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Im Gespräch mit Matthias Arndt : Sich der veränderten Situation anpassen

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„Erkenne die Lage“ heißt das Gebot der Stunde - besonders im Geschäft mit der zeitgenössischen Kunst auf dem Primärmarkt: Fragen zum Stand der Dinge an den Berliner Galeristen Matthias Arndt.

          Im Interview erklärt der Berliner Galerist Matthias Arndt, wie er den Einbruch auf dem Kunstmarkt erlebt und wie er den neuen ökonomischen Parametern begegnen will. Die Fragen stellte Rose-Maria Gropp.

          Herr Arndt, die Gerüchteküche kocht, kaum ein Galerist bleibt davon verschont. Auch Sie hat es schon getroffen. Haben Sie Ihre Galerie also geschlossen?

          Nicht dass ich wüsste! Wir zeigen drei Ausstellungen in den Berliner Räumen: Sophie Calle und Erik Bulatov am "Checkpoint Charlie" und Mathilde ter Heijne in der Halle am Wasser. Eine Galerieschließung sieht, glaube ich, anders aus.

          Aber Sie haben Mitarbeiter entlassen?

          Ja, in Berlin und Zürich haben wir insgesamt vier Vollzeit- und eine Teilzeitkraft entlassen müssen, von denen wir eine Mitarbeiterin weiterempfehlen konnten, und ein zweiter Mitarbeiter ist bei Kollegen untergekommen.

          Weitere Konsequenzen?

          Ich arbeite fokussierter denn je aus der Galerie heraus. Ich habe von Anfang an versucht, diese Krise nicht mein Denken dominieren zu lassen, sondern mich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf die Qualität der Ausstellungen und der Werke, die wir zeigen. Auch mit den Verkäufen bin ich, gemessen an der Lage der Welt, zufrieden. Wir blicken auf eine sehr erfolgreiche Zeit zurück, ich habe keine Schulden und kann sämtliche meiner Verpflichtungen erfüllen, und ich muss und kann mein Unternehmen der veränderten Lage anpassen. Ich glaube, ich bin da in einer eher glücklichen Situation. Die Galerie und ich haben in den vergangenen fünfzehn Jahren in Berlin mehrere neue Standorte erschlossen: Jetzt zieht es mich in das neue Quartier Hamburger Bahnhof/Heidestraße. Dort haben wir einen vielseitig geeigneten Raum mit 500 Quadratmeter Fläche, und unsere Verträge am "Checkpoint Charlie" laufen ohnehin Ende dieses Jahres aus.

          Können Sie konkrete Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Kunsthandel benennen? Zum Beispiel Preisrückgänge bei zeitgenössischer Kunst in Prozent? Oder lassen sich besonders betroffene Künstler ausmachen?

          Der "Einschlag" der Krise in den Kunstmarkt lässt sich, glaube ich, nicht exakt spezifizieren. Wir bewegen uns hier in einem Raum von Vermutungen und in einer Atmosphäre, geprägt von Emotionen, zu denen Ängste und leider auch Neid und Schadenfreude gehören. Deshalb schießen so viele Spekulationen ins Kraut, und Frontpersonen wie einige Kollegen und ich - die über lange Zeit für ihre Kunst und für den Standort Berlin gekämpft haben und die ihre Arbeit auch unabhängig von den starren Grenzen des herkömmlichen Galerienbetriebs sehen - sind da auch Zielscheiben. Damit kann ich leben. Jedoch will ich meine Zeit nicht mit Dementis und Krisengesprächen verbringen, denn: Ja, die aktuelle Lage trifft und betrifft jeden Markt, also auch den Kunstmarkt und sämtliche seiner Akteure. Aber spannend ist doch nicht, welcher Kollege seine Arbeit wie einschränken oder beenden muss, sondern wie wir inhaltlich mit dieser Krise umgehen, wie wir unser Geschäft und dessen Legitimation entwickeln!

          Gibt es also einen Lerneffekt für die Zukunft?

          Hier halte ich mich an eigene Erfahrungen in einem überhitzten Markt, den wir uns am Ende alle ruhiger wünschten: weniger Messen, weniger Produktionsdruck, weniger "Sozialdruck" gegenüber Sammlern und Multiplikatoren. Wir haben doch fast Glück, dass wir zum Innehalten gezwungen sind - und an dieser Stelle heiße ich die Krise geradezu willkommen und benutze sie, um meine Arbeit als Galerist, als Kunstvermittler wieder neu zu fokussieren. Wir haben in den letzten Jahren, wenngleich erfolgreiche, so doch riesige Strukturen geschaffen und unseren Markt und uns selbst einer enormen Beschleunigung ausgesetzt. Ich habe die Galerie gebaut, wie sie mir am stärksten am Markt und am besten für die Künstler agierend aufgestellt schien. Ändern sich die ökonomischen Parameter, muss ich hier korrigieren.

          Haben Sie eine Prognose für die nahe Zukunft? Zunächst vielleicht für das Gallery Weekend Anfang Mai in Berlin?

          Das Gallery Weekend hat doppelt Bedeutung: Einmal als Indikator des Markts, also ob es gelingt, das Publikum nach Berlin, aber auch in die euphorische Stimmung zu bringen, die es zum Kaufen animiert. Und dann, weil auch und gerade in Berlin und vor allem in diesen Zeiten die Akteure zusammenstehen müssen, um als exzellente Gastgeber die für die hiesige Kunstlandschaft dringend benötigten Auswärtigen in die Stadt zu bringen. Denn bevor man sich um die Verteilung des Kuchens streitet, muss er erst gebacken werden! Die nach Berlin zugezogenen und die noch weiter zuziehenden Big Players - wie Petzel/Capitain und Sprüth Magers, aber auch Daniel Buchholz - werden das vermeintlich "gewachsene" Kräftegefüge in Berlin verändern. Auf deren Input und deren Künstler und Kontakte für Berlin freue ich mich, hier sehe ich eine Bereicherung und "Vitaminspritze".

          Über das Gallery Weekend hinaus erwarte ich auch starke Impulse und wachsenden Einfluss der Institutionen: Die Ankunft von Udo Kittelmann als Direktor der Nationalgalerie hat eine große Bedeutung, der Neue Berliner Kunstverein, die Berlinische Galerie und die Kunst-Werke, eine temporäre - und vielleicht bald eine staatliche - Kunsthalle in Berlin. Hier sehe ich enormes Potential für die Institutionen, die Galerien aus ihrer notgedrungenen Pflicht der "Kunsthallen-Rolle" zu entlassen und den Staffelstab zu übernehmen. Raum und Verantwortung für die Galerien, auch für Erstpräsentationen, gibt es da weiterhin genug!

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