https://www.faz.net/-gyz-8grlv

Museumsneubau in San Francisco : Die Kunst, die in der Kunststoffwolke wohnt

Das SF MoMA in San Francisco erhält einen Anbau - und wird zum größten Museum der Vereinigten Staaten. Läuft es dem MoMA in New York jetzt den Rang ab?

          New York und San Francisco: Das waren einmal eher unvereinbare Gegensätze. Allein die bekanntesten Lieder, die in den sechziger Jahren über beide Städte geschrieben wurden, handeln davon: entweder leben wie Frank Sinatra („If you can make it there, you can make it anywhere“) oder wie Scott McKenzie („Be sure to wear some flowers in your hair“). Business oder Blumenkranz - das Geld, der Kapitalismus mit seinen großen Bürotürmen, saß in Manhattan, während San Francisco von seinem Ruf als entspannte Hippie-Metropole mit günstigen Mieten lebte - und wenn man heute durch die Straßen von San Francisco läuft, sieht man immer noch Menschen mit Batikkleidern und alten VW-Bussen, die aussehen, als seien sie soeben aus einem Janis-Joplin-Museum entlaufen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Nur dass diese als Hippies verkleideten Gestalten sich als gutverdienende Programmierer entpuppen, die bei Facebook, Google, Uber oder den vielen Tech-Firmen arbeiten, die sich im nahen Silicon Valley ausgebreitet und die durchschnittliche Wohnungsmiete in der Bay Area auf deutlich über fünftausend Dollar im Monat getrieben haben. San Francisco ist für die Ära des kognitiven Kapitalismus das, was Manhattan und Chicago vor hundert Jahren waren, die Tempel der neuen Bewusstseinskonzerne entstehen alle hier: Frank Gehry hat in Menlo Park die neue Facebook-Zentrale gebaut, das größte Großraumbüro der Welt, eine Halle für 2600 Mitarbeiter. Sir Norman Foster baut Apple in Cupertino ein neues Headquarter, das aussieht wie ein Donut-Raumschiff und einen Durchmesser von einem halben Kilometer hat, Bjarke Ingels baut auf halbem Weg eine gigantische Biosphäre für Google.

          Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins

          Wer nicht für diese neue Welt arbeitet und keine fünftausend Dollar für Wohnraum ausgeben kann, hat ein Problem - und dieses Problem wird hinter den Hippie-Fassaden der Socialnetworkwelt ziemlich schnell sichtbar. Und wenn sich nun das größte Museum der Stadt, das SF MoMA, einen Anbau leistet, der es nicht nur größer als das New Yorker MoMA macht, sondern auch gleich zum größten Museum Amerikas, dann ist natürlich auch die Frage, ob diese Erweiterung nur mehr Platz für Kunst schafft oder ob dabei auch ein neuer Museumstyp herauskommt, ein Ort, der der Stadt etwas von dem Leben zurückgeben kann, das durch die Tech-Gentrifizierung verlorenging.

          Auch ein Kunstwerk: „Policeman“. Bilderstrecke

          Das SF MoMA, das viele wegen seines Namens für einen Ableger des New Yorker MoMA halten (so wie den „Louvre Lens“ oder „Bilbao Guggenheim“), wurde unabhängig von New York sechs Jahre nach dem dortigen MoMA gegründet. Es hat eine ruhmreiche Geschichte, zu der die erste Einzelschau für Jackson Pollock im Jahr 1945 gehört. Es bekommt durch den Anbau, den das Norwegisch-Amerikanische Architekturbüro Snøhetta in eine Baulücke hinter dem bisherigen Haus hineinquellen ließ, sechzehntausend Quadratmeter Ausstellungsfläche - vierzig Prozent mehr als das New Yorker MoMA, was man auch als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der Techtropole San Francisco gegenüber den alten Mächten im Osten des Landes lesen kann.

          Wie ein Gegenentwurf zum New Yorker MoMA

          Die Sammlung und der Neubau profitieren von Schenkungen - und eben nicht nur spekulationsgetriebenen Leihgaben - zahlreicher Spender, die im Silicon Valley ihr Geld gemacht haben, wobei im Zentrum der Erweiterung die Sammlung des 2009 verstorbenen Modeunternehmers und GAP-Gründers Don Fisher steht. Er und seine Frau wollten sich eigentlich ein eigenes Museum in einem ehemaligen Militärstützpunkt an der Golden Gate Bridge bauen, entschieden sich aber dann, ihre Sammlung dem SF MoMA zu überlassen, zunächst für eine Dauer von hundert Jahren. Um die Fisher Collection wurde ein Großteil der Räume herumentworfen, in denen jetzt von Alexander Calder über Chuck Close oder de Kooning alles zu finden ist, was zum Kanon der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gehört.

          Interessant ist aber vor allem der Eigensinn der Sammlung, die oft wie ein Gegenentwurf zum New Yorker MoMA und seiner eher männlich dominierten Heldengeschichte der Moderne wirkt: In San Francisco stehen viel stärker Künstlerinnen wie Agnes Martin im Zentrum, deren monochromen Gemälden eine achteckige Kapelle gewidmet ist. Die Moderne ist hier nicht nur Pollock, Twombly und Man Ray, sondern vor allem Eva Hesse, Anna Atkins, Alice Baber, Louise Bourgeois, Julia Margaret Cameron, Frida Kahlo, Georgia O’Keeffe, Helen Levitt, Dorothea Lange und Tina Modotti.

          Worauf die Architekten besonders stolz sind

          Diese andere Geschichte der Kunst nach 1945 durchwandert man über eine große Treppe, die sich in die bauchige Nordwand schmiegt. Sie führt in die oberen Etagen, aus deren großen Fenstern man in die engen Seitenstraßen der Stadt schaut, was zu interessanten Rückkopplungen führt, John Chamberlains rostige Schrottskulptur Crissum-Kiss sieht plötzlich so aus, als sei sie direkt von einer Baustelle ins Museum geschleudert worden. Fast etwas harmlos dazugebastelt wirkt der Erweiterungsbau dort, wo sich bisher der Haupteingang befand: von der 3rd Street sieht der Neubau ein wenig so aus, als hätte man den Mittelteil eines mittelmäßig designten Kreuzfahrtschiffs mit einem Lasercutter herausgeschnitten.

          Erst wenn man um die Ecke biegt, in die Howard Street und von dort in die Natoma Street, eine dunkle, bisher von allem Verkehr abgeschnittene Gasse, die wie ein toter Flussarm vor sich hin moderte, bis sie von den Architekten mit einem klugen Schnitt freigelegt wurde - erst wenn man sich also dem Gebäude von hinten nähert, sieht man das große Snøhetta-Theater: Die Fassade, die sich hier der Stadt entgegenwölbt, scheint nicht aus Stein, sondern mit einem cremigen, futuristisch-intelligenten Silicon-Valley-Gips in die Baulücke gespachtelt worden zu sein. Im Morgenlicht glitzert sie wie der Strand bei Santa Cruz, worauf die Architekten besonders stolz sind - denn tatsächlich besteht die gewellte Fassade aus siebenhundert sehr leichten Paneelen, die aus einem Gemisch von faserverstärktem Kunststoff und Sand aus der Monterey Bay im Süden von San Francisco hergestellt wurden.

          Grün ist immer gut

          Die Architekten wollen die Fassade auch als Hommage an den hellen Nebel der San Francisco Bay Area verstanden wissen, der an vielen Tagen vom Meer in die Bucht und in die Stadt zieht. Die neue Leichtbauwand - die größte aus Kompositmaterialien in den Vereinigten Staaten - ist zwar aus Kunststoff, was nicht sehr ökologisch klingt, wiegt aber nur einen Bruchteil von normalen Sandsteinplatten, weswegen das gesamte Gebäude leichter ist, weniger Stahl braucht und so doch wieder ein Beispiel für eine neue skandinavische Nachhaltigkeitsarchitektur.

          Snøhetta gehört zu den Architekturbüros, über die fast nur Gutes geschrieben wird, weil ihre Gebäude intelligent (Leichtbau, weniger Energieverbrauch) sind, sich freundlich auf ihre Umgebung beziehen (die Farbe des Neubaus greift den Sandsteinton des gegenüberliegenden Art-déco-Turms des Pacific Bell Building auf), schöne hängende Gärten haben (ökologisch, Grün ist immer gut) und nebenbei, so wie ein architektonisches Einmannorchester, auch noch einige soziale Probleme der Stadt lindern, in dem die vernachlässigten Rückseiten und Seitenfassaden für alle Stadtbewohner kostenlos geöffnet werden.

          Wie ein kleines Stadtviertel

          Was aber nicht heißt, dass hier nicht eine radikalere Lösung möglich gewesen wäre, die das Museum grundlegend neu definiert. Einen Plan, wie das Museum wirklich zum neuen sozialen Zentrum einer gemischten Stadtgesellschaft und nicht bloß zum gentrifikationstreibenden Touristenmagneten und zum kulturellen Edelsahnetörtchen für die wohlhabenden Tech-Suburbs werden könnte, hat die Stadt nach allem, was man hört, nicht. Optimisten können in dem Neubau trotzdem ein Bekenntnis zum klassischen öffentlichen Kunstmuseum sehen, das die Schätze gemeinsamer Anstrengungen der Bürgergesellschaft vereint. Während weltweit sich immer mehr Sammler mit einem eigenen Museum verewigen wollen, konzentriert man in San Francisco alles in einem öffentlichen, für alle zugänglichen Haus.

          Anders als beim Bau der Oper von Oslo, mit dem Snøhetta international bekanntwurde, ist das Sonnendeck des Kunstdampfers nicht für die Stadt offen, sondern nur für die Verwaltung. Dafür gibt es jetzt mehrere Eingänge, die Stadt kann von vielen Seiten in den Bau hineindiffundieren. Den alten, von Mario Botta im Stil der spätesten Postmoderne entworfenen Museumsbau, der seinen sienesisch schwarzweiß geringelten Turm wie einen autoritären Zeigefinger respektgebietend in die Luft reckte, betrat man wie eine Kapelle für Gegenwartskunst. Das für 300 Millionen Dollar erweiterte Museum ist eher aufgebaut wie ein kleines Stadtviertel - mit Wegen, die auf Plätze und über Brücken auf begrünte Terrassen führen. Es gibt einen großen, zur Straße hin verglasten Raum mit einer Serra-Skulptur, hinter der eine amphitheaterartige Treppe zur Lobby des Neubaus aufsteigt.

          Darf man das?

          Diese frei zugänglichen Räume, für die kein Eintritt gezahlt werden muss, sollen ein neues Publikum anziehen, das ein Museum nicht mehr nur feierlich durchschreitet wie eine Kirche und dann schnell wieder verlässt, sondern ganze Tage in ihm verbringt, Laptops und Kaffee mitbringt und das Museum eher als urbanes Wohnzimmer benutzt. Zu dieser häuslichen Atmosphäre trägt auch die reichliche, typisch skandinavische Verwendung von hellem Holz bei, die bei Anhängern der Schwarzweißrot-Postmoderne des Botta-Baus zu wütenden Tiraden führte. Im „Guardian“ wird der Snøhetta-Erweiterungsbau als unziemlicher Angriff auf das pharaonengrabhafte Botta-Gebäude bejammert; es sei, heißt es da, so, als ob jemand einen Ikea-Baukasten in einem Tempel zusammengeschraubt habe. Darf man das?

          Am Streit ums SF MoMA krachen zwei Haltungen zusammen, was ein Museum sein soll, bloß Tempel oder auch kollektives Wohnzimmer, und man kann lange darüber streiten, ob die Holz-Bricolage nun ein Sakrileg oder im Gegenteil eine nötige, überfällige Befreiung vom vergilbten Pathos der späten Museumspostmoderne ist.

          Weitere Themen

          Wohnen auf Supermärkten

          Frankfurt prüft Standorte : Wohnen auf Supermärkten

          Supermarkt-Betreiber planen zunehmend, ihre Geschäftsgebäude mit Raum für Wohnungen aufzustocken. In der Stadt Frankfurt gibt es nach Einschätzung des Planungsdezernenten reihenweise geeignete Standorte.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.