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Zeitgenössische Kunst : Pepperminta bittet zum Tanz

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In Zürcher Galerien zur Saisoneröffnung: Pipilotti Rist bei Hauser & Wirth, Lutz & Guggisberg bei Bob van Orsouw, Kenton Nelson bei Haas und ein Minimal-Jubiläum bei Verna. Ein Rundgang.

          In dieser Woche haben die meisten Galeristen in Zürich ihre Sommerpause beendet und sind fulminant in den Kunstherbst gestartet. Nicht weniger als fünfzig Ausstellungen haben eröffnet - viele gute Gründe für einen ausgedehnten Besuch. Ungeduldig wartete das Publikum auf die seit Jahren erste Einzelausstellung von Pipilotti Rist in der Schweiz. Hauser & Wirth im Löwenbräu-Areal zwischen Limmat und Hardbrücke gaben der Künstlerin eine Carte blanche und dürfen sich über einen komplett umgestalteten Galerieraum freuen.

          Rist hat sich häuslich eingerichtet: In der Mitte des Raums steht ihre neueste Erfindung, eine „Wohnzimmerdisco“ mit Sofa, Stehlampe und bewährten Lichteffekten, abgeschirmt durch einen Vorhang aus bunten Druckstoffen. Umgeben wird dieses unterhaltende Herzstück von großformatigen Reminiszenzen an Rists eigene Arbeit, zum Beispiel von der Tapete „I Never Taught In Buffalo“ aus den Jahren 2000 bis 2003, einem überdimensionierten Fotocollage-Tagebuch. Noch dominanter sind die als Leuchtkästen oder gigantische Tapeten ausgeführten Filmstills aus Pipilotti Rists neuestem Werk „Pepperminta“.

          Pepperminta auf allen Kanälen

          Dieser achtzigminütige, grelle Kinofilm ist in der kommenden Woche Wettbewerbsbeitrag bei den Filmfestspielen in Venedig; er nimmt den Zuschauer mit auf eine schräg-phantastische Reise, die sich aus LSD-getränkten Traumsequenzen zusammensetzt. Ein Motto des schnell geschnittenen und sehr bunten Films lautet: „Mach immer, was du dich nicht traust, und schau, was passiert.“

          Die Künstlerin fühlt sich wohl in der modernen Welt und plaziert ihre Alter-Ego-Filmheldin Pepperminta nicht nur auf der Leinwand, sondern gleich auf allen heute verfügbaren Kanälen von Facebook über Twitter bis Youtube. Der Film, der im Frühjahr 2010 auch in Deutschland anläuft, und noch mehr die Ausstellung werden zu einer alle Sinne einbeziehenden Rist-Welt. Und er gibt Antworten auf ihre Frage „Was wollen Sie wirklich? Wirklich, wirklich!“. Wer am Ende immer noch weiß, was er will, kann die in Zürich ausgestellten Arbeiten für Preise zwischen 5000 und 250.000 Franken erwerben.

          Willkommen im Schlecksteinzimmer

          Eine Etage höher im selben Gebäude, bei Bob van Orsouw, präsentieren Andres Lutz und Anders Guggisberg ihre Skulpturen und Gemälde klassischer, dennoch fehlt auch hier nicht die Ironie. Das vom Zürcher Künstlerduo eingerichtete „Schlecksteinzimmer“ zeigt vierzig Arbeiten, von denen einige vorgeben, in edlen Stein gehauen zu sein, in Wirklichkeit jedoch aus Gips und Lack bestehen, etwa die „Mondflosse“ von 2008 in weichen Formen (13.000 Franken).

          Im Kontrast dazu stehen fragile Konstruktionen wie die „Mondrakete“ (18.500), die wie phantastische Technikmodelle oder Architekturminiaturen anmuten. Dem reichen Fundus an Materialien in den Skulpturen stehen vielfältige Assoziationen und Parodien in den Malereien auf kleinem Format gegenüber (um 8000 Franken): Hybride Gestalten und Fabelwesen bevölkern Bildwelten, in denen die Alltagswelt auf dem Kopf steht; so etwa wenn sich Musikinstrumente in koboldartige Wesen transformieren oder die „Sammlerin“ von 2009 ihre Schätze hortet.

          Perfektion mit doppeltem Boden

          Die Galerie Haas präsentiert die erste Ausstellung des Amerikaners Kenton Nelson in der Schweiz. In seinen „Neuen Bildern aus L.A.“ zeigt er klischeehaft das Flair der dreißiger und fünfziger Jahre. In plakativen Figurenbildern führt er uns eine überperfektionierte Welt vor Augen, sein Duktus negiert jeden Makel und jede Ungenauigkeit.

          Die auf den ersten Blick anekdotischen, beinahe dekorativ gestalteten Motive leben von einer geheimnisvollen Symbolik, die Perfektion der Form und Oberfläche kann nur der Hinweis auf einen doppelten Boden sein. Steht uns der noble Butler auf „The Bow“ (47.600 Dollar) wirklich wohlwollend zu Diensten? Und was geschieht der schönen Dame im weißen Bikini - „Water and Summer“ (30.500 Dollar) - nach ihrer Dusche am Meer? Nur wenige Schritte neben Haas zeigt Kashya Hildebrand neue Arbeiten der in Paris lebenden Südkoreanerin Jung-Yeon Min.

          Favoriten aus vier Jahrzehnten

          Obwohl vor allem das Löwenbräu-Areal und die Galerien in Zürich-Aussersihl ihre Vernissagen koordiniert haben, gibt es auch rechts der Limmat Entdeckungen zu machen. Wer die aktuellen Großbaustellen nicht scheut, findet - vorbei an Bruno Bischofsberger - den Weg in die Galerie von Annemarie und Gianfranco Verna. Sie gehören zum Urgestein der Zürcher Galeristenszene. Vor vierzig Jahren begannen sie, sich als Händler mit Kunst und Künstlern zu beschäftigen. Die aktuelle Jubiläumsausstellung ist angelegt als Hommage auf das eigene Programm; das Duo hat seine Favoriten aus vier Jahrzehnten versammelt.

          Zu ihren frühen und folgenreichen Begegnungen zählte jene mit Donald Judd, mit dem sie in den siebziger Jahren in der Schweiz zusammenarbeiteten. An diese Anfänge einer Freundschaft erinnern eine raumplastische Arbeit aus Holz von 1989 und ein 1972/73 in der Schweiz produzierter schlichter Metallkörper (550.000 und 180.000 Franken).

          Daneben überzeugen große Farbstiftzeichnungen von David Rabinowitch (11.000 und 38.000 Franken) sowie wunderbar reduzierte Objekte von Fred Sandback (230.000 Franken), dem einzigen Schweizer im Programm, Andreas Christen (45.000 Franken). Ein Höhepunkt der Auswahl ist eine Wandzeichnung des Konzeptkünstlers Sol LeWitt, die bereits als verkauft markiert werden konnte. In Zürich wird die Wand bald geschliffen und das Werk in einem amerikanischen Museum ein letztes Mal nach Vorgaben des vor zwei Jahren verstorbenen Künstlers ausgeführt.

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