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Iwan Aiwasowski in Wien : Schiffbruch im Sonnenuntergang

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Iwan Aiwasowski ist in Europa nahezu unbekannt. In Russland ist der Maler ein Held. Und auf dem internationalen Auktionsmarkt. Jetzt wird er in Wien erstmals mit einer Museumsschau gewürdigt.

          Die Russen lieben ihn: Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski. Ein Name wie aus einem Roman seines Zeitgenossen und Schriftstellers Fjodor Dostojewski. Doch Bilder malte er wie von einem ganz anderen Stern: tosende Wellen, martialische Seeschlachten und strahlende Sonnenuntergänge. Wasser war sein Element. Beharrlich blieb er seinen maritimen Motiven zeitlebens treu (oder konnte einfach nichts besser). Vergleichbar ist er in seinem Status mit dem britischen Heroen George Stubbs.

          Was Stubbs' Pferdemotive für England bedeuten, gilt für Aiwasowski als Maler des Meeres für Russland. In Westeuropa aber ist er fast vergessen, obwohl Turner ihn ein „Genie“ nannte. Eine Legende sagt, bei einer frühen Ausstellung in Paris hätten die Besucher hinter den Bildern nach Lichtquellen gesucht, weil sie so strahlten.

          Von dieser romantischen Kraft profitiert auch der Auktionsmarkt. Im Jahr 2007 wurden bei Koller in Zürich dreißig Werke versteigert mit einem Nettoumsatz von 10,5 Millionen Franken. Der höchste Zuschlag erging damals für das Gemälde „Napoli mit einem Dichter zwischen Fischern“ für 1,6 Millionen Franken. Die Zuschläge lagen meist ein Drittel über den Taxen. Aiwasowski war und ist en vogue, meistens also ein Garant für Erfolg. Erst kürzlich wurde wieder ein Gemälde erfolgreich versteigert: Sein Spätwerk „Blick auf den Bosporus“ brachte bei Koller 350.000 Franken.

          Das teuerste Gemälde von ihm wurde 2007 bei Christie's in London versteigert: 2,4 Millionen Pfund, das waren damals rund 3,5 Millionen Euro, wurden für das wilde Seebild mit kräftiger Sonne und einem Meer wie aus schneidend scharfem Glas „Amerikanische Schiffe bei den Gibraltar-Felsen“ von 1873 bewilligt. Die Taxe lag bei 400.000 bis 600.000 Pfund. Das Gemälde „Küstenlandschaft in Italien“, versteigert 2008 für 2,2 Millionen Franken (umgerechnet damals 1,7 Millionen Euro), ist auffällig idyllisch. Das Meer liegt flach wie ein Spiegel im samtigen Strandbett.

          Ein Fischer landet gerade mit seinem kleinen Boot im Abendlicht an, ein bärtiger Mann führt Esel und Frau über den Sand. Im Hintergrund strahlt die Abendsonne, und ein Zweimaster hat angelegt; seine Segel wirken wie zerbrechliche Schmetterlingsflügel im Licht. Die Spiegelung im Wasser ist klar und präzise. Kein Windhauch kann hier wehen.

          Doch wer ist dieser Maler, der auf dem Kunstmarkt jedes Jahr vielfach aufscheint, dessen Œuvre angeblich 6000 Bilder zählt? Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski wurde 1817 als Kind armenischer Kaufleute in Feodossija in der Krim geboren; damals war seine Heimatstadt orientalisch geprägt, und Iwan hieß Onik. Eine weitere Legende erzählt, dass der Junge aus seinem armen Elternhaus gerettet wurde, weil er mit den Kohlen des Ofens die weiße Hauswand bemalte.

          Im ehemaligen Wohnhaus ist sein Erbe aufbewahrt

          Die Zeichnungen seien einem einflussreichen Bürger der Stadt aufgefallen, der ihn förderte. Gewiss ist: Er geht mit sechzehn Jahren nach Sankt Petersburg auf die Akademie, steigt auf, bekommt Reisen bezahlt und lernt wichtige Leute kennen, darunter auch Puschkin. Dann - ein Höhepunkt in seinem Leben - trifft er auf den vierzig Jahre älteren, britischen Maler William Turner, der die Werke von Aiwasowski in Ausstellungen in Italien, London und Paris gesehen hat und begeistert ist.

          Aiwasowski ist in Russland neben Ilja Repin der populärste Maler des 19. Jahrhunderts. Dieses Erbe bewahrt ein Museum in seinem Heimatort; das Wohnhaus war Anlaufstelle für den Künstler, als er nach seiner langen Reisezeit durch Europa 1844 zurückkehrte und noch lange dort lebte und viele Bilder malte.

          Ein Werk, das sich nicht entwickelt hat

          Doch wie sieht es mit seiner Reputation bei einem breiten Publikum aus? In Wien ist jetzt, erstmals in einem deutschsprachigen Land, eine umfangreiche Museumsausstellung im Bank Austria Kunstforum zu sehen. Ein Startschuss also für seine Schiffbrüche, Schlachten, Marinemanöver, friedliche Küstenlandschaften und immer wieder seine scheinbar hinter der Leinwand brennende Sonne, die in einer Intensität und Unmittelbarkeit auf seinen Gemälden leuchtet, dass es gar unheimlich wird.

          Die ganz große Prominenz wird Aiwasowski in Europa wohl verwehrt bleiben; mit Turner kann er letztlich nicht konkurrieren, denn sein Werk ist, sieht man es nun im Museum in seiner ganzen Fülle, doch recht steif. Die Motive wiederholen sich. Eine spannende Entwicklung ist nicht zu entdecken. Begeistern kann man sich für sein Spätwerk „Die Woge“ von 1889 aus dem Russischen Museum in Sankt Petersburg: Der Großteil der Leinwand geht im tosenden Meer unter.

          Gigantische gewaltige Welten, die ganze Kraft der Natur ist auf diesem drei mal fünf Meter großen Gemälde festgehalten, als würde die Woge gleich über den Rand schwappen und alles unter sich begraben. Die Erzählung des Bildes beschränkt sich auf einen kleinen Strudel im weiten grausamen Meer, in dem ein Mast eines Schiffes und einige verzweifelte Seeleute verschwinden und gerade ihr Leben lassen. Dieses Bild zeigt die ganze Erhabenheit der Elemente, die Winzigkeit des Menschen angesichts der Übermacht der Natur in einer großen malerischen Geste.

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