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Rudolf Zwirner zum 80. : Der Mann für den Modernitätsschub

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Er hat die Kölner Kunstmesse mitbegründet und die amerikanische Pop-Art nach Deutschland geführt. Aber nicht nur für den Markt war Rudolf Zwirner bestimmend, sondern für die Kultur überhaupt. Am heutigen Sonntag wird er achtzig.

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          Kunsthändler-Karrieren müssen nicht eindimensional verlaufen. Rudolf Zwirner hat in seiner souveränen Laufbahn viele Rollen gemeistert. Gleich 1955 hat ihn die erste Documenta in Kassel so gepackt, dass er das juristische Studium aufgab und sich entschloss, Kunsthändler zu werden. Zwirner debütierte anschließend beim Ehepaar Stünke in der Kölner Galerie Der Spiegel, durch die in der Nachkriegszeit Frankreichs klassische und zeitgenössische Moderne am stärksten ins zurückgeworfene Land kam. Er volontierte dann in Berlin im Auktionshaus Rosen, ging 1958 nach Paris und lernte bei Heinz Berggruen.

          Hier erreichte ihn ein überraschender Ruf: Die Documenta-Granden ernannten ihn zum Generalsekretär der zweiten Ausgabe des Avantgarde-Festivals. Zwirner musste das Riesenunternehmen - heute unvorstellbar - in nur einem halben Jahr organisatorisch dressieren. Freilich kamen ihm die Amerikaner zu Hilfe, die in Kassel in eigener Regie zum ersten Mal ihre neue Hegemonialkunst plazieren durften und auf offener Szene die europäische Nachkriegsabstraktion, die hier eigentlich noch einmal triumphieren sollte, deklassierten. Auch Zwirner ließ sich überwältigen, knüpfte erste Kontakte zur internationalen Kunstwelt und verschrieb sich fortan vor allem den Amerikanern. 1962 eröffnete er seine Kölner Galerie, zuerst im Kolumba-Kirchhof, bald darauf in der Albertusstraße. Die Kunst seiner Generation wurde Zwirners Lebensthema, also vor allem die Zivilisationsästhetik der Pop-Art und der „Nouveaux Realistes“, aber auch die deutsche und internationale Figurenmalerei. Man hat, etwas übertrieben, Zwirner den „Kahnweiler der Pop-Art“ genannt.

          Zwirner hat mit unternehmerischem Elan, Qualitätsinstinkt und kulturpolitischer Intelligenz viel beigetragen zum Aufstieg und zur Blüte der rheinischen Kunstszene, die auf ihrem Höhepunkt sogar die New Yorker Konkurrenz herauszufordern wagte. Was zu diesem Boom führte, ist in selbstgefälliger Monotonie oft genug wiederholt worden. Vieles kam glücklich zusammen: das schlechte Nachkriegsgewissen der Deutschen nach ihren Untaten, der Modernitätsschub durch den Wiederaufbau, die sinnliche Kunstlust der Rheinländer, das bald wieder wohlhabende Bürgertum, der Vorsprung Kölns dank der Sammlung Haubrich, die führende Rolle der Düsseldorfer Akademie, die Anziehungskraft der Region auf die womöglich wichtigsten westdeutschen Nachkriegskünstler zwischen Nay, Beuys, Richter und Polke, der Aufstieg der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zur Bildergalerie von Weltrang und im Gegenzug das Aufblühen von Privatsammlungen - voran das Heranwachsen des Imperiums von Peter Ludwig. Zwirner profitierte enorm von dem Aachener Sammler, der die Leidenschaft für die Amerikaner teilte und die Erträge seines unersättlichen Bilderhungers sogleich ins Kölner Museum transferierte, damit der Öffentlichkeit zum Geschenk machte.

          All das und eine kluge Kulturpolitik schufen das tropische Klima für das Gedeihen bedeutender Galerien: Nach dem Pionier Hein Stünke sind vor allem Alfred Schmela und Rudolf Zwirner zu nennen. Krönung dieses Aufbruchs war die Erfindung und Initiation des Kölner Kunstmarkts 1967, woran Zwirner maßgeblich beteiligt war. Leider gingen das Patent und Monopol schnell wieder verloren. Denn das Erfolgsmodell schlug ein und wurde bald weltweit nachgeahmt. Bereits im ersten Anlauf überholte Basel drei Jahre später das Kölner Original. Das lag auch an einem entscheidenden Geburtsfehler, der den rheinischen Kunsthändlern unterlaufen war. Sie wollten den Kunstmarkt aus den eigenen Reihen bestreiten, das heißt im Kreis eines eigens dafür gegründeten „Vereins progressiver deutscher Kunsthändler“ halten und über ihn die zeitgenössische „Weltkunst“ anbieten. Die Basler hingegen öffneten gleich ihre Tore und boten den besten Galerien aus aller Welt eine Verkaufsbühne.

          Zwirner war auch in seiner eigenen Galeristen-Tätigkeit stets vielseitig und erfinderisch. So verband er traditionellen Handel mit moderner Galeriearbeit. Ohne den Handel mit Klassikern der Moderne - 1965 konnte er die überhaupt erste Magritte-Ausstellung in Deutschland zeigen - hätte er seine avantgardistische Arbeit nicht finanzieren können. So betrieb er die Weitentwicklung der Galerie zum „Ereignisraum“ ohne unmittelbare Verkaufseffekte: Hier produzierten sich die Künstler als Akteure oder verwandelten die Galerie in ihre Werkstatt. Legendär sind Gastmähler von Spoerri, die Auftritte von Robert Wilson oder Bernhard Minetti (mit Becketts „Letztem Band“), die Konzert-Performance von Nam June Paik mit der schönen Cellistin Charlotte Moorman. 1967 bestritt Warhol eine Ausstellung bei Zwirner mit Tapetenrollen mit Kuh-Motiven und mit im Raum schwebenden Silberkissen, die mit Helium aufgeblasen waren.

          Zwirner bereicherte seine zentrale Galeristen-Aktivität immer wieder mit Nebenrollen und vermied damit die kommerzielle Eindimensionalität. Er war, wie gesagt, Verbands- und Kulturpolitiker, und, nach dem Documenta-Debüt, gelegentlich auch wieder Museumskurator. So wirkte er mit im Team der vielgerühmten Kölner „Westkunst“-Ausstellung von 1981 und war nach der Wende in den neunziger Jahren Mitgestalter der Berliner „Deutschlandbilder“. Er lehrte als Honorarprofessor an der Braunschweiger Kunsthochschule und tat sich als Gründer und Leiter des „Zentralarchivs des internationalen Kunsthandels“ hervor.

          Zu Zwirners Tugenden zählt nicht zuletzt die kritische, ja sogar selbstkritische Offenheit. Er hat seine Erfahrungen, Standpunkte, seine Analysen und Erinnerungen in zahllosen Aufsätzen und Interviews mitgeteilt. Früh erkannte er den Niedergang der rheinischen Szene und diagnostizierte den Wandel von der einzelhändlerisch zu betreuenden Individual- und Autoren-Kunst zur global gemanagten Kunstmarkt-Kunst, die heute auf weltweiten Messen und Auktionsbühnen auftrumpft und das Überleben der Galerien bedroht. Zwirner schied schon 1992 aus dem Galeriegeschäft aus und zog nach Berlin, wo er am morgigen Sonntag achtzig wird.

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