https://www.faz.net/-gyz-7haqa

Walter Wenger in der Galerie-W : Agitprop, Zitronenpresse und ein Zauberstab

  • -Aktualisiert am

In Hamburg entdeckt eine kleine Galerie das Vermächtnis des Gebrauchsgrafikers Walter Wenger wieder. Es ist magisch.

          Walter Wenger? Vermutlich müsste man lange suchen, um über diesen Mann etwas herauszufinden, hätten ihm Enthusiasten nicht gerade einen kleinen Wikipedia-Artikel gewidmet. Dort erfährt man, dass Wenger 1906 in Insterburg/Ostpreußen geboren wurde und 1983 in Frankfurt am Main verstarb. Eine Lehre als Schaufensterdekorateur hat er gemacht und sich später, offenbar weitgehend autodidaktisch, zum Gebrauchsgrafiker fortgebildet. Zeitweise soll er die renommierte Kunstgewerbeschule Reimann in Berlin besucht haben. Tatsächlich erscheint 1929 in deren Hausblatt „Form und Farbe“ ein frühes Werk von Wenger. Es heißt „Das Neue Russland“ und ist ein Hammer-und-Sichel-Plakat reinsten Wassers. Später - in der DDR - gestaltet Wenger, der zunächst als Reklamefachmann für Kaufhäuser arbeitet, Plakate, die dem von der SED geforderten Ideal des „visuellen Kommunikationsmittels im Dienste der sozialistischen Bewusstseinsbildung“ entsprechen. Mit welcher Überzeugung er es gemacht hat, ist nicht überliefert.

          1958 setzt Wenger sich in den Westen ab. Neben freien Aufträgen übernimmt er in Düren die Leitung der „Magischen Welt“, einer kleinen Zeitschrift für Zauberkunst. Das hört sich nach einem radikalen Schwenk an. Wenger ist jedoch seit seiner Jugend Amateurzauberer. Schon für den Magischen Zirkel der DDR hat er dessen Vereinszeitschrift grafisch betreut. Das Blatt in Düren verwandelt Wenger binnen kurzer Zeit von einer besseren Schülerzeitung in ein professionelles Fachperiodikum.

          Nebenbei entwirft er für dessen Herausgeber Werner Geissler Versandwerbung. Geissler vulgo „Werry“ ist in der alten Bundesrepublik ein bekannter Mann. Er ist Zauberkünstler, Erfinder und Händler von Zauberartikeln sowie streitbarer Aufklärer vermeintlicher Psi-Phänomene. Mit Uri Geller liefert er sich publikumswirksame Schlachten. Über die Jahre illustriert Wenger für Werrys Versandhandel fünf große Kataloge. Vor allem wegen Wengers Grafiken gelten „Werry“-Kataloge heute als gesuchte Sammlerstücke.

          Tatsächlich ist seine Bildsprache eindringlich. Das Auge wird unmittelbar ins Ziel geführt. Selbst in der Welt der Illusion gibt es für Wenger keine Zweideutigkeit. Ganz gleich, ob „Perlenmysterium“ oder „Magische Stahlkugel“: Jeder Betrachter versteht sofort, welches Naturgesetz der Erwerber des Kunststücks mit den Mitteln raffinierter Täuschung außer Kraft setzen kann. Schon weit mehr als hundert Jahre gibt es in Europa und den Vereinigten Staaten magische Versandhändler. Fast immer strotzt ihre Werbung vor grafischem Bombast und Vernebelung. Wengers Sachlichkeit wirkt dagegen befreiend. Ob Presse für Zitronenschnitze oder Zauberstab: allein die klare Linie entscheidet.

          Überraschend ist Wenger jetzt wiederentdeckt oder vielleicht sogar erstmals richtig entdeckt worden. Seit ein paar Wochen widmet die 2012 gegründete „Galerie-W“ im Hamburger Stadtteil Hohenfelde dem magischem sowie dem profanen Werk des Grafikers eine kleine Ausstellung. Hinter dem „W“ im Galerienamen verbirgt sich freilich nicht Wenger, sondern der Zauberkünstler Wittus Witt.

          Witt ist ein engagierter Vertreter seiner Profession. Seit 2000 ist er der Herausgeber der einst von Wenger gestalteten Magischen Welt. Mit geschätzten 4000 Lesern gilt das Blatt als die größte verbandsunabhängige Fachzeitschrift für Zauberkunst im deutschsprachigen Raum. Mit ihr und um sie herum kämpft Witt dafür, die Zauberei aus der Schmuddelecke des billigen Klamauks zu holen. Witt will ihr Image vor allem dadurch polieren, dass er sie in ihrer historischen Dimension präsentiert und Wechselwirkungen zwischen Illusionskunst und Alltagskultur offenlegt.

          Zahllose Ausstellungen dazu hat er organisiert; manchen Museumsmitarbeiter mit seinen Vorstellungen zur Verzweiflung gebracht. Aber Witt ist ein Überzeugungstäter. Das nicht unbeachtliche wirtschaftliche Risiko seines Galerieprojekts nimmt er in Kauf, weil er zeigen will, dass Unterhaltungsmagie kein Kinderspiel ist, sondern eine ernst zu nehmende darstellende Kunst, die sich hinter dem Schauspiel auf großer Bühne nicht verstecken und auch gegenüber anderen künstlerischen Disziplinen keine Komplexe pflegen muss.

          Seit Eröffnung der Galerie hat Witt Ausstellungen zum Bild des Zauberers in der Werbung, zur Zauberkunst in der Fotografie und zur Zeitschriftenkultur der Zauberkunst gemacht. Auf die Wenger-Ausstellung, die er gemeinsam mit dem Grafiker Ralf-Peter Busch kuratiert hat, soll eine Schau zur künstlerischen Gestaltung der Deckblätter von Zauberkästen folgen. Für 2014 ist ein „Imaginarium“ geplant; eine Hommage an den Film „Das Kabinett des Dr. Parnassus“. Ein Filmemacher, ein Maler und eine Objektkünstlerin werden ihre Vorstellungen von Realität und Illusion zeigen. Witts „W“ wird dann womöglich für „Wunder“ stehen.

          Weitere Themen

          Im begehbaren Familienalbum

          Analoge Fotografie : Im begehbaren Familienalbum

          Warum beschäftigt sich der kanadische Künstler Michel Campeau mit einer scheinbar anachronistischen Fototechnik? Eine Frankfurter Ausstellung geht einer der größten Zäsuren in der Entwicklung der Fotografie nach.

          Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

          Probleme bei Sky : Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

          Knappe Entwicklungszeiten, fehlende Schauspieler: Der Sender Sky kämpft. Gegen Netflix und Amazon muss er sich behaupten. Die Produzenten von Serien, die nicht nur Sky braucht, sind fein raus.

          Topmeldungen

          Der Blick auf die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

          Glücklich im Job : Wo die Arbeit am meisten Spaß macht

          Laut einer neuen Auswertung leben die glücklichsten Arbeitnehmer in Berlin. Aber was fördert überhaupt die Zufriedenheit von Mitarbeitern? Mehr Freizeit statt mehr Geld ist nur eine Möglichkeit.

          Trumps Ausfälle : Rassist? Hetzer!

          Trumps Anhänger lieben es, wenn er vulgär und beleidigend wird. Das nennt man Mobilisierung. Da spielt es fast keine Rolle, ob er ein Rassist ist oder nicht. Dem Land dient das in keinem Fall.
          Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter

          Sorge um Marktdominanz : EU genehmigt Vodafones Milliardendeal

          Mit der Übernahme von Unitymedia dominiert Vodafone künftig das deutsche Kabelnetz. Der Vodafone-Chef spricht von 25 Millionen Haushalten, die bald mit Gigabit-Tempo an das Internet angebunden werden. Die Wettbewerber sind besorgt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.