https://www.faz.net/-gyz-7978i

Zukunft der Galerien : Die Großen werden immer größer und die Kleinen schließen

  • -Aktualisiert am

Es ist eine Debatte über die Zukunft der Kunstgalerien entbrannt - in New York, Berlin und ganz besonders in Paris. Was ist da los in der französischen Hauptstadt? Gehört die Zukunft den Megagalerien?

          Das Wort fermeture, möchte niemand gern hören. Statt von Schließung zu sprechen, entschied sich Aline Vidal im September 2012, fortan ohne feste Ausstellungsräume als „nomadische Galerie“ zu arbeiten. Jérôme und Emmanuelle de Noirmont gaben Ende März ihren Galeriebetrieb auf und werden sich in Zukunft auf andere Weise für die Kunst einsetzen. Ein gegensätzliches Signal kommt allerdings von der Berliner Galerie Max Hetzler, die gerade bekanntgab, im nächsten Jahr einen zweiten Standort zu eröffnen - ausgerechnet in Paris. Von New York hat der Kritiker Jerry Saltz seine Sorge um die Galerie als sozialer Ort in die Welt geschickt. Immer mehr würde nur noch virtuell über Kunst kommuniziert.

          Noirmont wollte keine XXL-Galerie werden

          Ist die Suche nach neuen Geschäftsmodellen ein Zeichen für generelle Verunsicherung auf dem französischen Kunstmarkt? Natürlich wirft es Fragen auf, wenn die renommierte Galerie de Noirmont, die Künstler der Marktspitze wie Jeff Koons, Keith Haring oder A. R. Penck vertritt, die Tore schließt. In einem offenen Brief nennen Jérôme und Emmanuelle de Noirmont jedenfalls zwei Gründe: Zum einen habe sich ihr Metier seit der Gründung der Galerie 1994 sehr verändert, und zum anderen würde ein ungesundes politisches Klima und die Steuerlast in Frankreich unternehmerischen Enthusiasmus unterbinden.

          „Die Positionierung einer Galerie“, so sagt Jérôme de Noirmont im Gespräch, „ist sehr wichtig. Es gibt Galerien mit jungen Künstlern und überschaubaren Kosten, dann die spezialisierten Nischengalerien. Und schließlich gibt es die Blockbuster, die Megagalerien.“ Die Galerie de Noirmont hatte jenes kritische Niveau erreicht. In eine XXL-Galerie zu investieren, mit noch mehr Künstlern, erhöhtem Lagerbestand bis hin zum verdoppelten Personal, stand eine Zeitlang ernsthaft zur Debatte. Letztlich war es dann eine Mischung aus persönlichen Erwägungen und einer negativen Einschätzung des politischen Klimas, die zur Entscheidung für die Schließung geführt hat.

          Ropac erreicht die nächste Dimension

          Thaddaeus Ropac, der bereits Galerien in Salzburg und im Pariser Viertel Marais betreibt, hat unterdessen das Modell der Megagalerie mit seinen neuen, fast fünftausend Quadratmeter großen Räumen in Paris-Pantin verwirklicht. „Wir gehen in eine andere Dimension“, sagt Ropac. Dazu benötigte er zwei Jahre für die Renovierung der denkmalgeschützten Industriehallen und machte Investitionen, die Optimismus voraussetzen. Selbst wenn der österreichische Galerist einhellig mit Jérôme de Noirmont feststellt, dass es schwieriger sei, in Paris zu arbeiten als anderswo, ist er doch überzeugt vom Potential der Stadt. In New York habe man ihn gefragt why Paris, warum nicht London oder Hongkong? „Da habe ich gemerkt“, erklärt Ropac, „dass Paris nicht den Stellenwert hat, den es verdient.“

          Die französische Regierung verunsichert den Kunstmarkt

          Über die französischen Handicaps sind sich alle einig: Auch Karsten Greve, Suzanne Tarasiève, Aline Vidal oder Bernard Zürcher finden es höchst problematisch, dass immer wieder eine Vermögensteuer auf Kunstwerke im Raum steht. Gerade jüngst wurde wieder, pünktlich zum Salon du Dessin, vom immer selben konservativen Abgeordneten ein Gesetzesantrag eingereicht.

          Außerdem spüren es inzwischen besonders die großen Galerien, dass unter der aktuellen Regierung zahlreiche Unternehmerfamilien ins Ausland abwandern, um dem Steuerdruck zu entgehen. „Die sehen wir dann in Brüssel wieder“, bemerkt Suzanne Tarasiève trocken. Auch die Budgetkürzungen im Rahmen der allgemeinen Sparpolitik haben deutlich negative Auswirkungen: So wurde die Monumenta 2013, für die das von Ropac vertretene Künstlerpaar Kabakov eingeladen war, trotz fortgeschrittener Planung per E-Mail von der Kulturministerin Filippetti auf 2014 vertagt.

          Sammler aus Leidenschaft sind treu

          Trotz der Verunsicherungen durch die Regierungspolitik ist der französische Kunstmarkt dynamisch. Einerseits wird das Mäzenatentum besonders gefördert, und die steuerlichen Absetzungsmöglichkeiten sind besser als in anderen Ländern, etwa in Deutschland oder Österreich. Das sei wirklich ein Anreiz, kommentiert Ropac. Andererseits, und das bestätigt de Noirmont, hat Frankreich das Glück, Sammler zu haben, die aus Leidenschaft Kunst kaufen: „Nichts ist gefährlicher als eine Kundschaft, die nach Marktgesichtspunkten handelt und bei den leisesten Zeichen flieht. Die französischen Käufer sind solide und treu, sie sind viel weniger versatil als in den Vereinigten Staaten.“

          Karsten Greve (Köln/Paris/St.Moritz) stellt fest, dass sich der Markt erweitert, weil neue Generationen aus immer mehr Ländern Kunst sammeln. In Paris präsent zu sein, ist für ihn äußerst positiv, schon allein, weil täglich 200.000 internationale Besucher in die Stadt reisen, die sich für Kultur interessieren. „In Paris kommen an jedem Samstag 300 Leute in unsere Galerie, in Köln sind wir glücklich, wenn dreißig Besucher kommen.“

          „Wenn man sich als Galerist vergrößern möchte, geht das eigentlich nur über ein Standbein in einem weiteren Land“, bestätigt Bernard Zürcher, der vor fünf Jahren neben Paris eine zweite Galerie in New York eröffnete. Diese Entscheidung garantiert ihm heute Unabhängigkeit. So kann er seine französischen Künstler dort exklusiv präsentieren und umgekehrt seine amerikanischen Künstler ohne Zwischenhändler in Frankreich einführen.

          „Man muss zu verlieren wissen, um wieder gewinnen zu können“

          Wie im Gespräch mit Bernard Zürcher fällt auch bei Suzanne Tarasiève mehrmals das Wort désir, Leidenschaft. Sie vertritt in ihren beiden Pariser Galerien auch deutsche Künstler wie Markus Lüpertz, Helmut Middendorf, Tobias Lehner oder Anne Wenzel, die von den Franzosen geschätzt werden; ihre Marktquote sei deswegen vergleichsweise hoch. Ihre erste Galerie machte Tarasiève 1978 in Barbizon auf. Krisen hat sie seither schon mehrmals durchlebt: „In diesem Metier muss man zu verlieren wissen, um wieder gewinnen zu können.“ Im Moment bemerke sie eine Unsicherheit, was die Zukunft anbelangt, weshalb weniger spontan gekauft werde.

          Aline Vidal hat entschieden, dass es für ihre Galerie nicht mehr unbedingt notwendig ist, einen festen Standort zu haben. Das Modell der traditionellen Galerie hält sie für überholt, weil heute auf Messen oft mehr als in den Galerien verkauft werde. Außerdem mache das Internet und die sozialen Netzwerke Information überall zugänglich und sorgten für schnelle Verbreitung. Aber auch persönlich hat sie das Bedürfnis nach Veränderung: „Ich möchte ein neugieriges Publikum und meine Künstler in eine bewegliche Geographie mitnehmen.“ Aline Vidal behält ein Büro in Paris und möchte im Jahr drei bis vier Ausstellungen an verschiedenen Orten organisieren, vielleicht auch einmal grenzüberschreitend nach Belgien oder Deutschland.

          Ist Paris wieder im Aufwind?

          Für die Berliner Galeristen Max Hetzler und seine Frau Samia Souma - eine Französin, die bis in die neunziger Jahre eine Galerie in Paris führte - ist es durchaus interessant, ihre Künstler direkt in der französischen Hauptstadt zu vertreten. Seit Jennifer Flay die Leitung der großen Herbstmesse FIAC übernommen hat, sehen sie Paris als aufsteigenden Platz; das derzeitig negative Klima halten sie für eine vorübergehende Erscheinung. Und wer wird Jeff Koons demnächst in Frankreich vertreten? Nur eines lässt sich sagen: In Berlin ist es Max Hetzler und in Paris war es Jérôme de Noirmont.

          Der offene Brief von de Noirmont ist vor allem als Aufschrei an die derzeitige Regierung zu verstehen. Doch die Galerieszene hat sich verändert. Zunehmend wird Kunst per E-Mail gehandelt. Die Spekulationen nehmen zu. Jérôme und Emmanuelle de Noirmont möchten jetzt auf andere Weise die Gegenwartskunst unterstützen. Es soll um Projekte an der Nahtstelle zwischen Galerien, Institutionen und Museen gehen: um die Kunst als menschliches Abenteuer und nicht nur als Marktwert.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.