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Matisse und Marquet : Für zwei Mark im „Drei Raben“ in München

  • -Aktualisiert am

Wenn sich Maler schreiben: Mehr als fünfzig Jahre lang standen Henri Matisse und Albert Marquet in brieflichem Kontakt miteinander. Jetzt ist diese Korrespondenz endlich in einem Band erschienen.

          Henri Matisse wusste im Jahr 1909, wovon er sprach, als er seinem Freund Albert Marquet nach Hamburg schrieb: „Sag mir, wann Du nach Berlin und München fährst, ich schicke Dir dann gute Ratschläge, ohne die Du Dich schwerlich wirst aus der Affäre ziehen können, denn wie in manch anderer Gegend Deutschlands spricht man auch dort Deutsch, und den, der darin nicht geübt ist, kann das bisweilen genieren.“ Matisse hatte erstmals 1908 den Rhein überquert - und damit jene Grenze, von der an sich ein Franzose ohne Fremdsprachenkenntnisse völlig aufgeschmissen fühlte.

          Freilich genügte je nachdem auch nonverbale Kommunikation: simple Gesten, stillschweigende Vorkehrungen. In Beantwortung einer Ansichtskarte von den Landungsbrücken in St. Pauli - „Der Hafen ist wundervoll“ -, die Marquet an den Pariser Boulevard des Invalides adressiert hatte, legte Matisse ihm das Muster eines neuen Drogerieprodukts bei: Er habe gehört, in Hamburg langweile man sich abends keineswegs, und diese neue Marke habe den Vorzug, dass ihre Solidität dem Reiz keinen Abbruch tue.

          Ein Dialog über Malerei und Klatsch

          Praktische Lebenshilfe stand oft, Anzügliches hin und wieder im Vordergrund, wenn sich die beiden französischen Maler schrieben. Matisse war dabei etwas fleißiger: An Marquet richtete er nicht weniger als 120 Briefe und Karten, und dieser griff achtundachtzigmal zur Feder - so viel jedenfalls ist erhalten. Der Picarde Matisse und der in Bordeaux geborene Marquet hatten sich im Paris der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts kennengelernt. Als Kameraden im Atelier von Gustave Moreau und Debütanten schweißten schwierige Startbedingungen sie zusammen; erste nennenswerte Erfolge hatten sie als Fauves.

          Zwischen 1898 und 1947 hielten sie sich gegenseitig ausführlich auf dem Laufenden, mit Glückwünschen, Beschreibungen der jeweiligen Befindlichkeit und kleinen Reiseberichten etwa aus Ajaccio, Saint-Tropez, Madrid oder Tanger. Im Mittelpunkt standen Fortschritte und Erfolge, das Gelingen und Stocken der Arbeit, das Hadern mit angefangenen Leinwänden auf der Staffelei und den Sujets, denen man gerade Form und Farbe verlieh, ferner brühwarmer Atelierklatsch und in Galerien und bei Salon-Vernissagen Aufgeschnapptes. Ab und zu illustrierten sie mit Zeichnungen und Karikaturen die Post, deren Grundton stets Vertrauen und Zuneigung offenbart. Vieles davon blieb unveröffentlicht oder wurde bisher nur in knappen Auszügen zitiert. Nun hat die Kunsthistorikerin Claudine Grammont die Archivalien des Matisse-Archivs und des Wildenstein-Instituts transkribiert, zusammengeführt und kommentiert.

          Wer kannte wen?

          Interessant ist die Publikation des Briefwechsels aus annähernd fünfzig Jahren schon deshalb, weil mehr als 130 andere Zeitgenossen teils mehrfach erwähnt werden und auf diese Art und Weise Milieu und Netzwerke der beiden deutlicher werden. Dazu gehören Künstler wie Simon Bussy, Charles Camoin, André Derain, Henri Manguin, Jean Puy oder Maurice de Vlaminck - allen voran also die Jugendfreunde und Mitstreiter bei Moreau und des Fauvismus - und die Kolleginnen Georgette Agutte, Jacqueline Marval und Olga Meerson. Von den Kritikern seien Félix Fénéon, Louis Vauxcelles und George Besson, von den Sammlern Marcel Sembat und von den Verlegern Albert Skira genannt.

          Die erwähnten Kunsthändler sind Berthe Weill, Ambroise Vollard, Aimé Maeght, Josse Bernheim-Jeune oder Martin Fabiani; Eugène Druet spielt eine etwas größere Rolle, zumal dieser sowohl Matisse als auch Marquet zu Beginn ihrer Karrieren Ausstellungen eingerichtet hatte, die ihnen sehr halfen. Dennoch blieb man kritisch: „Druet kauft stets, bezahlt aber nie“, ließ Marquet lakonisch wissen. Ironische oder Vertrauen bekundende Spitznamen zeigen das Verhältnis von Matisse und Marquet zu anderen Galeristen an: Fifi Vollard oder Mère Weill.

          Verbindungen nach Deutschland

          Die von der Lausanner „Bibliothèque des Arts“ nun verlegte Korrespondenz ist nutzbringend eingeleitet, befriedigend illustriert, und sie kann durch ein Register erschlossen werden. Zwar erhellen bereits fast 300 Anmerkungen im jeweiligen Kontext Umstände sowie Zusammenhänge und werfen Schlaglichter auf Leben und Wirken erwähnter Personen; die Kommentierung der reichhaltigen Quellen hätte man sich allerdings oft etwas ausführlicher gewünscht.

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