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Galeriewesen : Wer? Ein Spumifer!

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Entschlüpft sind die witzigen Verehrer zarter Frauenleiber der Phantasie von Dada und Surrealismus. Derzeit besuchen Georges Hugnets schelmenhafte Ungeheuer die Ubu Gallery in New York.

          Die Ubu Gallery, die neben einigen Zeitgenossen vor allem Künstler aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts im Programm hat, ist an einer fast schon surrealistisch anmutenden Adresse zu Füßen der gigantischen Queensborough Bridge zu finden, ganz im Osten von Manhattans 59. Straße. Dort läuft derzeit eine bemerkenswerte Ausstellung von Georges Hugnet (1906 bis 1974). Sie trägt den Titel „The Love Life of the Spumifers“. Aber was zum Teufel ist ein Spumifer?

          Der Direktor der Galerie, Adam Boxer, verfolgt diese von Hugnet ins Leben gerufenen bunten Wesen, die sich an zarte Frauenkörper klammern, schon seit Jahren. Er hat verrückte Geschichten über die wenigen Kenner der Materie parat. Einer seiner Bekannten habe vor zwanzig Jahren bei einem samstagabendlichen Spaziergang durch Paris einen originalen Spumifer im Schaufenster eines Buchladens entdeckt und drei Nächte vor der Ladentür kampiert, um sicherzugehen, dass niemand ihm das Bild wegschnappen könnte, wenn er am Dienstagmorgen garantiert der erste Kunde sein würde. Er bezahlte damals tausend Franc. Heute kostet ein Spumifer 45.000 Dollar.

          Die Ausstellung vereint zum ersten Mal die komplette Serie von vierzig Spumifers aus den Jahren 1947/48, eine Handvoll von ihnen als Faksimiles - darunter der aus dem Schaufenster in Paris -, die restlichen 35 im Original. Es ist ein Erotik-Kabinett mit sepiagetönten Fotografien, die schon auf rührende Weise altmodisch gewirkt haben müssen, als Georges Hugnet sie gesammelt hat. Dann hat er ihnen mit Gouache seine komischen Monster an die Seite gestellt, die er nicht nur benannte und klassifizierte, sondern in den frühen sechziger Jahren auch noch mit Texten über ihr je eigenes Paarungsverhalten ausstattete.

          Georges Hugnet hat sie mit Passepartouts und mit erfinderischen Namen versehen: Da kitzelt ein „Minoseur Hésitant“ eine schwarzweiße Göre in Spitzenunterwäsche; da züngelt die „Grouille Domestique“ über die Wange einer kessen Mademoiselle in Strumpfbändern; da befummelt ein „Roscote Givree“ das Hinterteil eines schamhaften Mädchens. Zwar sind manche von ihnen mit spitzen Zähnen, mit Klauen, Stacheln, Hörnern und Krallen bewehrt, doch richtig gefährlich sieht keines aus - mal wie eine lebendig gewordene Federboa mit Vogelkopf, mal wie ein Stofftier, aus dem ein paar Schmetterlingsflügel und Krakenarme herausgewachsen sind, die sich lüstern auf sensible Zonen verteilen. Veröffentlicht wurde „La Vie Amoureuse des Spumifères“ erst lange nach dem Tod des Künstlers von seiner Witwe. Bei der Ubu Gallery ist das französische Buch zusammen mit einem Band englischer Übersetzungen für 350 Dollar erhältlich: Der Schuber ist mit grellem Kunstpelz besetzt.

          Georges Hugnet, 1906 in Paris geboren, verbrachte einige Jahre seiner Kindheit in Buenos Aires, bevor seine Familie wieder nach Paris zog. Seine Talente und Beschäftigungen brachten ihn zur Malerei, Collage und Illustration, zur Lyrik und Kunstkritik; er war auch Übersetzer, Filmproduzent, Buchbinder und Verleger. Zu seinen besten Freunden zählte Joan Miró; er verkehrte in den Kreisen von Marcel Duchamp, Man Ray und Pablo Picasso. Den Verlag „Les Editions de la Montagne“ gründete er, um seine eigenen Arbeiten sowie die Werke seiner Freunde zu veröffentlichen - zum Beispiel Tristan Tzara und Gertrude Stein. Es heißt, Hugnet sei ein sturer und rebellischer Typ gewesen, der sich, etwa mit Gertrude Stein, unversöhnlich streiten konnte, auch mit André Breton.

          Breton seinerseits exkommunizierte ihn 1939 aus der surrealistischen Bewegung, weil Hugnet sich nicht von dem in Ungnade gefallenen Dichter Paul Eluard distanzieren wollte. Während des Kriegs war Hugnet in der Resistance. Die Ubu Gallery präsentiert auch eine Reihe seiner dadaistischen Collagen und übermalten Decalcomanien, das sind Gestaltungen des Zufalls. Außerdem gibt es eine Vitrine voller Publikationen, teilweise in Zusammenarbeit mit Marcel Duchamp, und verschiedene Memorabilia, zum Beispiel eine mit Herzen übersäte kleine Einladungskarte zu seiner Hochzeit mit der erst siebzehnjährigen Myrtille Hubert im Jahr 1950. Ihre Trauzeugen waren Balthus und Jean Cocteau.

          Galeriedirektor Adam Boxer ist übrigens überzeugt, dass ein besonders hässlicher Spumifer, der „Purlaine Orgueilleux“, mit André Breton zu identifizieren ist. Er betatscht die Brust einer am Boden Kauernden und starrt sie aus einem einzigen gelben Glotzauge an, während sich sein blaukarierter, schlabberiger Körper zwischen ihren Beinen hindurchwindet. In seiner Beschreibung charakterisiert Hugnet dieses lüsterne Monster als einen „durchschnittlichen Spumifer“, der jedoch davon überzeugt sei, für das höchste moralische und politische Schicksal auserkoren zu sein: Er sei „unfähig, ohne die Gesellschaft seiner Kumpane zu existieren, die er unter seiner Kontrolle hält und jeden Tag in einer Kneipe zusammentrommelt, um sie herumzukommandieren, zu verunglimpfen und zu diffamieren; denn nur so ist er glücklich“.

          Und weiter heißt es über den „Purlaine Orgueilleux“: „In der erotischen Sphäre sind seine Impulse von konventioneller Natur, und seine Interessen gelten der Hygiene. Er sorgt sich um die Krankheiten, die daraus resultieren, auf die eine oder andere Weise zu lieben, von dieser oder der Seite, von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne, und sucht dabei den Rat seiner Freunde. Er nährt den Verdacht, dass man ihm hinterherspioniert, was ihn zu der Vorstellung verleitet, er sei ein gefährlicher Revolutionär, ein Gejagter sogar in seinem Liebesleben.“

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