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Kokoschka in Berlin : Nervenirrsinn

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Walden und Lasker-Schüler entdecken Kokoschka

Als verschollen gilt seit dem Zweiten Weltkrieg das Bildnis von Karl Kraus. Sein Haupt beschreibt die Dichterin als Blume, die aus dem Gerippe der feingliedrigen, überlängten Hand des Schriftstellers erwachsen ist. Als weitere Werke Kokoschkas, die anhand von Lasker-Schülers Prosaskizze mehr oder weniger eindeutig zu identifizieren sind, gelten die Porträts „Vater Hirsch“ (Neue Galerie der Stadt Linz), „Conte Verona“ (Privatbesitz), „Herwarth Walden“ (Staatsgalerie Stuttgart), das magisch anmutende Kinderbildnis des Fred Goldman als „Kind mit den Händen der Eltern“ (Belvedere, Wien) und die Winterlandschaft „Dent du Midi“ (Privatbesitz).

Für die Dichterin hatte der zur Zeit seiner ersten Berliner Ausstellung gerade vierundzwanzig Jahre alte Maler bereits den Rang eines „alten Meisters, später geboren, ein furchtbares Wunder“. Gemeinsam mit ihrem Mann Herwarth Walden, der – nicht zuletzt angeregt durch die Begegnung mit Kokoschka – 1912 dann seine eigene Galerie gründen sollte, gehörte sie zu den Entdeckern von Kokoschkas Kunst in Deutschland.

In ihrem Essay zur Ausstellung von 1910 fand sie eigentümliche Worte und Sprachbilder, in denen sie eine Entsprechung zu dem Erlebnis der gesehenen Bilder sucht. In einem offenen Brief an den Galerist Paul Cassirer war sie sich klar: „Sie haben sich am Tage, da Sie Oskar Kokoschka in Ihren Salons ausstellten, selbst hundert Jahre voraus in die Zukunft gesetzt, indem sie als erster Kunsthändler in Berlin den Ewigkeitswert seiner Schöpfungen erkannten.“ Heute wissen wir, wie recht die Dichterin damit hatte.

„Eine preciöse Frau“

Geteilt wurde die frühe Begeisterung alsbald von dem Sammler Karl Ernst Osthaus in Hagen, der die Ausstellung im Anschluss an die Präsentation bei Cassirer für sein privates Folkwang-Museum übernahm und aus ihr das Porträt der Herzogin de Montesquiou-Fezensac erwarb, das Kokoschka gegenüber Walden als sein wertvollstes Bild bezeichnet hatte: Es war das erste Bild des Wiener Malers, das seinen Weg in ein Museum fand. „Kokoschkas Kunst verlangt viel, fast zu viel“, urteilte der etwas ratlose Kritiker der „Hagener Zeitung“ damals: „Er versucht in die tiefsten Tiefen der Seele hinabzutauchen und mit unerbittlicher Strenge die Psyche durch seine Ausdrucksmittel festzuhalten.“

Das Bildnis der Herzogin, das in Berlin und Hagen lediglich den diskreten Titel „Eine preciöse Frau“ trug, wurde 1922 mit der Folkwang-Sammlung nach Essen verkauft und dort – wie nahezu sämtliche Spitzenwerke der Moderne – 1937 von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt. Auf der berühmt-berüchtigten Auktion der Galerie Fischer in Luzern, durch die etliche Hauptwerke der Beschlagnahmeaktion devisenbringend „verwertet“ werden sollten, wurde das Bild im Juni 1939 für 3500 Franken dem Kunsthändler Fritz Steinmeyer zugeschlagen, der im Auftrag von Paul F. Geier bot. Aus der Sammlung des Professors für Robotik an der Universität von Cincinnati gelangte das Porträt 1983 in die Sammlung des Cincinnati Art Museum, aus der es derzeit noch bis zum 25. Juli zu Gast ist im Museum Folkwang in Essen in der Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“.

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