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Neo Rauch in Berlin : Aus den Archiven einer eigentümlichen Welt

Dass der Maler Neo Rauch auch ein Zeichner ist, beweist nun eine Ausstellung in Berlin. Was diesem „Schilfland“ seiner Eingebungen entstammt, ist ein bemerkenswertes Konvolut.

          Eigentlich war das Ondit nie nachvollziehbar, bei genauer Betrachtung seiner Bilder unverständlich: die Ansicht nämlich, die sich durchgesetzt hatte, dass der Maler Neo Rauch nicht zeichnen würde. Dabei müssen sich seine enigmatischen Welten doch, nachgerade greifbar, aus Quellen speisen, die nicht nur im immateriell Visionären nisten können, in traumverhangenen Zwischenreichen oder im umstandslos auf die Leinwand gebrachten Vorbewussten. Dieses Gerücht ist jedenfalls endgültig aus der Welt. In den Berliner Räumen der Galerie Eigen + Art sind jetzt Zeichnungen von Neo Rauch ausgestellt - nur eine Auswahl aus einem wahren Springquell schräger, geheimnisvoller Eingebungen, sämtlich auf Papier mit den Maßen 29,7 mal 21 Zentimeter gebracht.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Und mit diesem Konvolut, das in einem außergewöhnlich schön gemachten Buch erschlossen ist, vor Augen wird auch ein Zitat Rauchs, der ja ein berufener und gewitzter Kommentator seiner selbst ist, ganz materiell lesbar: „Das surrealistische Prinzip und dieser psychische Automatismus“, so steht im Katalog der Wolfsburger Ausstellung vor knapp drei Jahren, „finden bei mir nur bedingt Anwendung. Es ist schon eine Ablesbarkeit, eine Dechiffrierbarkeit angestrebt. Es gibt aber ein Aussonderungsverfahren, das sich über mehrere Stufen erstreckt, und ich entscheide mich dann von allen Varianten, die mir in den Sinn kommen, zunächst einmal für die ungehörigste - immer im Rahmen meiner Möglichkeiten zu verstehen.

          Diese bringe ich dann auf den Prüfstand der Malerei. Wenn alles gutgeht, kommt die Ungehörigkeit zur Geltung und fügt dem bisherigen Inventar einen weiteren Anknüpfungspunkt für das Gewebe meiner privaten Ikonographie hinzu.“ Aus den Tiefen dieser sehr ungewöhnlichen Motivschatulle sind jetzt ein paar Ablagerungen ans Tageslicht gekommen, Sedimente einer fortwährenden Suche, die das Wirkliche genauso durchforstet wie das Unrealistische bis Absurde. Neo Rauchs Zeichnungen aus den Jahren 2005 bis 2009 kommen aus den Schubladen seiner Atelierschränke, wo sie zunächst absichtslos gehortet waren.

          Freilegung von Verschüttetem, Verstelltem und Verlorenem

          Ungefähr vor zwei Jahren, sagt Rauch, sei es ihm in den Sinn gekommen, die Skizzen für sich zu dokumentieren. Dass tatsächlich der Zeitpunkt perfekt ist, mit Papierarbeiten eines der international berühmtesten zeitgenössischen Künstler in den Markt zu gehen (jedes der Blätter kostet 12.000 Euro), trifft sich da bestens. Und noch ein Selbstkommentar Neo Rauchs ist eingelöst: „Denn das ist ja etwas außerordentlich Anstrebenswertes: dass jemand etwas anbietet, das man so noch nicht gesehen hat. Nicht im Sinne von etwas Spektakulärem, sondern im Sinne einer Freilegung von Verschüttetem, Verstelltem und Verlorenem.“ In der Terminologie der Seelenkunde ließe sich das als Verschiebung, Verdichtung, Verdrängung identifizieren.

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