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Galeristin Andrée Sfeir-Semler : Die Kunst hat hier eine andere Notwendigkeit

  • -Aktualisiert am

Andrée Sfeir-Semler ist im Libanon geboren. Sie gehört zu den wichtigsten Expertinnen für zeitgenössische Kunst in der arabischen Welt. Seit 2005 zeigt die Galeristin ihre Künstler auch in Beirut. Welche Rolle spielt die Kunst dort?

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          Die Galerie von Andrée Sfeir-Semler liegt zwar nicht weit von der Armenia Road entfernt, in der vor allem nachts das Herz von Beirut schlägt. Aber doch weit genug, um jeden, der zum ersten Mal eine Vernissage besucht, zweifeln zu lassen, ob er dort richtig ist. Schon bald leuchtet keine Laterne mehr am Wegrand, und im Scheinwerferlicht tauchen die Schlaglöcher genauso spät auf wie die vergammelten Baracken rechts und links, von denen man vergeblich hofft, dass niemand in ihnen leben muss.

          Lena Bopp
          Redakteurin im Feuilleton.

          An der hinteren Ecke eines großen, verlassen wirkenden Fabrikgebäudes aber brennt Licht, parken Autos und stehen Wachleute, die alle Gäste in einen Lastenaufzug lotsen, dessen vergittertes Tor sich widerstrebend hinter ihnen schließt. Im ersten Stock schwebt ein Lager vorbei, bald das Atelier des Architekten Bernard Khoury, und schließlich öffnet sich das Tor vor der Galerie Sfeir-Semler, deren sorgfältig weißgetünchte Räume umso heller strahlen, als sie einen scharfen, sehr kalkulierten Kontrast zu ihrer Umgebung bilden.

          Andrée Sfeir-Semler wusste genau, was sie hier tat: Sie hat den Standortnachteil in eine Attraktion verwandelt und der an Attraktionen nicht gerade armen Kunstszene einen Ort verschafft, der international gleich von sich reden machte – als erster White Cube der arabischen Welt.

          Die Galerie in Beirut ist für Sfeir-Semler eine Vitrine

          Ein paar Tage später sitzt Andrée Sfeir-Semler in ihrem Büro und beklagt sich über die drei jungen Frauen, die ihre Angestellten sind. Sie übertreibt dabei ziemlich, die Klimaanlage sei eiskalt, und die Frauen lachen höflich, aber sie wissen, dass ihre Chefin es ernst meint, selbst wenn sie hinreißend ist. „Es ist extrem viel mühevoller, die Kunst hier in Beirut in die Galerie und an die Wand zu bekommen“, sagt sie, „aber dafür wird man mehr wahrgenommen, es kommen mehr Leute, auch ausländische Besucher.“

          Sfeir-Semler ist im Libanon geboren und aufgewachsen und verließ das Land mit einem Stipendium, als 1975 der Bürgerkrieg ausbrach. Ihre erste Galerie gründete sie in den achtziger Jahren in Kiel, verlegte sie später nach Hamburg und kam 2005 nach Beirut zurück, wo ihre Dependance mit einer Schau eröffnete, in der bereits etliche Künstler zu sehen waren, die seither regelmäßig wiederkehren: Walid Raad mit seiner „Atlas Group“ und Akram Zaatari sind die bekanntesten von ihnen. Mit Rabih Mroué und Etel Adnan vertritt Sfeir-Semler außerdem zwei weitere Stars der libanesischen Kunstwelt.

          Die Galerie in Beirut ist für sie eine Vitrine. Sie verdiene hier nicht das große Geld, beteuert sie. Aber sie gewinnt eben dieses Maß an Glaubwürdigkeit, das es braucht, um international als das anerkannt zu werden, was sie ist – eine der wichtigsten Expertinnen für zeitgenössische Kunst aus der arabischen Welt. Und es gibt in der Region tatsächlich keine andere Stadt, in der sich diese Glaubwürdigkeit auf ähnliche Weise herstellen ließe. Nicht in Dubai, dem die street credibility fehlt; nicht in Amman, das zu weit weg vom Schuss ist. Und auch nicht in Kairo, schon gar nicht unter dem neuen Regime, das gegen alles Freigeistige mit noch härterer Hand vorgeht, als es unter dem gestürzten Präsidenten Mubarak oder den Muslimbrüdern der Fall war.

          Treibstoff für die Kunstszene in Beirut

          Als Sfeir-Semler 2005 in Beirut begann, war zwar von jener vibrant art scene, von der mittlerweile viel die Rede ist, noch nichts zu sehen. Das Beirut Art Center eröffnete erst ein paar Jahre später. Christine Thomé, die der Stadt das Ashkal Alwan, einen extrem wichtigen Open Space für Künstler beschert hat, arbeitete noch von zu Hause aus. Und kommerzielle Galerien nach westlicher Art gab es nicht. Aber das Interesse an der arabischen Welt und ihrem Kulturkreis, das vor allem nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wuchs, hat sich als hervorragender Treibstoff für die Kunstszene in Beirut erwiesen, die außerdem davon profitiert, dass im Libanon eine vergleichsweise liberale Atmosphäre herrscht. „Es gibt keine Zensur in dem Sinn, man kann hier alles sagen“, meint auch Andrée Sfeir-Semler und überlegt kurz. „Man stirbt vielleicht, aber man darf es sagen.“

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