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Galerierundgang Hamburg : Über tausend Brücken musst Du geh’n

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Hamburg hat mehr Brücken als Venedig, Amsterdam und London zusammen. Für einen sommerlichen Blick in aktuelle Galerieausstellungen reichen aber schon kürzere Wege.

          Die Ferien sind zuende, Hamburg zieht eine erste Bilanz seines Galeriensommers - Zeit zum Beispiel, den Fotowettbewerb des Online-Stadtportals auszuwerten. Die schönsten Leserfotos des Projekts „Blue Port“, bei dem der Lichtkünstler Michael Batz den Hafen allnächtlich in blaues Neonlicht tauchte, waren gesucht: Offizieller Sieger wurde ausgerechnet ein Foto der Protestaktion an der Hafenstraße, bei der mit wackligen Leuchtstoffröhren ein blaues „FuckU!“ in die Nacht geschrieben wurde. Weltmännisch machen Künstler und Veranstalter gelassene Miene zum Spiel und freuen sich des unerwartet großen Echos.

          Zeit also, den Hafen hinter sich zu lassen, und über einige der mehr als 2500 Brücken der Stadt - immerhin mehr als Venedig, Amsterdam und London zusammen - solchen Galerien zuzustreben, die diese Übergangszeit mit Ausstellungen überbrücken. In Ottensen, noch in Hafennähe, muss der geneigte Besucher erst einen überdimensionalen Kunststoffvorhang zum mit Galerie, Schreinerwerkstatt und Kinderjudo-Studio neu bevölkerten Industriegebäude an der Borselstraße öffnen, der eigentlich nur die allgegenwärtigen Tauben fernhalten soll - und die Bühne für zwei Tony-Cragg-Schüler in der Galerie Holzhauer freigibt.

          Äußerer Anlass ist die gleichzeitige Cragg-Ausstellung im Hamburger Ernst-Barlach-Haus, bei Holzhauer nehmen seine UdK-Schüler Gabriela LaPacheca, 1979 in Peru geboren, und Leon Manoloudakis, 1980 in Berlin geboren, Bezug aufeinander und auf den Galerieraum. Wie zur Erläuterung der inneren Zusammenhänge steht am Beginn einer Videoinstallation von Manoloudakis geschrieben „Tetris meets Malewitsch“: Aus verschiedenen Kamerapositionen wird beobachtet, wie anonyme Akteure schlichte Holzpaletten zu ausgeklügelten, immer neuen riesigen Raumskulpturen formen (Preis auf Anfrage). Ansonsten kommt Manoloudakis mit monumentalen und handlich kleinen schwarzweißen Graphitzeichnungen zu Wort, deren mal weich in der Fläche verriebener, mal angespitzt suchend, kreuzend und assoziierend über das Papier mäandernder Strich wie frisch gebildete Synapsen die Zweidimensionalität erschließt (900 bis 3500 Euro).

          Diesen reizvoll in sich verschlossenen Graphitwelten spürt Gabriela LaPacheca mit ihren charakteristischen Holzskulptur- und KnetInstallationen nach: Die dreiteilige Bodenplastik „Worte sind Steine auf dem Weg“ aus diesem Jahr (3500 Euro) erklimmt mit quadratischen Grundformen leise die Wand, an der Manoloudakis’ monumental schachbrettförmige Graphitzeichnung „Gedächtnis“ hängt. Ein stabiles Statement ist die ebenfalls 2012 aus rohen Dachbohlen entstandene Skulptur „Meine kleinen Irrwege“ (3900 Euro), die geschickt mit ihrer Mehransichtigkeit spielt.

          Am nördlichen Ende der Innenstadt residiert die Galerie Levy in einem üppigst mit Efeu bewachsenen Backsteinhallenbau und zeigt unter der Überschrift „Strata“ die leuchtend farbigen Unikate von Birgit Brandis. Sie, geboren 1976 in Heidelberg, spielt mit Farbe und Bildträger, auf oft unerwartete Weise: Alle Drucktechniken haben es ihr angetan, auch die Frottage, und sie kombiniert sie alle, druckt eine auf die andere, schneidet Schablonen aus, bedeckt Holzträger mit Farbschichten und schnitzt sie teilweise wieder frei. Aha, ein Druckstock! denkt der Betrachter, aber jetzt ist er nicht Mittel zum Zweck, sondern wird selbst zum Objekt, reizt mit changierender Oberflächenstruktur und Lichtreflexen auf Lack und rohem Holz.

          Birgit Brandis scheint eine Stadtwanderin zu sein, lässt sich von rostigen Schiffswänden genauso inspirieren wie von abblätternder und immer wieder übermalter Farbe auf Mauern - und von Reifenspuren im Schnee. Auf etwa 170 mal 130 Zentimeter großen Papierbögen entstehen Rasterformen oder vegetabil wandernde Flächen: veränderlich wie die Binnenstrukturen der Großstadt (Preise 650 bis 7000 Euro).

          Im feinen Harvestehude zeigt Nanna Preußners unter dem Titel „Hypericum“ die stillen Wandobjekte des Schweden Mats Bergquist. 1960 in Stockholm geboren, brachte die Arbeit des Vaters, eines Pastors, die Familie von 1965 bis 1973 nach Russland und Polen. Dort lernte der junge Bergquist die allgegenwärtigen Ikonen kennen, jene heiligen, auf gebogener Holzoberfläche gemalten Bilder, die bis heute ein deutliches Echo in seinen Objekten hinterlassen.

          Die Bilder sind verschwunden - oder vielleicht noch da, wie die während des mittelalterlichen Bildersturms zum Schutz weiß übertünchten Heiligenbilder in den Klöstern und Kirchen. Es sind die Oberflächen, die erlebt und eigentlich auch ertastet sein wollen: Bergquist arbeitet mit der anachronistisch langwierigen Technik der Enkaustik. Er trägt in einem, bis zu einem Monat dauernden handwerklichen Prozess auf eine - auf Linden-, Birnen- oder Birkenholz aufgezogene - dünne Leinwand Gips, Leim und Wachs auf, immer wieder abgeschliffen und neu aufgetragen. Das Ergebnis sind matt schimmernde Flächen, die die Ansichtsseite überziehen, in sich gelegentlich wolkige Tiefe widerspiegelnd. Die Nicht-Farben Weiß und Schwarz sind die Bedeutungsträger, gelegentlich kombiniert und kontrastiert mit Flächen samtig-pudriger Pigmente.

          Man weiß nicht, ob die Flächen gebogen oder gerade sind - ob Oberfläche oder tatsächlich ein präzise ins Holz geschnittenes Fenster, wie in einem unbetitelten 38 mal dreißig Zentimeter großen Objekt (2010; 3500 Euro). Das Hauptstück ist das sechsteilige „Beth Lechem“ (Enkaustik auf Holz, 2008; 20.000 Euro), dessen größere Formen die Maße des Eingangs zur Geburtskirche in Bethlehem aufnehmen.

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