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Kokoschka in Berlin : Nervenirrsinn

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Vom 21. Juni bis zum 11. Juli 1910 stellte die Galerie Paul Cassirer in Berlin zum ersten Mal Bilder von Oskar Kokoschka in Deutschland aus: die Geschichte eines Debüts.

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          Vor hundert Jahren erlebte Oskar Kokoschka sein Debüt in Deutschland. Vermittelt durch den Wiener Architekt Adolf Loos und Herwarth Walden, der im selben Jahr die Avantgarde-Zeitschrift „Der Sturm“ begründet hatte, zeigte die Berliner Galerie Paul Cassirer in ihren Räumen in der Victoriastraße vom 21. Juni bis zum 11. Juli 1910 knapp dreißig Gemälde, dazu acht Illustrationen zu seiner Dichtung „Der weiße Tiertöter“ und vierzehn Aktzeichnungen von ihm. „Ich bürge für einen sensationellen Erfolg“, hatte Adolf Loos seinen Berliner Freunden zuvor versichert, und Herwarth Walden wird gehofft haben, Berlin durch einen „Succès de scandale“ für das Werk des Wiener Malers einnehmen zu können.

          Denn „Menschen von Geschmack sind einem Nervenchoc ausgesetzt“, hatte die Wiener „Neue Freie Presse“ zuvor skandalträchtig über Kokoschkas Kunst geurteilt, und in Waldens Zeitschrift heizte dann Kurt Hiller die Stimmung an: Als „Larven von Europäern, Weltstadt-Antlitze der Zermürbten und Famosen, Fratzen Aufgegipfelt-Verfeinerter“, die den Betrachter „umsprudeln, umglotzen, umlärmen“, beschrieb der expressionistische Schriftsteller die „nervenirrsinnigen“ Porträts, die im Salon Cassirer erstmals präsentiert wurden.

          Die Ausstellung fand jedoch kaum Besucher und noch weniger Resonanz in den zeitgenössischen Feuilletons. „Die Berliner Presse schweigt sich aus“, musste Walden enttäuscht einräumen, und der erwartete Skandal blieb entsprechend aus. Die publizistischen Spuren der Ausstellung beschränken sich auf zwei Texte in Waldens „Sturm“. Am 7. Juli war hier eben Hillers Hinweis auf die Schau erschienen, vierzehn Tage später folgte ein Prosatext von Else Lasker-Schüler, die damals mit Herwarth Walden verheiratet war, unter der schlichten Überschrift „Oskar Kokoschka“.

          Dieser Essay ist seither in viele Textsammlungen der frühexpressionistischen Dichterin aufgenommen worden. Ohne die Kenntnis der bei Cassirer gezeigten Bilder und Blätter Kokoschkas wird aber kaum deutlich, wie sehr sich der kongeniale Text an seine in Berlin gezeigten Werke anlehnt und sich so als ein lyrischer Gang durch die Ausstellung erweist. „Wir schreiten sofort durch den großen in den kleinen Zeichensaal, einen Zwinger von Bärinnen, tappischtänzelnde Weibskörper aus einem altgermanischen Festzuge“, so beginnt Lasker-Schüler ihren Weg bei den Zeichnungen Kokoschkas: „Warum denke ich plötzlich an Klimt? Er ist Botaniker, Kokoschka Pflanzer. Wo Klimt pflückt, gräbt Kokoschka die Wurzel aus.“

          Die „Gorillapupillen“ des Adolf Loos

          Für die ungewohnte Intensität der wie schonungslose Psychogramme wirkenden Bildnisse sucht die Dichterin Worte aus dem Vegetabilen und der Tierwelt und präsentiert Kokoschka damit als martialischen Vivisekteur, der die kraftvollen Porträts seiner Zeitgenossen zu einer beunruhigenden Menagerie arrangiert. Das Bildnis der Herzogin Victoria de Montesquiou-Fezensac – damals unter dem Titel „Eine preciöse Frau“ und heute im Cincinnati Art Museum – erscheint der Dichterin wie das „Treibhauswunder“ einer blutsaugenden Pflanze; „man kann ihre feinen Staub- und Raubfäden zählen“.

          So beschreibt sie das Liniengespinst, das der Pinselstiel des Malers in der Farbe hinterlassen hat. Adolf Loos dann erkennt Else Lasker-Schüler am stummen „Lauschen seiner bösen Gorillapupillen“ wieder; das Porträt, das die Dichterin 1910 bei Cassirer sehen konnte, gehört heute zur Sammlung der Nationalgalerie Berlin und ist also quasi wieder vor Ort.

          Walden und Lasker-Schüler entdecken Kokoschka

          Als verschollen gilt seit dem Zweiten Weltkrieg das Bildnis von Karl Kraus. Sein Haupt beschreibt die Dichterin als Blume, die aus dem Gerippe der feingliedrigen, überlängten Hand des Schriftstellers erwachsen ist. Als weitere Werke Kokoschkas, die anhand von Lasker-Schülers Prosaskizze mehr oder weniger eindeutig zu identifizieren sind, gelten die Porträts „Vater Hirsch“ (Neue Galerie der Stadt Linz), „Conte Verona“ (Privatbesitz), „Herwarth Walden“ (Staatsgalerie Stuttgart), das magisch anmutende Kinderbildnis des Fred Goldman als „Kind mit den Händen der Eltern“ (Belvedere, Wien) und die Winterlandschaft „Dent du Midi“ (Privatbesitz).

          Für die Dichterin hatte der zur Zeit seiner ersten Berliner Ausstellung gerade vierundzwanzig Jahre alte Maler bereits den Rang eines „alten Meisters, später geboren, ein furchtbares Wunder“. Gemeinsam mit ihrem Mann Herwarth Walden, der – nicht zuletzt angeregt durch die Begegnung mit Kokoschka – 1912 dann seine eigene Galerie gründen sollte, gehörte sie zu den Entdeckern von Kokoschkas Kunst in Deutschland.

          In ihrem Essay zur Ausstellung von 1910 fand sie eigentümliche Worte und Sprachbilder, in denen sie eine Entsprechung zu dem Erlebnis der gesehenen Bilder sucht. In einem offenen Brief an den Galerist Paul Cassirer war sie sich klar: „Sie haben sich am Tage, da Sie Oskar Kokoschka in Ihren Salons ausstellten, selbst hundert Jahre voraus in die Zukunft gesetzt, indem sie als erster Kunsthändler in Berlin den Ewigkeitswert seiner Schöpfungen erkannten.“ Heute wissen wir, wie recht die Dichterin damit hatte.

          „Eine preciöse Frau“

          Geteilt wurde die frühe Begeisterung alsbald von dem Sammler Karl Ernst Osthaus in Hagen, der die Ausstellung im Anschluss an die Präsentation bei Cassirer für sein privates Folkwang-Museum übernahm und aus ihr das Porträt der Herzogin de Montesquiou-Fezensac erwarb, das Kokoschka gegenüber Walden als sein wertvollstes Bild bezeichnet hatte: Es war das erste Bild des Wiener Malers, das seinen Weg in ein Museum fand. „Kokoschkas Kunst verlangt viel, fast zu viel“, urteilte der etwas ratlose Kritiker der „Hagener Zeitung“ damals: „Er versucht in die tiefsten Tiefen der Seele hinabzutauchen und mit unerbittlicher Strenge die Psyche durch seine Ausdrucksmittel festzuhalten.“

          Das Bildnis der Herzogin, das in Berlin und Hagen lediglich den diskreten Titel „Eine preciöse Frau“ trug, wurde 1922 mit der Folkwang-Sammlung nach Essen verkauft und dort – wie nahezu sämtliche Spitzenwerke der Moderne – 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt. Auf der berühmt-berüchtigten Auktion der Galerie Fischer in Luzern, durch die etliche Hauptwerke der Beschlagnahmeaktion devisenbringend „verwertet“ werden sollten, wurde das Bild im Juni 1939 für 3500 Franken dem Kunsthändler Fritz Steinmeyer zugeschlagen, der im Auftrag von Paul F. Geier bot. Aus der Sammlung des Professors für Robotik an der Universität von Cincinnati gelangte das Porträt 1983 in die Sammlung des Cincinnati Art Museum, aus der es derzeit noch bis zum 25. Juli zu Gast ist im Museum Folkwang in Essen in der Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“.

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