https://www.faz.net/-gyz-7go84

Kunsthändler Kasmin : Der Mann, der den ersten White Cube hatte

  • -Aktualisiert am

Kasmin, nur Kasmin: Der Londoner Kunsthändler ist selbst eine quicklebendige Legende, der kein Geringerer als David Hockney seinen Durchbruch verdankt. Jetzt kuratiert Kasmin noch einmal, und es gibt ein Buch von ihm.

          4 Min.

          Der Name Kasmin ist längst ein Signet für die revolutionäre Londoner Kunstszene der Swinging Sixties. Er ist - wie die Person, die ihn trägt - eine genialische Selbsterfindung. Der Mann, der sich Kasmin nennt und mit seiner Galerie Wogen schlug, kam als John Kaye im Londoner East End zur Welt. Aber auch das war ein zugelegter Name, den der Vater, ein Kind polnisch-jüdischer Einwanderer, gewählt hatte, weil das englischer klang als Kosminski. Sein Sohn wiederum, der sich in jungen Jahren als Lyriker versuchte, fand, dass das einsilbige Kaye als Dichtername nicht so tauge wie etwas Zweisilbiges. Daher die Verschmelzung von Kaye und Kosminski: Kasmin. Dass jeder ihn Kasmin oder Kas nennt - nur der Bankdirektor rede ihn mit John an -, ist ein Beleg für die Originalität des Händler-Sammlers, dem David Hockney seinen Durchbruch verdankt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Kasmin war 27 Jahre alt, als er den jungen Hockney in einer Studentenausstellung als das beste Pferd im Stall ausmachte. Ihm gefiel die freche, kühne Malerei zwischen figürlicher Darstellung und Abstraktion. Noch bevor der Galerist seiner Entdeckung die erste Solo-Ausstellung ausrichtete, begann Kasmin Käufer für Hockney zu begeistern - zu einer Zeit, da Bilder von ihm, die heute Millionenbeträge erzielen, für weniger als hundert Pfund zu haben waren. In dem intimen biographischen Film, den Jack Hazan zu Beginn der siebziger Jahre über Hockney und seinen Kreis gedreht hat, tritt Kasmin als die Stimme des Gewissens auf, die den durch Liebeskummer erlahmten Künstler immer wieder zur Arbeit ermahnt.

          Für Kasmin stand damals einiges auf dem Spiel. Er hatte nach zehn Jahren beschlossen, seine Galerie in der Bond Street - die mit ihren weißen Wänden, dem Oberlicht und dem Pirelliboden gewissermaßen den Prototyp des Ausstellungsraums bildete, der inzwischen als White Cube geläufig ist - mit einer Hockney-Schau zu schließen. Dafür gab es mehrere Gründe: Kasmins Hintermann, der Guinness-Erbe Sheridan Dufferin, hatte begonnen, sich für anderes zu interessieren als die amerikanischen Farbfeldmaler, für die sich Kasmin begeisterte. Dazu kamen die Auswirkungen der Ölkrise auf den Kunstmarkt und das Gefühl, ausgebrannt zu sein. Am Ende des Films „A Bigger Splash“ sieht man, wie Kasmin das Namensschild seiner Galerie abmontiert; es war das Ende einer Ära. Der New Yorker Kunsthändler Paul Kasmin ist übrigens sein Sohn.

          Ein geschickter Schachzug des Auktionshauses Sotheby’s erlaubt Kasmin jetzt, diese Zeit noch einmal zu beschwören in einer von ihm kuratierten Schau über die Kunst der sechziger Jahre, in der Verkaufsobjekte durch Leihgaben aufgewertet werden. „The New Situation“ - der Titel spielt auf drei Ausstellungen jener Jahre an, die damals bahnbrechend waren, ähnlich wie die unter der Ägide von Damien Hirst veranstaltete „Freeze“-Schau von 1988 - zeigt neben großen Namen wie Hockney, Howard Hodgkin, Anthony Caro, Peter Blake, Allen Jones, Eduardo Paolozzi, Richard Hamilton und Bridget Riley auch weniger bekannte, aber ebenfalls in öffentlichen Sammlungen vertretene Künstler, mit denen die Zeit weniger gnädig gewesen ist. Sie sollen in Erinnerung gerufen und rehabilitiert werden, mit dem Ziel freilich, den Marktwert zu steigern. Die Beteiligung von Kasmin, der archetypischen Figur der Bohème dieser Zeit, in der London aus dem Nachkriegsgrau hervortrat und versuchte, die Fesseln der ewigen Rückwärtsgewandtheit abzulegen, verleiht dem Unterfangen ein Gütesiegel.

          Kasmin ist passionierter Postkartensammler

          Sein Herz aber schlägt eher für ein anderes Projekt, das gleichzeitig zur Realisierung kommt: Der Bildband „Want. Kasmin’s Postcards“ erscheint demnächst im Verlag der Royal Academy - eine Auswahl von Postkarten mit Bettlern, aus jener ausufernden Sammlung, die Kasmin mit der Passion des Autodidakten, der seine Kindheit in Oxford in der Bibliothek verbrachte, und mit poetischem Gespür für die menschliche Komödie angehäuft hat.

          Zur Befriedigung der Wanderlust, die ihn schon mit sechzehn Jahren, als er die Schulausbildung wegen finanzieller Engpässe abbrechen musste, veranlasste, vor der Familie und der englischen Tristesse nach Neuseeland zu flüchten, hat Kasmin seit den sechziger Jahren Postkarten von exotischen Plätzen gekauft. In den späten Siebzigern, als Postkarten im Kunstbetrieb allenfalls als Quellenmaterial beachtet wurden, dachte sich Kasmin sogar eine Ausstellung aus, für die er Künstler wie Allen Jones und Peter Blake und andere Leute, die Postkarten sammelten, mit Brettern ausstattete, auf denen jeder eine persönliche Auswahl arrangierte. Kasmin steuerte selbst zwei Bretter bei mit einem Lieblingsmotiv: Stufen, Treppen und Leitern. Dazu inspiriert hat ihn die Beschreibung der Treppen in der Palastanlage von Phaistos in Henry Millers Griechenland-Buch „Der Koloss von Maroussi“.

          Kasmins Alben sind sorgfältig sortiert nach Motiven, die seine skurrilen und breitgefächerten Interessen spiegeln, Themen wie „Räder und Verkehrsmittel“, „Haarewaschen“, „Bären und Darsteller“, „Picknicks“, „Schlachter und Schlachthäuser“ - oder „Leere Sessel“, die ihn faszinieren, weil sie immer nach neuen Hintern hungern. Beim Blättern kann er zu jeder Karte etwas erzählen, wo er sie entdeckt hat, wie teuer sie war, welche Bezüge sie bei ihm weckt oder welche Geschichten er in sie hineindenkt. Zwischendurch wandert er durch sein Haus, um ein Buch zu suchen, oder er schleift den Besucher mit, um ihm ein Kunstwerk zu zeigen - einen Stich von Rembrandt, ein Paar tibetanischer Schuhe, die im Badezimmer auf einem Regal stehen, einen etruskischen Spiegel, einen Grabhüter der Tang-Zeit, eine Uzbek-Stickerei oder ein kykladisches Gefäß.

          Kasmin kommt vom Hundertsten ins Tausendste, und es verwundert nicht, dass er bereits 155 Stunden auf Band gesprochen hat für das Projekt „Gehörte Geschichte“ der British Library. Er spricht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen von seiner „absurd promiskuitiven“ Vergangenheit, von seinen Wanderungen in ferne Gegenden, die er unter anderen mit seinem Freund Bruce Chatwin unternommen hat.

          Von Abenteuerlust, Sammlerpassion und Wissensgier getrieben, ist Kasmin, der sich trotz seiner fast achtzig Jahre eine schelmische Jugendlichkeit bewahrt hat, kein Mann der halben Sachen. Am Tag nach unserem Treffen war er unterwegs nach Amiens zu einem Postkartenhändler, um auf dem Weg zu einem Familienurlaub neue Käufe zu tätigen.

          Weitere Themen

          Kasse machen in der Not

          Herbstauktionen : Kasse machen in der Not

          Vorschau London: Nachkriegs- und Gegenwartskunst in den drei großen britischen Auktionshäusern Christie’s, Sotheby’s und Phillips, wohlkoordiniert mit Paris.

          Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten? Video-Seite öffnen

          Quiz zur Kulturhauptstadt 2025 : Wie gut kennen Sie die deutschen Kandidaten?

          Heute entscheidet sich, welche deutsche Stadt europäische Kulturhauptstadt 2025 wird. Zur Wahl stehen Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg. Sagt Ihnen nichts? Oder haben Sie die alle schon bereist? Hier können Sie Ihr Wissen testen!

          Topmeldungen

          Der Himmel über Berlin am Abend des 28. Oktober

          Massive neue Einschränkungen : Die Welle brechen

          Um eine weitere Explosion der Infektionszahlen zu verhindern, ergreifen Kanzlerin und Ministerpräsidenten drastische Maßnahmen – obwohl selbst Virologen dazu unterschiedlicher Auffassung sind. Was bleibt offen, was muss schließen?
          Friedrich Merz am Dienstag in Eltville am Rhein

          Friedrich Merz’ Wutausbruch : Authentisch oder nur gespielt authentisch?

          Hat Friedrich Merz mit seinem Wutausbruch gegen das CDU-„Establishment“ die Dinge einfach nur beim Namen genannt, wie es sich in Demokratien gehört? Über einen eventuell doch sehr taktischen Gebrauch von Empörung in der Politik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.