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Werkschau in London : Mahnwache für Ai Weiwei

  • -Aktualisiert am

Befreit Ai Weiwei! Für die Londoner Lisson Gallery hat er die Werke noch selbst ausgewählt. Die Ausstellung ist eine Mahnwache für den verschwundenen chinesischen Künstler.

          Die Londoner Lisson Gallery befindet sich in einem Dilemma. Im vergangenen Jahr konnte die auf konzeptionelle Kunst spezialisierte Galerie, die seit den späten sechziger Jahren Künstler wie Sol LeWitt, Dan Flavin, Daniel Buren, Anish Kapoor und Richard Deacon fördert, stolz verkünden, dass sie nun auch Ai Weiwei vertreten und seine erste britische Werkschau veranstalten werde. Aus dieser Verkaufsausstellung mit Skulpturen und Videos aus den letzten sechs Jahren ist jetzt eine Art Mahnwache für den Anfang April inhaftierten chinesischen Künstler geworden, über dessen Verbleib die Regierung in Peking nichts preisgibt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Ein riesiges, über die oberen Stockwerke der Galerie gespanntes Banner macht auf sein Schicksal aufmerksam, ähnlich wie der wenige Tage nach der Verhaftung an der Fassade von Tate Modern angebrachte Aufruf "Befreit Ai Weiwei" und die Solidaritätsbekundung Anish Kapoors, der seine gerade im Pariser Grand Palais eingeweihte Riesenskulptur "Leviathan" Ai Weiwei widmete und zudem die weltweite Schließung aller Museen für einen Tag des Protests anregte.

          Links unten auf dem Banner steht in fetten roten Buchstaben der Hinweis auf die von Freunden organisierte Informationsseite "freeaiweiwei.org", oben rechts, etwas diskreter, der Firmenname. Zudem hat die Galerie Plakate über die ganze Stadt verteilt mit der in weißen Buchstaben auf schwarzem Hintergrund gedruckten Sentenz Ai Weiweis, dass Wörter getilgt, die Fakten jedoch nicht ausgelöscht werden könnten. Auch diese Plakate erfüllen freilich die Doppelfunktion von Aktivismus und Werbung.

          Leitmotiv der Galerieausstellung, die gleichzeitig mit der Installation eines weiteren Gusses seines Sternzeichen-Tierkreises im Innenhof von Somerset House stattfindet, ist Ai Weiweis bekannte Kritik an der Vernichtung von Geschichte und Tradition im Zuge von Chinas strammem Marsch in die Moderne. Stundenlange, wie Standbilder wirkende Videoaufnahmen von fesselnder Monotonie registrieren Fabriken, Dickichte von Masten und Kränen, planierte Baustellen, den innerstädtischen Verkehr und Menschen, die nirgendwo hineilen.

          Industriefarbe für Jungsteinzeiltiches

          Wie bei dem Feld von Sonnenblumenkernen aus Porzellan, das bis vor kurzem in der Turbinenhalle von Tate Modern zu sehen war, verweist zudem die exquisite Verarbeitung der Holzskulpturen wie auch der mit Eisenholz aus alten Tempeln gebaute, mit einem surrealen Knick versehene Sarg auf die altchinesische Handwerkstradition: Ihre Verdrängung durch die Massenfertigung prangert Ai Weiwei als weiteres Indiz für die gewollte Geschichtsvergessenheit an.

          Zu den dreizehn, von Ai Weiwei im Januar noch selbst ausgewählten Exponaten zählen Töpfe aus der Jungsteinzeit, die er in Anspielung auf das mutwillige Übertünchen der alten Kultur in poppige Industriefarben getaucht hat. In einer Ecke der Lisson Gallery sind einunddreißig dieser Töpfe in dichter Nähe auf den Fußboden gestellt. Sie haben alle unterschiedliche Formen, im Gegensatz zur Installation auf der gegenüberliegenden Seite des Raums, wo sieben gleichförmige Gefäße in Reih und Glied stehen.

          Abwesenheit mit Folgen

          Daneben liegt eine symbolträchtige marmorne Überwachungskamera. Sie lässt das erste Tableau mit den Töpfen wie eine Gruppe ängstlich kauernder Gefangener wirken, die ihre Individualität noch nicht preisgegeben haben. Die zweite Gruppe könnte, so meint man, die Konformisten oder die vom totalitären Staat zur Unterwerfung gezwungenen Menschen repräsentieren. Wie sich herausstellt, lag aber die Überwachungskamera nur vorübergehend, während der Installation der Ai-Weiwei-Ausstellung, neben den bunten Töpfen: Die Nebeneinanderstellung war ganz und gar unbeabsichtigt, die Deutung somit hinfällig.

          Jedoch zeigt sich, wie leicht die ständig gegenwärtige Abwesenheit des Künstlers den Betrachter zur Sinnstiftung verführt - und den Satz Ai Weiweis in Erinnerung ruft, Humor in einem Kunstwerk sei, wenn man etwas sage und es etwas anderes bedeute. Später wurde die Marmorkamera so montiert, dass sich ihr steinerner Blick von innen auf die Straße richtete, eine Metapher für den Überwachten, der den Überwacher überwacht.

          Hier gibt es nichts zu kaufen

          Die Verhaftung Ai Weiweis bringt der Lisson Gallery zwar unverhoffte Aufmerksamkeit, versetzt sie aber auch in Verlegenheit, wie ihr Gründer Nicholas Logsdail bekennt. Ihm schwebte ursprünglich eine Ausstellung mit neuen Werken vor, die Ai Weiwei jedoch erst im nächsten Jahre hätte realisieren können. Aufgrund der präkeren politischen Situation, in der sich Ai Weiwei befand, entschied man sich stattdessen für eine Retrospektive. Im Vorhinein waren zwar Preise bestimmt worden, doch fragt es sich jetzt, welche Gültigkeit sie haben; denn keiner weiß, wie sich Ai Weiweis Situation auf den Markt auswirkt.

          Da die Rücksprache mit dem Künstler nicht möglich ist, werden vorerst keine Verkaufe abgewickelt, obwohl die Galerie dazu befugt wäre. Stattdessen nimmt sie lediglich Interessenbekundungen auf. Die Lisson Gallery hoffte, die Werke vor allem in Museen zu plazieren, wo Ai Weiwei trotz des vielen Wirbel um ihn noch unterrepräsentiert sei. Es sind wohl auch Anfragen von Institutionen aus aller Welt eingegangen. Wie lange die Lisson Gallery sie wird hinhalten müssen, liegt in der Hand der chinesischen Regierung.

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