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Zeichnungen : Immer weiter zieht der Kringel seine Kreise

Versuchsreihen der Selbstbestimmung: Dieter Roths Zeichnungsserien in Basel stellen organische Zustände zur Schau. Die Gattungen trennt er klar und deutlich in „Lollies“, „Ungeheuer“ und „Selbste“, eine quirlige Mannschaft.

          Mehr als fünfhundert Zeichnungen von Dieter Roth sind derzeit in der Zürcher Galerie Presenhuber aufgehängt, gegliedert in siebenunddreißig Serien. Offenkundig haben alle Blätter, die hauptsächlich in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren entstanden sind, mehr oder weniger dasselbe Thema, das die Titel vieler Serien auch angeben: Da sind "7 verzweifelt maniriert-symmetrische Selbstzeichnungen", "5 verzweifelt-süsse Selbstzeichnungen" und neben weiteren Varianten dieser Unterabteilung etwa "10 Chicago-Selbste" und "17 fast fertige Selbstpopos mit 17 Durchgedrückten". Gibt es eine Grundform, in der man den elementaren Ausdruck des Dauerthemas zu sehen hätte? Es wäre der Kringel: die Linie, die in sich zurücklaufen, sich gegen den Bildraum abschließen möchte, aber ihr Ziel um Haaresbreite oder himmelweit verfehlt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Gewachsene Serien

          Das Selbst des Künstlers, das wie automatisch sich zeichnet, indem es bloß zeichnet, indem es Bleistift und Papier in Berührung bringt, kreist in sich und kreist um sich. Man käme nicht auf den Gedanken, dass der Zeichner, wenn er zitternd so gerade oder aber auch breitlinig mit Bravour die Kurve kriegt, sich der geometrischen Form annähert, die der Tradition als Inbild der Vollkommenheit gilt. So fiele ja auch keinem Selbst von selbst ein, dass ihm der Gattungsehrentitel der Krone der Schöpfung in die Wiege gelegt ist. Das muss ihm schon jemand flüstern.

          Hat eine höhere oder höherprozentige Macht dem Künstler die Hand geführt? Die einzelnen Serien sind nicht willkürlich zusammengestellt, sondern wohl wirklich als Serien ins Leben getreten. Jedes Konvolut hat einen augenfälligen Zusammenhalt, ohne dass die Reihenfolge der Blätter eine Geschichte erzählen wollte. Der Künstler hat nichts dazugelernt, wenn er das erste Blatt ablegt und sich das zweite vornimmt. Am Ende bricht die Serie ab. Die Blätter ergeben eine Versuchsreihe, als käme ein Programm zur Anwendung.

          Im Bann des Kringels

          Das Prinzip des Kringels lenkt das Augenmerk auf den Zeichenprozess. Wo die Linie weitergezogen wird, wo der Stift neu ansetzt, das hätte man vor dem leeren Blatt nicht vorhersagen können. Obwohl die Selbstzeichnungen eher als Handlungen zu apostrophieren sind denn als Dinge, fällt es schwer, sie als Akte der Selbstbestimmung aufzufassen. Dieses Selbst hat sich weder in der Gewalt, noch hat es sich befreit. Seine Zeichensprache lässt sich nicht anhand einer Grammatik des Selbstverhältnisses aufschlüsseln; es fehlt an der Möglichkeit, zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden. Ausdruck heißt hier Andeutung organischer Formen.

          Stuttgarter inspirierte zu Monstern

          Der Strich dehnt oder wölbt sich, geht ins Plastische und Drastische über, zieht dann aber weiter seine Kreise. Unweigerlich assoziieren wir Figuren. Wo der Kringel sich entrollt, meinen wir eine Silhouette zu erkennen, wo er sich zusammenzieht, denken wir an Körperöffnungen. Die Gestaltwerdung bleibt Stückwerk, aber es handelt sich um das Gegenteil von Torsi: Die zappelnden Glieder sind verwachsen mit einer monströsen Umwelt. Mit Argusaugen gesprenkelt sind etliche der "30 Ungeheuer aus der Danneckerstraße". Wer sind diese Januskopffüßler, die dem Selbst vor der Nase herumtanzen? In der Stuttgarter Danneckerstraße wohnte Dieter Roth, und dort lauerte wohl die Höllenmenagerie des Hieronymus Bosch hinter der Kühlschranktür des Robert Bosch.

          Nach romantischer Schulweisheit ist der grässliche Fremde nicht der ganz Andere, sondern der Doppelgänger des Künstlers. Der Dämon wacht darüber, dass der Künstler nichts anderes zu sehen bekommt. Andersherum gesagt: Alles, was er sieht, ist ein Stück vom Selbst. Aufgeblasen und überdreht wirken die ungeheuren Stuttgart-Besucher, aber stellenweise sind sie wunderbar zart gefasst: mit schwellenden Unterarmen wie auf Picassos Porträts der Marie-Thérèse Walter. Der gekrümmte, scheinbar knochenlose Arm begegnet auch auf Selbstzeichnungen, die so heißen: ein Rettungsring aus Fleisch, ein rührender Selbstschutzmechanismus, als könnte der Künstler die Zeichenhände außer Gebrauch nehmen.

          Multiple Ansichten

          Allerdings taugt der Leibeskringel auch zur Waffe, so bei den "2 × 97 einander anschuldigenden Engelwürgern und Weineschweinen". Diese Blätter sind aus vier Positionen zu betrachten: Man soll sie auf den Kopf stellen, und auf der Rückseite ergibt der durchdringende Fleck noch einmal zwei Bilder. Engelmörder und sentimentale Sau: Zwei Seelen hausen in den Fingerspitzen des Künstlers, und wer die Oberhand behält, ist eine Frage der Perspektive. Als "Kopiebücher" hatte Dieter Roth seine Zeichnungsserien in kleinen Auflagen verbreitet. Erst wenn man die Originale der Seelenkampfszenen umkreist, ist der Effekt des Umblätterns perfekt, der schmutzige Schimmer der Durchscheinheiligkeit.

          In quasiautomatischer Kreisbewegung modelliert der Zeichner gleichzeitig Selbstbild und Gegenbild: Dieses so enthemmte wie mechanische, verzehrende wie asketische Verfahren setzt die grandiose Serie der "Lollies" ins prächtige Wasserfarbenbild. Die Lutscher werden jeweils "mit ihrer Herstellungsmaschine" gezeigt: Aus dem Schaum wirbelnder Kringel werden Figurinen von Göttinnen geboren, Schwestern der Venus von Willendorf. Der Stiel, an dem die süßen Fleischgebirge kleben, deren Einverleibung einerseits der Sinn der Lollyform ist und sie andererseits zum Verschwinden bringen müsste, illustriert einen Satz aus dem "Mundunculum", dem "Logico-Poeticum", das Dieter Roth 1967 publiziert hat: "Die Symmetrieachse des Bewußtseins führt durch den Mund des Menschen". Die Serien kosten zwischen 60.000 und 380.000 Dollar.

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