderne und Nachkriegskunst tätig.

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