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Kunsthändler Kasmin : Der Mann, der den ersten White Cube hatte

  • -Aktualisiert am

Kasmin, nur Kasmin: Der Londoner Kunsthändler ist selbst eine quicklebendige Legende, der kein Geringerer als David Hockney seinen Durchbruch verdankt. Jetzt kuratiert Kasmin noch einmal, und es gibt ein Buch von ihm.

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          Der Name Kasmin ist längst ein Signet für die revolutionäre Londoner Kunstszene der Swinging Sixties. Er ist - wie die Person, die ihn trägt - eine genialische Selbsterfindung. Der Mann, der sich Kasmin nennt und mit seiner Galerie Wogen schlug, kam als John Kaye im Londoner East End zur Welt. Aber auch das war ein zugelegter Name, den der Vater, ein Kind polnisch-jüdischer Einwanderer, gewählt hatte, weil das englischer klang als Kosminski. Sein Sohn wiederum, der sich in jungen Jahren als Lyriker versuchte, fand, dass das einsilbige Kaye als Dichtername nicht so tauge wie etwas Zweisilbiges. Daher die Verschmelzung von Kaye und Kosminski: Kasmin. Dass jeder ihn Kasmin oder Kas nennt - nur der Bankdirektor rede ihn mit John an -, ist ein Beleg für die Originalität des Händler-Sammlers, dem David Hockney seinen Durchbruch verdankt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Kasmin war 27 Jahre alt, als er den jungen Hockney in einer Studentenausstellung als das beste Pferd im Stall ausmachte. Ihm gefiel die freche, kühne Malerei zwischen figürlicher Darstellung und Abstraktion. Noch bevor der Galerist seiner Entdeckung die erste Solo-Ausstellung ausrichtete, begann Kasmin Käufer für Hockney zu begeistern - zu einer Zeit, da Bilder von ihm, die heute Millionenbeträge erzielen, für weniger als hundert Pfund zu haben waren. In dem intimen biographischen Film, den Jack Hazan zu Beginn der siebziger Jahre über Hockney und seinen Kreis gedreht hat, tritt Kasmin als die Stimme des Gewissens auf, die den durch Liebeskummer erlahmten Künstler immer wieder zur Arbeit ermahnt.

          Für Kasmin stand damals einiges auf dem Spiel. Er hatte nach zehn Jahren beschlossen, seine Galerie in der Bond Street - die mit ihren weißen Wänden, dem Oberlicht und dem Pirelliboden gewissermaßen den Prototyp des Ausstellungsraums bildete, der inzwischen als White Cube geläufig ist - mit einer Hockney-Schau zu schließen. Dafür gab es mehrere Gründe: Kasmins Hintermann, der Guinness-Erbe Sheridan Dufferin, hatte begonnen, sich für anderes zu interessieren als die amerikanischen Farbfeldmaler, für die sich Kasmin begeisterte. Dazu kamen die Auswirkungen der Ölkrise auf den Kunstmarkt und das Gefühl, ausgebrannt zu sein. Am Ende des Films „A Bigger Splash“ sieht man, wie Kasmin das Namensschild seiner Galerie abmontiert; es war das Ende einer Ära. Der New Yorker Kunsthändler Paul Kasmin ist übrigens sein Sohn.

          Ein geschickter Schachzug des Auktionshauses Sotheby’s erlaubt Kasmin jetzt, diese Zeit noch einmal zu beschwören in einer von ihm kuratierten Schau über die Kunst der sechziger Jahre, in der Verkaufsobjekte durch Leihgaben aufgewertet werden. „The New Situation“ - der Titel spielt auf drei Ausstellungen jener Jahre an, die damals bahnbrechend waren, ähnlich wie die unter der Ägide von Damien Hirst veranstaltete „Freeze“-Schau von 1988 - zeigt neben großen Namen wie Hockney, Howard Hodgkin, Anthony Caro, Peter Blake, Allen Jones, Eduardo Paolozzi, Richard Hamilton und Bridget Riley auch weniger bekannte, aber ebenfalls in öffentlichen Sammlungen vertretene Künstler, mit denen die Zeit weniger gnädig gewesen ist. Sie sollen in Erinnerung gerufen und rehabilitiert werden, mit dem Ziel freilich, den Marktwert zu steigern. Die Beteiligung von Kasmin, der archetypischen Figur der Bohème dieser Zeit, in der London aus dem Nachkriegsgrau hervortrat und versuchte, die Fesseln der ewigen Rückwärtsgewandtheit abzulegen, verleiht dem Unterfangen ein Gütesiegel.

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