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Peking : Weit und breit kein einziger Cappuccino

  • -Aktualisiert am

798 ist Geschichte: Mit Ai Weiweis Hilfe hat der internationale Kunstmarkt das Dorf Caochangdi als seinen Lieblingsort in Peking entdeckt. Dort heißt es: Folge den grauen Ziegeln.

          Mag es im berühmten Pekinger Kunstviertel „798“ zwar immer noch eine Dependance der New Yorker Galerie PaceWildenstein geben - die Ende des Monats nach fast einjähriger Pause sogar wieder eine Ausstellung zeigen soll -, mögen dort immer noch so ehrwürdige Institutionen wie Ullens, Faurschou oder Beijing Commune residieren: Das Quartier ist so durchsetzt von Boutiquen, Souvenirs, Kunsthandwerk und Kunst, deren Billigkeit nicht immer ihren Ausdruck im Preis findet, dass es seinen Schwerpunkt schon lange auf den Erlebnistourismus verlegt hat.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Leute dagegen, die aus den vom internationalen Kunstbetrieb etablierten feinen Unterschieden Kapital schlagen wollen, pflegen sich mit einem zumindest innerlichen Dauerstirnrunzeln zu wappnen, wenn sie durch die offiziell zur kulturindustriellen Zone erklärten Gassen streifen. Sie haben in Peking inzwischen einen anderen Bezirk, der die Kunst auf eine für sie akzeptablere Weise mit der chinesischen Umgebung in Beziehung setzt und der mittlerweile Galeristen und Künstler aus der ganzen Welt beherbergt: Caochangdi. Drei der vier Galerien, die aus China bei der vergangenen Art Basel vertreten waren, haben dort ihren Sitz.

          Vorbei an Erdhügeln und Ziegelhaufen

          Das Dorf liegt ein paar Kilometer außerhalb Pekings an der alten Straße zum Flughafen. Am Eingang steht jetzt sogar ein Torbogen mit dem offenbar einladend gemeinten Schriftzug „Cultural Industry“, und verwirrend viele Pfeilschilder weisen auf irgendwelche Galerien hin. Aber davon darf man sich nicht täuschen lassen. Denn gleich dahinter beginnt das ganz gewöhnliche Gewusel eines chinesischen Dorfs, das mit Espressobars, Kunstbuchläden und all den anderen üblichen Annehmlichkeiten einer westlichen Kulturenklave nicht das Geringste zu tun hat.

          Stattdessen tritt man in eine Welt voller Gemüsestände, Friseure, Supermärkte, Esslokale und Fahrradlastenträger ein, eine Welt ohne erkennbare Bauordnung, die sich von anderen Dörfern nur durch die besonders vielen Taxis am Straßenrand und die besonders vielen Baustellen unterscheidet; der Passant muss sich seinen Weg an zahllosen Erdhügeln und aufgeschichteten Ziegelhaufen vorbei bahnen. Und noch etwas ist besonders: Die Bewohner scheinen sich durch einen kosmopolitischen Geist auszuzeichnen, jedenfalls würdigen sie inmitten ihrer Alltagsgeschäfte die eigentümlichen ausländischen Gestalten, die da mit ihren großen Fotoapparaten und Notizblöcken durch ihre Straßen ziehen, keines Blicks.

          Eine Ansammlung unverbundener Blöcke

          Diese robuste Authentizität hatte als erster Ai Weiwei für sich entdeckt. Im Jahr 2000 baute er sich in Caochangdi ein Haus mit Atelier, dessen Verbindung aus traditionell Pekinger grauen Ziegeln mit Bauhaus-Minimalismus seinen Ruhm als Architekt begründen sollte. Es folgte, zuerst zögernd, dann mit immer rascher wachsendem Tempo und Umfang, die Niederlassung einer bis heute nicht abreißenden Kette global einflussreicher Galerien und Kulturinstitutionen; bis jetzt sollen es nicht weniger als 46 sein.

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