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Tonio Trzebinskis Vermächtnis : Wildnis auf Leinwand

Tonio Trzebinski galt als bester Maler Afrikas. 2001 wurde er in Nairobi ermordet. Wo sind seine Werke jetzt? Eine Erinnerung.

          In diesem Monat wäre der Maler Tonio Trzebinski fünfzig geworden. Vielleicht - wenn nicht passiert wäre, was im Oktober 2001 geschah - hätte man ein großes Fest für ihn veranstaltet, vielleicht hätte man ihm eine international bestückte Doppelausstellung eingerichtet wie für Neo Rauch, der fast auf den Tag so alt ist wie Trzebinski. Als der 1960 in Kenia geborene Trzebinski vor neun Jahren in Nairobi ermordet wurde, hatte seine Karriere gerade erst begonnen; damals sah es so aus, als würden seine Arbeiten nicht nur bei Kennern der afrikanischen Kunst, sondern auch international Bewunderer finden. In Italien, wo er eine Zeitlang lebte, verkauften sich seine Objekt-Assemblagen, die ein wenig an Mario Merz erinnerten, sehr gut, seine Werke wurden mit 45.000 Dollar taxiert, in Europa vertrat ihn die renommierte Londoner Galerie Lefevre - eine britische Institution, die unter anderen die Karrieren von Francis Bacon und Lucian Freud auf den Weg brachte.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Beide Maler waren für den jungen Trzebinski, der 1960 als Sohn des Architekten Sbish Trzebinski in Kenia geboren wurde, aber in England aufs Internat ging und an der Slade School Kunst studierte, ästhetische Fixsterne. Als Student geriet er ins Magnetfeld der neuen Wilden - aber anders als viele Maler, die dieser Strömung zugerechnet wurden, zog es ihn tatsächlich in die Wildnis, zurück nach Kenia, wo seine Familie lebte. Der Vater, ein polnischer Auswanderer, dessen Familie den Zweiten Weltkrieg knapp überlebt hatte, baute Hotels an der kenianischen Küste; hier wuchs Tonio auf.

          Vielleicht war Trzebinskis Rückzug nach Afrika ein Grund, warum seine Karriere trotz Gesprächen mit der Galerie Mary Boone in New York nicht den verdienten Höhenflug nahm. Trzebinski hatte kein gesteigertes Interesse daran, Karriere in New York zu machen; er verschwand oft wochenlang irgendwo in der Steppe, verbrachte seine Zeit mit seinen Kindern in der Natur, auf den Plateaus der Ngong Hills im Südwesten von Nairobi, von wo aus man in die Weite des Great Rift Valleys schaut, an den Stränden der Südküste Kenias, wo er ebenso ausgiebig feierte wie surfte - Trzebinski war ein leidenschaftlicher Wellenreiter, und wenn man seine Gemälde ansieht, dann sieht es ein wenig so aus, als ob er die Energie der Wellen unmittelbar auf die Leinwand umleitete (es gibt Fotos, die ihn farbübersprüht im Atelier zeigen, er sieht aus, als sei er einen Brecher aus Ölfarbe geritten).

          Was malte Trzebinski? Nach der bisweilen wechselhaften figürlichen gab es eine abstrakte Phase in Trzebinskis Werk, in der seine besten Bilder entstanden - konzentrierte, formal strenge, intensive Kompositionen, in denen der weite Raum und die Farben der Savanne, der Staub und der Schlamm, das dürre, trockene Geäst der Akazien und das Unterholz wie ein Konzentrat ihre Spuren hinterlassen. Hier ist Trzebinski dem Abstrakten Expressionismus sehr nahe - und übersetzt ihn in eine afrikanische Sprache. Fotografien können vielleicht die lexikalischen Informationen über einen Ort liefern - die Ansicht des Kilimandscharo, Giraffen, Affenbrotbäume, das Abendlicht über der Ngong Road; aber Trzebinski gelang es in seinen besten Bildern, die Atmosphäre Ostafrikas, den Staub, den Geruch der vor trockener Hitze knisternden Steppe im Gegenlicht in eine abstrakte malerische Geste zu fassen.

          Auf das Verbrechen folgt die Schlammschlacht

          Einige Gemälde sehen so salzig und patiniert aus, als hätten sie wie Treibgut in der Äquatorsonne oder im Staub der Langata Road gelegen, die vorbei an den Kasernen nach Südwesten aus Nairobis Zentrum in die feinen Wohngegenden führt, in denen sich auch das berühmte Haus von Karen Blixen und der nach ihr benannte Country Club befinden. Nicht weit von hier wohnte Trzebinski mit seiner Frau, der Designerin Anna, und seinen Kindern; nicht weit von hier, in der Nähe der schmalen Bogani Road, wurde er am 16. Oktober 2001 vor dem Haus einer dänischen Großwildjägerin mit einem Schuss in den Kopf getötet.

          Der mysteriösen Tat folgte eine unappetitliche Schlammschlacht in der Boulevardpresse; welche Rolle spielte die junge Dänin, wer wollte den beliebten Maler sterben sehen? Vom unglaublichen Treiben einer neuen Bohème in Nairobis Vorort Karen und von ihren Verwerfungen, Eifersüchteleien, Abgründen, Drogenexzessen wurde berichtet, die Dänin schrieb ein schlechtes Buch über einen Mann namens „T“, in der „Vanity Fair“ konstruierte James Fox, ein Freund der Familie, eine Verbindung zur Ermordung des Militärattachés Lord Errol, der 1941 nicht weit von der Bogani Road unter ebenfalls ungeklärten Umständen getötet wurde - und während die Polizei die wahren Hintergründe des Mordes nie aufdeckte, verdrängten die Spekulationen um den Mord den Blick für die Qualitäten des Werks.

          Ein Jahr nach Trzebinskis Tod machte Lefevre dicht, große Ausstellungen gab es seitdem nicht mehr (manchmal ist die Kunstgeschichte noch ungerechter als das Leben). Wo sind Trzebinskis Bilder jetzt? Die meisten befinden sich in Privatsammlungen, einige werden in seinem Atelier bei Nairobi gezeigt, in dem Anna Trzebinski auch ihre Entwürfe präsentiert, und über Lemarti's Camp in Kenia vertrieben. Und vielleicht wird jetzt, wo dem Informel wieder, wie seit gestern in Düsseldorf, große Ausstellungen gewidmet werden, ja auch die vergessene afrikanische Abstraktion wiederentdeckt.

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