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Kunstsalon Cassirer : Die Suche nach dem verlorenen Archiv

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Mit ihrem Berliner Kunstsalon schufen die Cassirers eine Schule des Sehens. Jetzt dokumentieren zwei Bände die Geschichte der wegweisenden Galeristen.

          Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da der Kunstmarkt in seinen Mechanismen durch den „größten Kunstfälscherskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte“ erschüttert wird, rückt eine auf mehrere Bände konzipierte Publikation von Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt die Erfolgsgeschichte eines Kunsthandels ins Rampenlicht, der mit seinen Aktivitäten in Deutschland Kunst- und Gesellschaftsgeschichte schrieb. Es ist die Geschichte des Kunstsalons Cassirer.

          Im Jahr 1898 in Berlin von den Vettern Paul und Bruno Cassirer gegründet, von 1901 an von Paul Cassirer alleine weitergeführt, wurde das Unternehmen stil- und geschmacksbildend - nicht nur durch ein anspruchsvolles Ausstellungsprogramm, sondern auch durch die von Henry van de Velde architektonisch gestalteten Räume. Und das in einer Zeit, als noch Kaiser Wilhelm II. dem Volk seinen deutschtümelnden konservativen Geschmack zu oktroyieren versuchte und diesen bei der Berliner Nationalgalerie auch einforderte: keine Ankäufe und keine neue Hängung ohne seine Genehmigung. Die Cassirers aber, jung, vermögend und voller Tatendrang, waren Vorreiter in der Vermittlung der internationalen Moderne, vor allem der französischen Kunst.

          Dazu gehörten die in Paris bereits berühmten Maler, etwa Manet und Monet, wie auch Künstler, die man dort gerade entdeckt hatte, beispielsweise Cézanne oder der „noch unbekannte“ Van Gogh. Im privaten Rahmen ihres kleinen intimen Salons wagten sie es, eine kulturpolitische Diskussion in Gang zu setzen, die ihr lebhaftes Echo in der Berliner Tagespresse fand. Bereits die erste Ausstellung mit Werken von Liebermann, Degas und Meunier fand große Beachtung; es folgten Manet, Monet und Segantini, 1899 dann Manet, Degas, Slevogt, zum Jahreswechsel 1901/2 die Sonderausstellung Van Gogh und Kubin, 1903 eine Gegenüberstellung von französischen und deutschen Neoimpressionisten. Immer wieder wurde die Galerie zum Forum internationaler Begegnungen.

          Der Kunstsalon Cassirer in der Viktoriastraße 35 am Tiergarten setzte klare Akzente. Das wurde von den Rezensenten wahrgenommen und honoriert: „Keiner unserer Kunstsalons hat ein so charakteristisches Gepräge wie der von Cassirer“, heißt es 1902 bei Max Osborn. Und an anderer Stelle schreibt Hans Rosenhagen: „Von all den Berliner Kunstsalons (. . .) ist unzweifelhaft der von Cassirer der einzige, wo die Kunst das erste Wort führt.“ Das war das Anliegen der Cassirers, die mit Hilfe namhafter Kontaktpersonen in Berlin, Paris, Brüssel und München die bedeutendste Kunst der damaligen Zeit nach Berlin holten. Die Meisterwerke kamen von Durand-Ruel aus Paris.

          Weitere Bände sind in Vorbereitung

          Die ersten zwei Bände zeigen nun Hauptwerke aus dem Programm: Überwältigend, kaum fassbar, dass alle diese großen Werke einstmals in Berlin gezeigt wurden - die Manets, Monets, Cézannes, van Goghs, Munchs und natürlich auch die Malerei der Sezessionisten, vor allem die von Liebermann, des großen Förderers der Galerie. Höhepunkte stellte die französische Malerei dar mit Schlüsselbildern wie Manets „Le déjeuner sur l'herbe“, das 1863 in Paris einen Skandal ausgelöst hatte und auch noch 36 Jahre später, 1899, in der Viktoriastraße die Besucher irritierte. Vereinzelt aber zeigte man auch alte Kunst; 1901 zum Beispiel Zeichnungen von Rubens, Rembrandt, van Dyck.

          Auf mehr als 1200 Seiten mit rund 1100 hervorragenden Abbildungen dokumentieren die ersten zwei Bände jene außergewöhnliche Qualität in der Galerie- und Verlagsgeschichte von 1898 bis zum Jahr 1905. Weitere Bände sind in Vorbereitung, um die Galeriegeschichte bis 1933 aufzuarbeiten. Da nach Angaben der Herausgeber ein Großteil des Firmenarchivs durch die Emigration nach 1933 verlorenging, blieb die Geschichte des Kunstsalons bislang „ungeschrieben“. Es bedurfte einer zehnjährigen Recherche, um, wie es heißt, ein „gesichertes Bild“ der Galerietätigkeit zu gewinnen.

          Geschichtsbuch und Œuvre-Katalog in einem

          Das entscheidende Material für diese Rekonstruktion liefert die Kunstkritik der damaligen Zeit. Dazu trugen die vielen Tageszeitungen bei, die teilweise noch mit zwei Ausgaben pro Tag erschienen. Die Kunstkritik gehörte zum Renommee einer jeden Zeitung und war auffallend deskriptiv und ausführlich. Von den Feuilletonisten - dazu gehörte selbst ein Rainer Maria Rilke, der über die Eröffnungsausstellung in der „Wiener Rundschau“ berichtete - wurde auch das schöne Ambiente der Galerie mit dem Lesesaal beschrieben. Solche Rezensionen und Fotos ermöglichen auch, Bilder und Skulpturen der einzelnen Ausstellungen zu identifizieren, Werklisten zu erarbeiten oder zu ergänzen.

          Was mit diesen ersten Bänden begonnen hat, ist Geschichtsbuch und Œuvre-Katalog in einem. Die Publikation wird, wenn sie auch die nächsten dreißig Jahre der Cassirers erforscht hat, auf mehr als tausend Seiten anwachsen. Das Porträt ist so lebendig geschrieben und spannend zu lesen, dass man sich wünscht, es würde eine eigene, kleinere Publikation erscheinen, die ein breiteres Publikum erreichen könnte. Es ist eben nicht nur die Geschichte der Galerie, sondern zugleich die der gebildeten jüdischen Bourgeoisie in Berlin in jenen Jahren.

          Der schwierige Charakter Paul Cassirers wird nur zitathaft gestreift. Als feinsinniger Intellektueller soll er den „sozial nicht eben bevorzugten Beruf des Kunsthändlers“ als einengend empfunden haben. Rückblickend stellte sein Kunstsalon in Berlin eben weit mehr dar als eine Galerie. Wie Lovis Corinth schrieb, brachte er „die schönsten modernen Werke nach Berlin, die man nur hier und sonst nirgends in Deutschland zu sehen bekam“. Er hatte dem Berliner Publikum ein Museum auf Zeit geschenkt. Dieses Museum bleibt der Nachwelt nun in Buchform erhalten.

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