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Ausstellung in Köln : Landschaften, die erzählen

Die Jubiläumsausstellung „Everything happens somewhere“ bei Zander in Köln versammelt die Großen der Dokumentarfotografie und Street Photography.

          3 Min.

          Kunst, sagt Thomas Zander, habe ihn schon immer interessiert. Mit zwölf Jahren kaufte er sein erstes Bild, mit vierzehn verkaufte er das erste, und als er sechzehn war, trieb er bereits regelrecht Handel - mit Graphiken aus dem Bestand der Eltern eines Klassenkameraden, eines prominenten Kölner Galeristenehepaars. Die Blätter bot er im Freundeskreis seiner Eltern an. Dabei, sagt er, habe er stets vor allem ein Ziel verfolgt: irgendwann die Künstler kennenzulernen. Bei den prominenten Malern sei das schwierig gewesen, bei den prominenten Fotografen hingegen gar kein Problem. Schnell knüpfte er in der Szene Kontakte. Als er 1996 im Korridor und Arbeitszimmer einer Parterrewohnung am Kölner Stadtrand seiner Galerie die erste Heimat gab, stellte er gleich zu Beginn Arbeiten von Lee Friedlander aus - da gab es nicht mehr viel Luft nach oben. Augenblicklich hatte sich Zander als wichtige Adresse für Gegenwartsfotografie etabliert. Mit jeder Bilderschau erweiterte sich der Kreis hervorragender Fotografen und bedeutender Positionen. Als er im Jahr 2002 in ein Gebäude umzog, das in anderen Städten als Kunsthalle taugen würde, wurden fortan auch die Präsentationen museal.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Hier Garry Winogrand und Diane Arbus, dort Robert Adams und Henry Wessel, holte Zander um Lee Friedlander herum jene Schar Künstler in sein Haus, die mit Titeln wie „New Social Documents“ und „New Topographics“ die Fotografiegeschichte der siebziger und achtziger Jahre maßgeblich prägten. Dazu William Eggleston mit seinen qietschbunten Bildern, den strengen Minimalisten Lewis Baltz, den kritischen Romantiker Larry Sultan, den Spionagekünstler Trevor Paglen, den Pop-Art-Maler Ed Ruscha, und so geht das bis heute weiter. Wobei er von fast jedem seiner Künstler eine Handvoll Kataloge herausgegeben hat, von manchem auch gleich ein Dutzend, etliche davon heute Sammlerstücke. „Sechs Messen, fünf Doppelausstellungen, fünf Bücher“, fasst Zander seine Arbeit eines Jahres zusammen.

          Bilder von beherrschender Strenge und überladenen Motiven

          Einen Querschnitt seines Programms zeigt er jetzt ausgerechnet unter dem weit gefassten Oberbegriff Landschaft, was wie ein Augenzwinkern wirkt, da bei ihm sonst mit dem Schwerpunkt „Street Photography“ das Treiben in der Großstadt im Zentrum steht. Doch was da nun eng beieinanderhängt, mehr als hundert Bilder an nur einer Wand, streng sortiert, raubt dem Betrachter den Atem.

          Schwarzweiß, distanziert, mit einem Hauch von Zweifel an der Richtigkeit der Welt und dem Leben, das wir führen - unter dieses Rubrum ließ sich bei Zander schon immer die Mehrzahl der Fotoarbeiten stellen. Das ist auch diesmal so. Wobei diese Künstler der kritische Blick nie daran gehindert hat, Bilder von überwältigender Schönheit zu komponieren. Manchmal mit beherrschter Strenge und Nüchternheit, wie bei Bernd und Hilla Becher, manchmal mit dem Überladen des Motivs, wenn sich, wie bei Lee Friedlander, ein Gewirr von Zweigen und Ästen bis an die Grenze der Undurchdringlichkeit vor die staubige Einsamkeit der amerikanischen Wüste schiebt.

          „Everything happens somewhere“ hat Thomas Zander die Bilderschau zum Jubiläum der Galerie genannt. Damit rückt er das erzählerische Moment des Mediums in den Vordergrund. Doch schieben die Bilder am Schnittpunkt von Dokumentation, Reportage und Kunst die Ausschnitte der Wirklichkeit auch immer wieder in die Sphäre des Ungefähren, des Gespenstischen. Lothar Baumgartens metergroßer Schwarzweißabzug einer Straßengabelung in der Ödnis von Texas wirkt wie die Szene eines Road Movie. Auf der riesigen Farbfotografie von Mitch Epstein sind die preisreduzierten Pickup Trucks eines Autohändlers vor einem Wandbild geparkt, das einen Siedlertreck aus der Zeit der Besiedlung des amerikanischen Westens zeigt. Anthony Hernandez verteilt für „Discarded“ Apfelsinen auf einer öden Fläche, wie bei Roger Fenton auf einer berühmten Kriegsfotografie die Kanonenkugeln des Krimkriegs in einem baumlosen Tal liegen. Keiner der ausgestellten Künstler freilich erfüllt den narrativen Aspekt der Fotografie vollendeter als Braco Dimitrijević mit seiner Serie „This could be a place of historical interest“, in der er selbst das banalste Motiv mit Tragweite überfrachtet. In der Variante eines „Orts von historischer Bedeutung“ gibt es den Satz auch in Marmor gemeißelt - als Tafel für die eigene Hausfassade.

          Für 2000 Mark hätte man vor zwanzig Jahren bei Zander die Abzüge von Lee Friedlander kaufen können; jetzt kosten die Landschaften 13500 Euro. Damit liegen sie im Mittelfeld. Auf ähnlichen Niveau bewegen sich etwa William Eggleston, Henry Wessel und Andrea Geyer. Am unteren Ende finden sich raffiniert verfremdete Ansichtskarten von Peter Downsbrough (2500 Euro) und verzaubernd-spröde Fabriktore von Tata Ronkholz (4800 Euro). Dass es nach oben kaum Grenzen gibt, belegen die Himmelsfotografien von John Palisa und Max Wolf aus dem Jahr 1910; Zander erwartet für das Set von 43 Abzügen 250000 Euro. (Bis zum 5. November.)

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