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Nomaden-Galerie in Berlin : Ohne festen Wohnsitz

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Käufer wollen Sicherheiten

Die Idee einer Galerie ohne festen Wohnsitz ist nicht neu. Als die Kölner Galerie BQ vor knapp vier Jahren nach Berlin zog, entschieden sich die Galeristen Jörn Bötnagel und Yvonne Quirmbach ebenfalls für ein nomadisches Konzept und hielten zwei Jahre lang durch. „Wir hatten alle zwei bis drei Monate neue Schlüssel für eine Wohnung, ein Ladenlokal, eine Etage in einem Rohbau oder eine Souterrain-Hausmeister-Bude in Mitte, Kreuzberg oder Charlottenburg“, sagt Jörn Bötnagel: „Es war für uns eine Chance, die sich nach Jahren der Zusammenarbeit an einem Ort einschleichende Routine aufzubrechen.“ Der rasende Ortswechsel schafft aber auch Probleme. Wenn sich die Adresse monatlich verändert, wird die Kommunikation mit den Kunden zur echten Herausforderung. Nach unzähligen Auf- und Abbauten, Improvisationen und Ortswechseln haben BQ mit den Räumen in der Weydingerstraße wieder eine feste Bleibe gefunden.

Verzweifelte Anrufe von Kunden, die orientierungslos durch die Stadt irren, kennt auch Anna Jill Lüpertz. Besonders am Anfang konnten viele Menschen das nomadische Konzept nicht ganz verstehen. „Man kann bei uns nicht einfach zu einer gewohnten Adresse gehen und sicher sein, dass einer da ist. Für ein bestimmtes Konsumverhalten ist das natürlich schwierig.“ Die Käufer wollen Sicherheiten. Und der White Cube bietet diese Verlässlichkeit in gebauter Form. Dennoch, oder gerade deshalb, hält Lüpertz an der Idee des Nomadendaseins fest. Sie ist überzeugt, dass dadurch festgefahrene Strukturen aufgebrochen werden. Und das sei dringend notwendig. Die Idee, dass Kunst notwendigerweise im Galerie-Äquivalent der Eigentumswohnung hockt, sei längst überholt.

In den Schlupflöchern der Immobilienblase

Dabei ist es ausgerechnet der anwachsende Immobilienboom in Berlin, der die Zwischennutzungen der nomadischen Galerie begünstigt. Während das C/O wegen Luxussanierungen das Haus verlassen muss, dreht AJLart den Spieß um und macht sich das Phänomen zunutze. Die vor den Sanierungen oder Abrissen leerstehenden Räume werden über Architekten und Bauunternehmer an Lüpertz weitervermittelt. Eine symbiotische Beziehung, von der alle profitieren: die Galeristin von günstigen Mietkonditionen und flexiblen Räumen. Für den Eigentümer bedeutet die „hippe“ Zwischennutzung schon vor dem Umbau eine öffentliche Sichtbarkeit der Immobilie, die durch den Kunstbetrieb zudem veredelt wird. Kunstaffine Immobilienfirmen wie die „Natulis AG“ sind längst auf diesen Zug aufgesprungen und bieten die „ungeschliffenen Diamanten“, die in „hochwertige Eigentumswohnungen“ verwandelt werden sollen, Künstlern kostenlos zur Zwischennutzung an. Aber eben nur so lange, bis die Abrissbirne kommt.

Die Berliner Kunstszene nistet sich in den Schlupflöchern der Immobilienblase ein, als Hausbesetzer mit Einladung. Doch nicht immer geht dieses Konzept auf. Als Schlecker im vergangenen Jahr pleiteging, wurde Anne Jill Lüpertz sofort aufmerksam: „Auf einen Schlag wurden unglaublich viele, große Ladenräume in guter Lage frei.“ Die Eigentümer der ehemaligen Drogeriemarkt-Flächen waren für Zwischennutzungen allerdings nicht offen. Dabei wäre ein Galeriebetrieb zwischen Lagerregal und Kassenfließband bestimmt ein interessanter Abschiedsauftritt für Schlecker gewesen. So wurden die zugenagelten Fenster zum Symbol für den Untergang.

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