https://www.faz.net/-gyz-76zhs

Nomaden-Galerie in Berlin : Ohne festen Wohnsitz

  • -Aktualisiert am

Pop-Up-Galerie: Zwei Frauen aus Berlin haben eine Galerie gegründet, die bloß als geistiges Gebäude existiert. Sie zeigen Kunst an temporären Orten und nutzen dabei Häuser, die vor der Sanierung stehen.

          4 Min.

          All Palaces are Temporary Palaces“ - so lautet die riesige Leuchtschrift, die derzeit über dem „C/O Berlin“ in Mitte thront. Der Auszug des Ausstellungshauses für Fotografie aus dem kaiserlichen Postfuhramt steht in ein paar Wochen an, denn Investoren warten schon, um das Gebäude zu sanieren. Noch vor wenigen Monaten musste man um die Bleibe des renommierten Fotografiezentrums zittern, und erst nach langem, nervenaufreibendem Hin und Her konnte eine neue Heimat im Charlottenburger Amerikahaus gefunden werden. Was tun, wenn ein Ausstellungshaus obdachlos wird? Der simple Lichtslogan des britischen Künstlers Robert Montgomery hat neben aller Abschiedsmelancholie auch einen ironischen, bitteren Beigeschmack bekommen.

          Räumliches Provisorium geht aber auch anders. Die Erkenntnis, dass alle Ausstellungsräume temporär sind, hat die Galeristin Anna Jill Lüpertz seit einem Jahr erfolgreich zu ihrem Konzept gemacht. Die Montgomery-Installation über den Dächern des Postfuhramtes hat sie in Kollaboration mit C/O Berlin und den Neuen Berliner Räumen realisiert - und sich dabei insgeheim ein eigenes Denkmal gesetzt. Statt erzwungener Obdachlosigkeit wählte Anna Jill Lüpertz mit ihrer Galerie AJLart den Weg ins Nomadendasein selbst - und zwar ganz freiwillig. Seit letztem Jahr zeigt sie zusammen mit Sophie Weiser (Direktorin, Leiterin für Kommunikation) die Kunst an ständig wechselnden Orten: „Die Idee zu den Wechselräumen ist uns gekommen, weil wir uns durch die räumlichen Möglichkeiten nicht limitieren lassen wollen“, sagt sie.

          Ohne festen Wohnsitz

          „AJLart ist eine Galerie, die nicht physisch vorhanden ist, sondern als geistiges Gebäude existiert. Und in diesem Gebäude gibt es viele, ganz reale Räume.“ Allein im vergangenen Jahr zeigte die Nomadengalerie dreißig Ausstellungen an dreißig verschiedenen Orten, teilweise liefen bis zu drei Präsentationen parallel. Ein schwindelerregender Wanderzirkus der Kunst. Und wieso das alles? „Jede Ausstellung soll den bestmöglichen, interessantesten Raum bekommen“, so Lüpertz: „Das muss nicht immer der schönste Raum sein. Das kann ein Raum sein, der eine gewisse Spannung evoziert, der eine bestimmte Frage aufwirft. Vor allem muss es aber ein Ort sein, der der Kunst den Raum gibt, den sie braucht.“ Wie fliegende Händler ziehen die Galeristinnen mit ihren Ausstellungen von geschichtsträchtigen Herrenhäusern in abgerockte Hinterhauswohnungen weiter zu DDR-Garagen oder unfertigen Luxussanierungen.

          Ein Beispiel ist das Gutschow-Haus in der Friedrichstraße, das von 1910 für viele Jahrzehnte als Mekka der Zauberei galt, in dem der berühmte Magier Conradi Horster sogar für Kaiser Wilhelm II. zauberte. Hundert Jahre und mehrere Schichten Graffiti später verwandelten Lüpertz und Weiser die stuckverzierte Apartmentruine in eine Pop-Up-Galerie. Über dem wilden Linienteppich aus schwarzer Lackfarbe leuchtete die sterile Neonschrift von Pietro Sanguineti. Die Kunst war nach sechs Tagen auch schon wieder verschwunden.

          Käufer wollen Sicherheiten

          Die Idee einer Galerie ohne festen Wohnsitz ist nicht neu. Als die Kölner Galerie BQ vor knapp vier Jahren nach Berlin zog, entschieden sich die Galeristen Jörn Bötnagel und Yvonne Quirmbach ebenfalls für ein nomadisches Konzept und hielten zwei Jahre lang durch. „Wir hatten alle zwei bis drei Monate neue Schlüssel für eine Wohnung, ein Ladenlokal, eine Etage in einem Rohbau oder eine Souterrain-Hausmeister-Bude in Mitte, Kreuzberg oder Charlottenburg“, sagt Jörn Bötnagel: „Es war für uns eine Chance, die sich nach Jahren der Zusammenarbeit an einem Ort einschleichende Routine aufzubrechen.“ Der rasende Ortswechsel schafft aber auch Probleme. Wenn sich die Adresse monatlich verändert, wird die Kommunikation mit den Kunden zur echten Herausforderung. Nach unzähligen Auf- und Abbauten, Improvisationen und Ortswechseln haben BQ mit den Räumen in der Weydingerstraße wieder eine feste Bleibe gefunden.

          Verzweifelte Anrufe von Kunden, die orientierungslos durch die Stadt irren, kennt auch Anna Jill Lüpertz. Besonders am Anfang konnten viele Menschen das nomadische Konzept nicht ganz verstehen. „Man kann bei uns nicht einfach zu einer gewohnten Adresse gehen und sicher sein, dass einer da ist. Für ein bestimmtes Konsumverhalten ist das natürlich schwierig.“ Die Käufer wollen Sicherheiten. Und der White Cube bietet diese Verlässlichkeit in gebauter Form. Dennoch, oder gerade deshalb, hält Lüpertz an der Idee des Nomadendaseins fest. Sie ist überzeugt, dass dadurch festgefahrene Strukturen aufgebrochen werden. Und das sei dringend notwendig. Die Idee, dass Kunst notwendigerweise im Galerie-Äquivalent der Eigentumswohnung hockt, sei längst überholt.

          In den Schlupflöchern der Immobilienblase

          Dabei ist es ausgerechnet der anwachsende Immobilienboom in Berlin, der die Zwischennutzungen der nomadischen Galerie begünstigt. Während das C/O wegen Luxussanierungen das Haus verlassen muss, dreht AJLart den Spieß um und macht sich das Phänomen zunutze. Die vor den Sanierungen oder Abrissen leerstehenden Räume werden über Architekten und Bauunternehmer an Lüpertz weitervermittelt. Eine symbiotische Beziehung, von der alle profitieren: die Galeristin von günstigen Mietkonditionen und flexiblen Räumen. Für den Eigentümer bedeutet die „hippe“ Zwischennutzung schon vor dem Umbau eine öffentliche Sichtbarkeit der Immobilie, die durch den Kunstbetrieb zudem veredelt wird. Kunstaffine Immobilienfirmen wie die „Natulis AG“ sind längst auf diesen Zug aufgesprungen und bieten die „ungeschliffenen Diamanten“, die in „hochwertige Eigentumswohnungen“ verwandelt werden sollen, Künstlern kostenlos zur Zwischennutzung an. Aber eben nur so lange, bis die Abrissbirne kommt.

          Die Berliner Kunstszene nistet sich in den Schlupflöchern der Immobilienblase ein, als Hausbesetzer mit Einladung. Doch nicht immer geht dieses Konzept auf. Als Schlecker im vergangenen Jahr pleiteging, wurde Anne Jill Lüpertz sofort aufmerksam: „Auf einen Schlag wurden unglaublich viele, große Ladenräume in guter Lage frei.“ Die Eigentümer der ehemaligen Drogeriemarkt-Flächen waren für Zwischennutzungen allerdings nicht offen. Dabei wäre ein Galeriebetrieb zwischen Lagerregal und Kassenfließband bestimmt ein interessanter Abschiedsauftritt für Schlecker gewesen. So wurden die zugenagelten Fenster zum Symbol für den Untergang.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.