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Kunsthändler Kasmin : Der Mann, der den ersten White Cube hatte

  • -Aktualisiert am

Kasmin ist passionierter Postkartensammler

Sein Herz aber schlägt eher für ein anderes Projekt, das gleichzeitig zur Realisierung kommt: Der Bildband „Want. Kasmin’s Postcards“ erscheint demnächst im Verlag der Royal Academy - eine Auswahl von Postkarten mit Bettlern, aus jener ausufernden Sammlung, die Kasmin mit der Passion des Autodidakten, der seine Kindheit in Oxford in der Bibliothek verbrachte, und mit poetischem Gespür für die menschliche Komödie angehäuft hat.

Zur Befriedigung der Wanderlust, die ihn schon mit sechzehn Jahren, als er die Schulausbildung wegen finanzieller Engpässe abbrechen musste, veranlasste, vor der Familie und der englischen Tristesse nach Neuseeland zu flüchten, hat Kasmin seit den sechziger Jahren Postkarten von exotischen Plätzen gekauft. In den späten Siebzigern, als Postkarten im Kunstbetrieb allenfalls als Quellenmaterial beachtet wurden, dachte sich Kasmin sogar eine Ausstellung aus, für die er Künstler wie Allen Jones und Peter Blake und andere Leute, die Postkarten sammelten, mit Brettern ausstattete, auf denen jeder eine persönliche Auswahl arrangierte. Kasmin steuerte selbst zwei Bretter bei mit einem Lieblingsmotiv: Stufen, Treppen und Leitern. Dazu inspiriert hat ihn die Beschreibung der Treppen in der Palastanlage von Phaistos in Henry Millers Griechenland-Buch „Der Koloss von Maroussi“.

Kasmins Alben sind sorgfältig sortiert nach Motiven, die seine skurrilen und breitgefächerten Interessen spiegeln, Themen wie „Räder und Verkehrsmittel“, „Haarewaschen“, „Bären und Darsteller“, „Picknicks“, „Schlachter und Schlachthäuser“ - oder „Leere Sessel“, die ihn faszinieren, weil sie immer nach neuen Hintern hungern. Beim Blättern kann er zu jeder Karte etwas erzählen, wo er sie entdeckt hat, wie teuer sie war, welche Bezüge sie bei ihm weckt oder welche Geschichten er in sie hineindenkt. Zwischendurch wandert er durch sein Haus, um ein Buch zu suchen, oder er schleift den Besucher mit, um ihm ein Kunstwerk zu zeigen - einen Stich von Rembrandt, ein Paar tibetanischer Schuhe, die im Badezimmer auf einem Regal stehen, einen etruskischen Spiegel, einen Grabhüter der Tang-Zeit, eine Uzbek-Stickerei oder ein kykladisches Gefäß.

Kasmin kommt vom Hundertsten ins Tausendste, und es verwundert nicht, dass er bereits 155 Stunden auf Band gesprochen hat für das Projekt „Gehörte Geschichte“ der British Library. Er spricht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen von seiner „absurd promiskuitiven“ Vergangenheit, von seinen Wanderungen in ferne Gegenden, die er unter anderen mit seinem Freund Bruce Chatwin unternommen hat.

Von Abenteuerlust, Sammlerpassion und Wissensgier getrieben, ist Kasmin, der sich trotz seiner fast achtzig Jahre eine schelmische Jugendlichkeit bewahrt hat, kein Mann der halben Sachen. Am Tag nach unserem Treffen war er unterwegs nach Amiens zu einem Postkartenhändler, um auf dem Weg zu einem Familienurlaub neue Käufe zu tätigen.

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