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Kunsthändlerin Michèle Cointe : Die Chimäre sitzt auf dem Schreibtisch

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Seit den sechziger Jahren führt Michèle Cointe ihren Antiquitätenhandel in der Pariser Rue Malebranche. In der kleinen Straße haben schon Billy Wilder, Claude Chabrol und Woody Allen gedreht.

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          Wer unter dem Zunftschild mit der Aufschrift „Antiquités“ durch die sanft knarzende Tür in Michèle Cointes Antiquitätengeschäft tritt, steht plötzlich in einer eigenen Welt. Es ist ein von Gegenständen dichtbesiedelter Mikrokosmos von vielleicht dreißig Quadratmetern, der wie beseelt wirkt von seinen Skulpturen, Figurinen, Möbelstücken, Gemälden – und von Michèle Cointe selbst, die hinter einer steinernen Chimäre aus Tarascon von einem Manuskript aufschaut.

          Ihre Worte, in einem präzise formulierten Französisch, betont sie mit Genuss. Michèle Cointe ist eine literarisch schreibende Antiquitätenhändlerin, für die zwei Gesten im Laufe des gemeinsam verbrachten Nachmittags bezeichnend werden: Ihre Antiquitäten berührt sie gerne, streichelt sie auch manchmal, und trotz ihres hohen Alters schwingt sie sich mehrmals gewandt aus ihrem besonders tiefen Holzstuhl, in den sie sich zweifellos aus Liebe zum Objekt gesetzt hat, um das Französisch-Wörterbuch zu konsultieren. Antiquitätenhändler sind eben von Natur aus neugierige Menschen.

          Kein Wunder, dass unser Gespräch dann auch mit der Klärung von Begriffen und einem Abstecher in die Geschichte beginnt. Wie es dazu kam, dass der „Antiquaire“, ursprünglich ein Liebhaber von Antiken, zum Antiquitätenhändler wurde? „Im 17. und im 18.Jahrhundert“, erklärt Michèle Cointe, „gab es diesen Beruf noch gar nicht. Der Antiquaire war ein Gelehrter, der sich für Kunstwerke des Altertums interessierte. Die aus der Renaissance erhaltenen Antiken zirkulierten nur in den Sammlungen von Adligen. Mit der Revolution hat sich dann alles geändert.“ Ein Markstein ist der Sommer 1793, als das gesamte Mobiliar des Versailler Schlosses zum Verkauf freigegeben wurde. Ein ganzes Jahr lang habe die gigantische Auktion mit Tausenden Losen und mit schon damals internationalen Käufern aus Russland, England oder Amerika gedauert. Der eigentliche Beruf des Antiquitätenhändlers entstand in der Folge: „Im 19.Jahrhundert wird der Begriff ,Antiquaire‘ vom Bürgertum neu ausgelegt, er bezeichnet nicht mehr den Gelehrten und meist adligen Sammler von Antiken, sondern den Händler, der wohlhabenden Bürgern noble Antiquitäten verkauft.“

          Michèle Cointe hat 1968 mit dem Antiquitätenhandel angefangen. Wer diesen Beruf ergreifen wollte, für den es weder eine Ausbildung noch ein Diplom gab, kam meistens mit einem familiären Grundbestand an Antiquitäten aus einem entsprechenden Milieu. Michèle Cointe stieg in das Gewerbe ein – mit nichts als ihrer Begeisterung im Gepäck. Sie klapperte die einschlägigen Pariser Flohmärkte ab, suchte nach interessanten Möbeln und ausgefallenen Objekten und setzte alles daran, ihre Kenntnisse stetig zu erweitern. Schon seit 1977 hat sie ihr Geschäft in der Rue Malebranche, die zwischen Jardin du Luxembourg, Quartier Latin und Pantheon liegt, und wohnt noch dazu im selben Gebäude. In einer Seitenstraße liegt ihr Depot und Restaurierungsatelier.

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