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Galerierundgang Frankfurt : Das Wohnzimmer als Wahnzimmer

  • -Aktualisiert am

Documenta-Teilnehmer und ein Schüler von Gerhard Richter: Die Frankfurter Galerien starten in die Herbstsaison mit international bekannten Namen.

          3 Min.

          Thomas Bayrles künstlerisches Lebensthema ist das „Ornament der Masse“, jetzt im eindrucksvollen Riesenformat auf der Documenta 13 in Kassel zu sehen - und in Frankfurt seit gestern in der Galerie Bischoff Projects, wo ein lohnendes Ensemble serieller Kunst versammelt ist. Bayrle, Arnold-Bode-Preisträger 2012 und früherer Professor an der Städelschule, der zahlreiche heute renommierte Künstler, etwa Tobias Rehberger, zu seinen Schülern zählte, ist dort mit beeindruckenden Bildern von dichten Autobahnnetzen, von Hochhäusern und Bahnhofsszenerien vertreten. Es sind 1976 entstandene Lichtdrucke von Collagen aus Modulen, die Bayrle damals aus retuschierten Fotografien schuf. Jetzt hat er einzelne Module plastisch bearbeitet, sie versenkt oder erhöht, und die dreidimensionale Wirkung erzeugt nun eine illusionistische Perspektive. Das große Autobahnnetz kostet 28.000 Euro, die beiden kleineren Werke 20.000 und 10.000 Euro.

          Das Prinzip des Seriellen wird als Generalthema bei den 2010 gegründeten Bischoff Projects, die auf der Art Cologne 2012 in der Sektion NADA (New York Art Dealers Alliance) eingeladen waren, mit weiteren überzeugenden Kunstwerken sichtbar: Von Michael Riedel stammt die raumfüllende schwarze Wandtapete und eine große weißgrundierte Arbeit von 2012 - ohne Titel (Biennale 2) - auf der unzählige Wiederholungen eines Textes über ihn sowie ein Muster von großen schwarzen Punkten zu sehen sind. Das Tableau ist mit 75.000 Dollar beziffert. Riedels vielbeachtete Einzelausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die noch bis zum 15. September zu sehen ist, und seine Teilnahme an „Made in Germany 2“ in Hannover haben offensichtlich zu einem erklecklichen Preissprung geführt. Ein wunderbares Werk des tragischerweise so früh verstorbenen Künstlers Peter Roehr zeigt die serielle Reihung eines alten Fotos von zwei kleinen Buben mit Soldatenmützen in serieller Reihung (signiert, datiert 1965, 40.000 Euro).

          Ebenso zarte wie hintergründige Aquarelle der Frankfurter Künstlerin Gabriele Muschel zeigt Martina Detterer, zum ersten Mal in einer Einzelausstellung. Eine junge Schönheit mit üppigen Haaren und großen Augen steht gelassen da, obwohl hinter ihr zwei Ratten auf einer Stange sitzen. „Nagetiere“ ist der treffende Titel des 2011 entstandenen 29,5 mal 42 Zentimeter messenden Bildes, das 3100 Euro kostet. „Engelspiele“ nennt die Künstlerin ein an sich reizendes Bild von zwei kleinen Mädchen mit Engelsflügeln und in langen rosa und hellblauen Kleidern, wäre da nicht ein großes Insekt im Vordergrund. Das dreißig mal vierzig Zentimeter große Aquarell aus dem Jahr 2012 kostet 3100 Euro. Bei Gabriele Muschel scheint die auf den ersten Blick zunächst betörende Lieblichkeit ihrer Kunst immer auch als Camouflage zu dienen, denn bei näherem Hinsehen verbindet sich der poetische Zauber ihrer Motive mit bedrängenden Wesen aus dem Tierreich. „Podium“ ist eine Ausnahme: Die glänzende Studie von drei Herren oder auch androgynen Damen, je nach Perspektive, werden mit wenigen Strichen als Wichtigtuer geoutet. Auch diese Arbeit, 29,5 mal 42 Zentimeter groß, kostet 3100 Euro.

          Thomas Draschan verehrt Joseph Cornell. Aus diesem Grund können die digital bearbeiteten Fotografien des Künstlers, die unter dem Titel „Utopia Parkway“ in der L.A. Galerie von Lothar Albrecht zu sehen sind, auch als Hommage an den großen amerikanischen Künstler und dessen phantasiereiche Kästen wahrgenommen werden. Wie alle besseren Hommagen sind aber auch Draschans Werke keine bloßen Repliken. In gewissem Sinne mit Cornells Wunderkästen vergleichbar ist die Vielzahl erstaunlicher und keineswegs sinnvoll zuzuordnender Dinge, die Draschan in Publikationen unterschiedlichster Art und Güte gefunden und für seine magischen Bildwelten verwendet hat.

          Da sitzt in einer farbigen Fotografie ein braves Ehepaar in seinem sehr ehrbaren bis spießigen Wohnzimmer, das Draschan in ein Wahnzimmer verwandelt hat, indem er zur offensichtlichen Überraschung vor allem des Hundes, eine splitterfasernackte weibliche Schönheit in lasziver Pose auftreten lässt. „Phantom Melody“ von 2011 ist ein Print auf Büttenpapier, 63 mal 91 Zentimeter groß. Er kostet 4522 Euro bei einer Auflage von drei. Schön ist auch die schmucke Hausfrau in der Kittelschürze mit einem Auge, das von einer schwarzen Hand bedeckt wird, die sich aus dem Gemälde hinter ihr selbständig gemacht hat. Eine von zahlreichen kleinen witzigen Collagen, die zwischen 1200 und 1800 Euro kosten.

          In der Galerie Tolksdorf, die neben Frankfurt auch in Berlin ein Standbein hat, überzeugt die Einzelausstellung von Matthias Meyer, ein Schüler von Gerhard Richter und Dieter Krieg. Unschärfe und Verwischung - auch dies sind die Themen der Gemälde des Künstlers, der sich jedoch wesentlich grundsätzlicher von gegenständlichen Bezügen entfernt hat und nur noch in Schemen seine Stadt- und Landschaftsbezüge durchscheinen lässt.

          Eine der reizvollsten Ausstellungen dieses Frankfurter Saisonbeginns ist in der Galerie von Parisa Kind zu sehen: Olaf Metzel, bekannt durch seine spektakulären Kunstwerke im öffentlichen Raum, hat sich einem neuen Genre zugewandt: Wandskulpturen aus kunstvoll gefalteten Aluminiumplatten, die er zuvor auf beiden Seiten mit Zeitungsseiten bedruckt hat. Je nach - noch durchaus lesbarer - Schlagzeile sind auch die Titel gewählt. Endlich eine Metzel-Skulptur in Wohnzimmerformat also. Parisa Kind und Jackie Strenz, die beide zu den international ausgerichteten und einen Besuch immer lohnenden Frankfurter Galeristen gehören, sind jüngst aus der Interessengemeinschaft Frankfurter Galerien ausgetreten. Der Inhaber der ebenfalls hervorragenden Galerie „Neue alte Brücke“ will dort erst gar nicht Mitglied werden. Diese drei Galerien gehören zu den wenigen, die sich auch ganz junger Städelschulabsolventen annehmen. Bei den meisten Galerien der Interessengemeinschaft bekommt man dagegen oft den Eindruck, die interessierten sich für die junge Kunst nicht. Sie zieht dann nach Berlin und New York oder auch zur Documenta 13 weiter und sorgt dort für den guten Ruf der Frankfurter Städelschule.

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