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In Venedigs Galerien : Bevor die große Kunst kommt

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Was Venedig immer hat: Kurz vor Beginn der Biennale zeigen die lokalen Galerien ihre etablierten Künstler - ein Rundgang durch die Stadt

          3 Min.

          Bald eröffnet die Biennale in Venedig, ihre Besucher werden bis zum 22. November die Stadt belagern. Schon bevor dieses Spektakel losgeht, nutzen die lokalen Galerien und ihre Künstler die Gunst der Stunde und die bereits angereiste Prominenz, um zu zeigen, was sie interessiert. Verknautschte Regenmäntel und feinst gelochte Budapester Schuhe, ein Büstenhalter samt weiteren Dessous auf einer Wäscheleine: Die aus hellem Holz verblüffend naturgetreu geschnitzten Objekte waren auf Venedigs Plakatwänden in den Wochen vor der Biennale nahezu allgegenwärtig.

          Loris Marazzi heißt der vierzigjährige Künstler, ein offensichtlich sehr marketingbewusster venezianischer Bildhauer, der sein skurriles, wenn auch handwerklich perfektes OEuvre im eigenen, sehr praktisch gegenüber von Peggy Guggenheims Museum gelegenen Studio präsentiert und zwischen 1100 und 4000 Euro für seine holzgeschnitzten Alltagsmotive verlangt.

          Boteros Frohsinnsdamen

          Unter den Künstlern, die mit ihren Werken derzeit außerhalb der Biennale am häufigsten in der Serenissima sichtbar sind, nimmt Fernando Botero ganz sicher den zweiten Rang ein. Ob sein nun schon seit Jahrzehnten anhaltender Erfolg als Maler kugelrunder Frohsinnsdamen auch damit zu tun hat, dass sich beleibte Sammlergattinnen vor seinen Bildnissen vergleichsweise schlank vorkommen, dürfte jedoch allenfalls eine Vermutung sein. Auf dem Campo Sant' Angelo zeigt der Kunsthändler Proietti auch einige dieser Bilder.

          Und bei Contini, der eine enorme und ziemlich bunte Auswahl an internationaler Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts von Fontana, Warhol, Baselitz bis hin zu Mimmo Paladino bereithält, könnte man in der Calle dello Spezier beim Campo Santo Stefano auch eine charmante Boterosche Dickmadam, in zartem Grün vor rotem Hintergrund, 1999 entstanden, für 450.000 Euro mit nach Hause nehmen. Doch bei allem Respekt und Wohlwollen: Um einflussreiche zeitgenössische Künstler handelt es sich bei Botero und bei Marazzi, ohnehin zwei Künstler von ganz unterschiedlicher Bedeutung und Prominenz, nun wirklich nicht.

          Von der Kunst-Biennale kaum berührt

          Erstaunlich ist nur immer wieder, dass die Biennale, die ja alle zwei Jahre einen umfassenden Überblick über die Kunstproduktion der Gegenwart bietet, damit in der ständigen Kunstszene dieser Stadt bisher kaum nennenswerte Spuren hinterlassen hat. So zeigen die venezianischen Galerien vor allem etablierte Kunst: „Von Boccioni bis Basquiat“ heißt eine Gruppenschau großer Namen am Campo Maurizio bei Tornabuoni, einem in mehreren italienischen Städten operierenden Händler - miteinander zu tun haben die ausgestellten Künstler wenig bis gar nichts.

          Verdienstvoller ist es, dass Michela Rizzo im Palazzo Palumbo Fossati dem jüngst verstorbenen Fabio Mauri eine Ausstellung widmet, der sich als eminent politischer Künstler in seinem „Erinnerungstheater“, einer Mischform von Performance und Installation, vor allem zwischen 1970 und 1990 mit dem Schrecken und der Faszination von Faschismus und Nationalsozialismus auseinandersetzte.

          Eine Accrochage mit großen Namen

          Unter dem garantiert politikfreien, dafür aber breit einsetzbaren Titel „When ideas become form“ präsentiert die Mainzer Galeristin Dorothea van der Koelen in ihrer venezianischen Dependance an der Calle dei Calegheri eine Gruppenausstellung mit Buren, Kosuth, Morellet, Sander, Verjux, Weiner und Ai Wei Wei: mit lauter seit langem bewährten Kräften also. Im aktuellen Mainstream bewegt sich hingegen die Galerie Il Capricorno, die zur Biennale eine Ausstellung des Miami-Künstlers Hernan Bas zeigt.

          Den berühmten achtzigjährigen indischen Künstler Sayed Haider Raza, dessen Gemälde „La terra“ im Sommer 2008 bei Christie's in London 1,2 Millionen Pfund erzielte, stellt die Bugno Art Gallery auf dem Campo San Fantin zusammen mit seinem jüngeren Kollegen Manish Pushkale vor - auch dies beileibe keine Risikokunst. Aber wer wollte es einem Galeristen verdenken, wenn er nach den kargen finanzkrisengeschüttelten Monaten die Aufmerksamkeit des Biennale-Publikums auf Blue-Chip-Künstler lenkt?

          Biennale im Kleinen

          Nur ein paar Schritte weiter ist eine Art von Satyrspiel zur ernsten Kunst zu besichtigen: Es sind die grotesk fetten Riesenfiguren eines unter dem Künstlernamen Matteo Lo Greco tätigen Bildhauers, der diese abstrusen Werke, ähnlich wie Loris Marazzi auch, mit beneidenswertem Selbstbewusstsein in der eigenen Galerie ausstellt - und dies im Schaufenster als seine Biennale di Venezia bezeichnet.

          In Krisenzeiten ist es kein Wunder, dass die Beschäftigung mit Gegenwartskunst auch in Venedig zu einem Privileg nichtkommerzieller Einrichtungen wird: Ein Beispiel ist die Fondazione Claudio Buziol, benannt nach dem mit siebenundvierzig Jahren gestorbenen Textilmagnaten, der aus kleinsten Anfängen die Marke „Replay“ weltweit etabliert hat.

          Seit 2008 entfaltet die von seiner Familie gegründete Stiftung im prächtigen Palazzo Mangilli-Valmarana - einst Domizil vom britischen Konsul Smith, des legendären Sammlers und Mäzens - vielfältige Aktivitäten zur Förderung junger Talente in Kunst, Design und Mode. So werden zu allen drei Sparten internationale Wettbewerbe, etwa zum Thema „A box of dreams“ ausgeschrieben oder junge Künstler eingeladen, die im Palazzo wohnen und mit einem Stipendium arbeiten können.

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