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Berliner Ausstellung : Lakonische Witze auf Papier

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An der Grenze zwischen Persönlichem und Öffentlichem: Amelie von Wulffen zeigt in der Berliner Galerie Barbara Weiss neben Zeichnungen auch Ölgemälde und Skulpturen.

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          Das graue Heft hat den Look eines Fanzines, es heißt „November“, stammt aus dem Jahr 2011 und liegt in der Ausstellung von Amelie von Wulffen in der Galerie Barbara Weiss in Berlin aus. In einem Tagebuch aus Zeichnungen erzählt die Künstlerin aus ihrem Alltag. Die selbstironische Brechung der eigenen Arbeit mitsamt den kleinen oder auch bohrenden Selbstzweifeln zählt eigentlich weniger zu den Domänen der zeitgenössischen Kunst: Festgehalten sind Dinge wie die überflüssige Bemerkung bei der Vernissage, die ernüchternde Erkenntnis, bei der neuen Therapeutin wieder mal an eine „typische Ehefrau“ geraten zu sein, die „drei Kinder großgezogen hat, alles paletti, aber selbst nie etwas in Frage“ stellen musste; oder dass man bei ein bisschen Erfolg sogleich als abgehoben gilt, die Leute aber wieder fürsorglich nerven, wenn ein „richtig fieser Verriss“ erschienen ist. In lakonischem Witz kritzelt Wulffen solche Momente aufs Papier samt der Sexphantasien, wie sie ihr zufliegen, als ihr am Telefon „zwei Jungs“ angekündigt werden – die sollen nachmittags kommen und beim Verpacken von Bildern helfen.

          Die Künstlerin, Jahrgang 1966, macht aus ihren Skizzen leicht konsumierbare und doch mit allerlei Erfahrung angereicherte Comics. Einmal geht es, wiederum in einem flüchtig skizzierten Telefonat, einigermaßen überraschend um „die Heidegger-Briefe“ aus Familienbesitz, die „jetzt alle ins Marbach-Archiv gehen“. „Naja“, sagt sich die Frau mit der Katze im Arm, „so ist man wenigstens von allen Familienzwängen befreit.“ Interessant. Gleichwohl erscheint Heidegger auf einem Bild von 2016 gleich eingangs der Ausstellung: Der umstrittene Denker sitzt am Tisch mit dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber bei jener Begegnung 1957, die der Großvater der Künstlerin, Clemens von Podewils, angebahnt hatte. Der Münchner Schriftsteller war mit Heidegger nicht nur privat befreundet, als Generalsekretär der Bayerischen Akademie der Schönen Künste bot er ihm bald nach dem Krieg ein öffentliches Forum.

          Amelie von Wulffen malte das Bild, nachdem Heideggers „Schwarze Hefte“ aus den dreißiger Jahren mit ihren antisemitischen Denkmustern publik geworden waren. Womit die endlose Heidegger-Debatte einem neuen Höhepunkt zugeführt war. Einigermaßen sarkastisch taucht Wulffen Podewils und Heidegger in eine lindgrüne „Lichtung“; in der Lichtung, lautete die Lehre des Philosophen, werde der Mensch für das Sein erst empfänglich. Verschattet fällt dagegen im gemalten Bild der Raum um Buber und seine Ehefrau aus. So bezieht die Malerin auf ihre Weise Position nicht nur zu Fragen der Geistesgeschichte, sondern auch zur eigenen Familiensaga.

          Es ist solch persönlicher Subtext, der sämtliche Bilder der Ausstellung unterschwellig autobiographisch erscheinen lässt – auch die anderen Tischgesellschaften nach Bildvorlagen aus dem 19.Jahrhundert, von Franz Defregger, Gustave Caillebotte oder Albin Egger Lienz. Manche Arbeiten sind malerisch auf alt und schrumpelig getrimmt mit Krakelierlack, wie ihn schon Francis Picabia verwendete. Gleich Gedankensprüngen collagiert Amelie von Wulffen Handschriften und Gesten, kombiniert zudem auch disparate Motive, wie ein bäuerliches Interieur mit maroder moderner Architektur. Dann lässt sie ein brennendes Mädchen einer in Farbflammen lodernden Ruinenlandschaft entfliehen. Das Bild sieht aus, als wäre es selbst aus dem Feuer gezogen. In der Ausstellung färben die Stimmungen der Bilder aufeinander ab, das Eigene und das Fremde gehen nahtlos ineinander über. (Preise 10 000 bis 30 000 Euro. Bis zum 29. Oktober.)

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